Was steckt hinter „munchner.gesindel“?

Bekannte Instagram-Seite greift Münchner Klischees auf - und polarisiert damit: Betreiber gibt ehrlichen Einblick

Mann mit Kapuze und Laptop anonym Symbolbild
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Der Betreiber des Instagram-Accounts „munchner.gesindel“ will anonym bleiben. Trotzdem verrät er Details über den Account (Symbolbild).

Der Instagram-Account „munchner.gesindel“ ist bei jungen Menschen stadtbekannt und prangert Missstände an. tz.de hat mit dem Betreiber über sein Engagement gesprochen.

  • In München gibt es extreme Unterschiede zwischen arm und reich.
  • Die Instagram-Seite „munchner.gesindel“ will unterhalten - und auf Missstände aufmerksam machen.
  • tz.de hat mit dem Betreiber der wachsenden und polarisierenden Seite gesprochen.

München - Die bayerische Landeshauptstadt München mit 25 Stadtbezirken und gut 1,5 Millionen Einwohnern ist bekannt als eine Stadt der Extreme. Im Jahr 2019 galten 204.000 Menschen als bedürftig, 111.000 Münchner hingegen als reich. Rund 9.000 Obdachlose gibt es inmitten der Metropole laut Angaben des Evangelischen Hilfswerks - sie leben in Notunterkünften, Clearinghäusern, wilden Camps an der Isar oder in Abrisshäusern ohne Strom und Heizung.

Der auf Instagram vor allem unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen populär gewordene Account „munchner.gesindel“ bietet zwar größtenteils satirische Beiträge, hat sich dem Betreiber zufolge aber auch dem Zusammenhalt der Stadt verschrieben. Und: Er will Obdachlosen helfen. Zwischen den ernsten Beiträgen können Abonnenten der Seite aber meist schmunzeln - jüngst auch bei einem Video aus München, in dem Polizisten einen Balkon umstellen.

Dass das „Gesindel“ - die Follower des Accounts - gut mit der Satire umgehen können, beweisen die Kommentare. Während ein Nutzer mit einem Augenzwinkern vermutet, die Zielperson des Einsatzes habe die GEZ-Gebühren nicht bezahlt, meint ein anderer, die Beamten suchen „den Typ der Brötchen und Berliner sagt“.

Aber kann ein Social-Media-Account, der seine knapp 57.000 Abonnenten auf den ersten Blick mit witzigem auf München gemünzten Inhalt unterhält, wirklich die Entwicklung der Stadt beeinflussen? tz.de hat darüber mit dem Betreiber des Accounts gesprochen und erfahren, wer hinter der enormen Reichweite steckt und welche Arbeit, Verdienst und Motivation das Engagement mit sich bringt.

Münchner Gesindel: Instagram-Account wächst pro Tag um bis zu 300 Abonnenten - so entstand die Idee

Der Teamleiter des Accounts, der sich selbst mit einem Augenzwinkern als „Kopf der Bande“ bezeichnet, will nicht mit seinem Namen in die Öffentlichkeit treten. Über sich selbst verrät er nur, im Stadtteil Sendling zu leben und ein „echter Münchner“ zu sein. „Unser Team, das sich um den Inhalt kümmert, ist zwischen 20 und 30 Jahre alt und untereinander gut befreundet“, sagt der Betreiber. Gestartet habe er den Account recht spontan am 6. Dezember 2019. „Ich lag kurz davor nachts im Bett und habe darüber nachgedacht, wie man der Stadt etwas zurückgeben könnte“, verrät der Mittzwanziger.

Nachdem die Idee geboren war, sei der Name der Seite dann als Abwandlung des Münchner Kindls entstanden - „wobei Münchner Gesindel natürlich ironisch und nicht wirklich abwertend für die Community gemeint ist“. Seit dem Start vor gut einem Jahr sei der Kanal täglich um 200 bis 300 Follower gewachsen. „Derzeit sind es nur rund 100 neue pro Tag, was auch dem Corona-Stillstand geschuldet ist - es passiert einfach weniger in der Stadt“, meint der Münchner. Trotzdem zählt der Account aktuell knapp 57.000 Abonnenten. Zum Vergleich: Münchens zweite Bürgermeisterin Katrin Habenschaden folgen rund 5.000 Menschen auf Instagram, was etwas weniger als einem Zehntel entspricht.

Stadtbekannter Instagram-Account in München spricht junge Zielgruppe aus ganz Deutschland an

Mehrere Personen im Team, darunter Studenten, Angestellte und junge Erwachsene in Elternzeit, kümmern sich täglich je nach zeitlicher Kapazität um die Erstellung der Memes. Die Bild- oder Videoinhalte - versehen mit humoristischem, sarkastischen oder gesellschaftskritischem Tenor - landen kurze Zeit später auf den Handys der überwiegend jungen Zielgruppe. „Laut dem Analysetool von Instagram sind die meisten Abonnenten zwischen 18 und 24 Jahre alt“, sagt der Teamlead.

„Wir greifen bei unseren Beiträgen auf Themen zurück, die wir speziell auf München münzen“, erklärt der Teamleiter. Die Abonnenten kommen trotzdem nicht nur aus der Landeshauptstadt, sondern „definitiv aus ganz Deutschland“. Warum viele der Beiträge viral gehen, weiß selbst der „Kopf der Bande“ oft nicht. „Zum Erstellen muss man auf jeden Fall Münchner sein, um ein Gespür für die richtigen Themen zu haben - aber oft laufen genau die Beiträge am besten, über die wir selbst am wenigsten lachen“, meint der Sendlinger und schmunzelt.

Account-Betreiber will Münchner Realität widerspiegeln und Missstände anprangern

Viele Beiträge greifen gefühlte Klischees einzelner Stadtteile auf und sollen andere Einwohner mit einem Augenzwinkern auf die Vielfalt und Gegensätze Münchens aufmerksam machen. Unter den Beiträgen wird auf den Reichtum vieler Grünwalder, den Drogenkonsum in Neuperlach, die Schickeria am Stachus oder auf die teils weniger betuchten Einwohner Giesings angespielt. Oft kommentiert die Seite auch Probleme und kontroverse Themen wie Obdachlosigkeit, teure Mieten, den überfüllten ÖPNV, Armut oder Corona-Demos in der Landeshauptstadt.

Die Motivation hinter dem Account definiert der Betreiber sehr klar: „Wir wollen der Stadt etwas zurückgeben, das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und den Einwohnern eine Stimme geben“. Die Verantwortung der großen Reichweite nutze das Team, um sich „gegen Homophobie, Rassismus und Mobbing“ einzusetzen und Obdachlose zu unterstützen. „Wir starten regelmäßig Spendenaktionen auf Instagram und kaufen mit dem Geld Lebensmittel für Bedürftige.“ An Organisationen würden die Spenden nicht weitergereicht, damit sichergestellt sei, dass das Geld tatsächlich für Münchner Obdachlose eingesetzt wird. Auf eben deren Not und das Wegsehen der Bevölkerung macht der Account vermehrt aufmerksam.

Hass und Imagewechsel – aber kein Abrücken von den vertretenen Werten

„In letzter Zeit haben wir für das Vertreten unserer Werte viel Hass einstecken müssen“, sagt der Teamlead. Im Fokus der Kritiker: Das Bloßstellen von Menschen, die öffentlich dunkelhäutige Einwohner rassistisch betitelten. Zuvor hatte munchner.gesindel ein zugespieltes Video, in dem eben ein solcher Vorfall dokumentiert wurde, am 9. Januar dieses Jahres veröffentlicht. Mittlerweile hat das Team das Video gelöscht - „wir wollen den Personen nicht noch mehr schaden“, meint der Betreiber. Das Anprangern solcher Missstände wolle man künftig generell subtiler angehen, weniger polarisieren und das Image der Seite verändern. Manche Nutzer hatten auch das Verbreiten selbst kritisiert. Einige darunter vertraten die Ansicht, man biete dem Rassismus durch Bloßstellen eine unnötige Bühne zur Verbreitung der falschen Ideologien.

Trotzdem betont der Betreiber: „Wir bereuen keinen Post und scheuen uns auch künftig nicht davor, unsere Reichweite gegen Rassismus zu nutzen.“ Über rechtliche Grenzen lasse sich das Team juristisch beraten, schrecke aber auch nicht vor einer Überschreitung dieser zurück wenn ihnen „etwas sehr gegen den Strich geht“. Um die Reichweite zu steigern, beschäftigt die Gruppe auch eine Social-Media-Agentur. „Die Kosten decken wir mit Werbeeinnahmen aus unseren Storys.“ Auch die eigene Mitarbeit lasse sich dadurch mit einem „guten Nebenverdienst“ honorieren – das sei aber nicht die Hauptmotivation.

Instagram-Account polarisiert mit Offenlegung von rassistischen Vorfällen - Expertin ordnet das Vorgehen ein

Marina Mayer, Teil des Vorstands des Vereins „Netzwerk Rassismus- und Diskriminierungsfreies Bayern“, ordnet das Offenlegen von rassistischen Vorfällen auf Nachfrage von tz.de fachlich ein. Sie vermutet, dass munchner.gesindel von der Abgrenzung durch besonderen Inhalt profitiert - zu dem eben Videos mit enthaltenen rassistischen Äußerungen genauso gehören würden, wie Videos über Menschen, die beispielsweise im Eiswasser baden.

Mayer meint, durch bloße Veröffentlichung von Content, der rassistische Vorfälle zeigt, sei erstmal nicht viel gewonnen - „im Hinblick auf Unterstützung und Entschädigung für die Betroffenen, Schutz vor künftigen Übergriffen oder Lernprozessen auf Täterseite“. Ein Video, das unreflektiert solche Anfeindungen zeigt, könne bei manchen Menschen gar das Bedrohungsgefühl erhöhen.

Trotzdem gesteht sie dem Account zu: „Ein kurzes Video kann ein Beleg für eine rassistische Beleidigung oder einen machtmissbrauchenden Übergriff sein, der die Glaubwürdigkeit der Geschädigten unterstützt. Manchmal sei es wichtig, Rassismus und Antisemitismus sichtbar zu machen und auch zu ächten. „Wichtig wäre aber auch, sich nicht nur auf einzelne Personen und deren Äußerungen zu kaprizieren, sondern auch gesellschaftliche Strukturen in den Blick zu nehmen und zu verändern.“

Aber: „Es ist nicht der Auftrag von munchner.gesindel ein ausgewogenes umfassendes Bild der Gesellschaft zu zeichnen. Ich finde, das ist vertretbar, solange eine Verhältnismäßigkeit gewahrt bleibt.“ Dem Effekt, dass Personen mit eigener Rassismuserfahrung das Video unvorbereitet sehen, ließe sich mit einer Content-Warnung beikommen. Auch mögliche Konsequenzen für die gezeigten Personen müssten mit bedacht werden. Das Fazit der Rassismus-Expertin: „Dass sich die Seitenbetreiber:innen als diskussions- und lernbereit zeigen, ist doch ein gutes Zeichen!“ (nap)

Über die Unterschiede zwischen arm und reich in der Landeshauptstadt lesen Sie hier, über die einzelnen Stadtviertel hier.

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