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München: Experte erklärt drastisch steigende Inzidenz - OB Reiter geht Bund und Länder an

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Von: Klaus Vick, Martina Williams

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Angst vor einer Infektion? Nur wenige Besucher sind in der Innenstadt
Angst vor einer Infektion? Nur wenige Besucher sind in der Innenstadt © Marcus Schlaf

Lange war München eher Mittelmaß – jetzt steigen die Corona-Infektionszahlen rasant an: Die Sieben-Tage-Inzidenz lag am Donnerstag bei 1830! Experten erklären die Gründe dafür.

München - Die Inzidenz in dieser Stadt in Höhe von 1830 ist in Bayern der dritthöchste Wert hinter Dachau (2112) und Rosenheim (1835). Kreise wie Coburg und Hof liegen dagegen unter 500. Warum das so liegt? Ein hiesiger Virologe nimmt Stellung: „Das Problem sind zum einen die niedrigen Impfquoten in München“, erklärt Prof. Franz-Xaver Reichl, Beauftragter für die Biologische Sicherheit von Bakterien und Viren an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU).

Bei den Erstimpfungen liegt die Zahl bei 71,8 Prozent, bei den Zweitimpfungen bei 69 Prozent und bei den Drittimpfungen bei nur 40,5 Prozent. Reichl: „Weil der Immunschutz nach der zweiten Impfung abnimmt, ist gerade die Booster-Impfung so wichtig – und dafür sind 40 Prozent eindeutig zu wenig!“ Dazu seien viele Leute frustriert. „Teils werden Masken nicht mehr getragen und Kontaktbeschränkungen übergangen“, so Reichl. Das zeige sich auch bei Demos, wie am Mittwoch, als Tausende Corona-Gegner am Königsplatz protestierten. „So kann sich das Virus leicht verbreiten.“

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München: Immer mehr Corona-Patienten auf den normalen Stationen

Dass die Patienten-Zahlen derzeit auf den normalen Stationen in den Kliniken steigen, auf den Intensivstationen nicht, liege an Omikron und dessen milderem Krankheitsbild: „Es müssen weniger Menschen intensivmedizinisch behandelt werden, trotzdem kommen sie mit hohem Fieber ins Krankenhaus.“

Franz-Xaver Reichl, Professor an der LMU
Franz-Xaver Reichl, Professor an der LMU © Marcus Schlaf

Aber: Die Zahl der Intensivpatienten könne schnell wieder steigen – etwa bei neuen Mutationen. Reichl: „Studien zeigen, dass sich Viren in Ungeimpften länger aufhalten als in Geimpften.“ Je länger ein Virus unbehelligt im Körper stecke, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass es mutiert. „Das ist überall auf der Welt so.“ Der Ausblick sei besorgniserregend: „Derzeit verdoppelt sich die Omikron-Variante innerhalb von zwei bis drei Tagen. Um die Pandemie in den Griff zu bekommen, braucht es eine Impfpflicht.“

Um die 80 Patienten mit Corona-Symptomen* hat Dr. Wolfgang Ritter allein am Mittwoch getestet. „Die Hälfte hat Covid-19, das macht 40 neue Corona-Patienten an nur einem Tag“, sagt der Allgemeinarzt der Gemeinschaftspraxis Dr. Grassl. Die Impf-Nachfrage sei deutlich zurückgegangen. „Das mag an der Wahrnehmung der Patienten liegen, dass Omikron nicht so gefährlich ist“, so der Mediziner. „Derzeit impfen wir etwa 250 Patienten pro Woche.“ Im Dezember waren es über hundert täglich.

Dass gerade in München die Zahlen explodieren, in manchen Landkreisen dagegen nicht, liege an Omikron. „Die Variante ist deutlich ansteckender, dies schlägt sich in städtischen Ballungsräumen nieder, da mehr Menschen auf engeren Räumen zusammenkommen“, erklärt das Vorstandsmitglied vom Bayerischen Hausärzteverband. „Das zeigt sich in allen deutschen Großstädten.“

München: Stadt will keine neuerlichen Regel-Verschärfungen

Auch das Gesundheitsreferat weiß, dass Omikron das Infektionsgeschehen drastisch verschärft. Trotzdem findet Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek: „Die Regeln im Bereich des öffentlichen Lebens sollten zunächst belassen werden, solange sich keine Überlastung unseres Gesundheitssystems abzeichnet.“ Doch angesichts der vielen Ansteckungen werde es schwieriger, Infektionsketten zu verfolgen. Zurek appelliert deshalb an alle, sich bei Krankheitszeichen zu isolieren und das Umfeld zu informieren. Und: „Nehmen Sie bitte unsere Impfangebote wahr. Sie schützen damit sich selbst und andere.“

Mit Sorge blickt OB Dieter Reiter* auf die Infektionszahlen. „Nur durch eine hohe Impfrate können wir die Ausbreitung von Corona und die Bildung immer neuer Varianten bremsen und irgendwann hoffentlich beenden.“ Die neuen Lockerungen hält er für richtig: „Ich freue mich, dass der Freistaat meinem Appell gefolgt ist und Erleichterungen für den Kulturbereich ermöglicht hat – gerade hier gibt es sehr gute Hygienekonzepte.“

Corona-Politik und der Widerspruch: Reiter übt Kritik an Bund und Freistaat

Kritik übt Reiter schon länger am Krisenmanagement der Bundesregierung und des Freistaats: „Eine Impfpflicht ausschließen und sie dann doch einführen zu wollen, das schafft kein Vertrauen. Weder die Wissenschaft noch die Politik kann genaue Vorhersagen machen, wie sich die Pandemie weiterentwickelt - man sollte auch so ehrlich sein, das so zu benennen.“

Bürgermeisterin Katrin Habenschaden hält ebenfalls nichts von neuen Verschärfungen, „solange die Krankenhäuser nicht überlastet sind“. Dagegen ärgert sie sich über die schwierige Lage für Kinder und Eltern: „Was sich an den Schulen abspielt, ist zum Teil haarsträubend. Ergebnisse von PCR-Tests kommen zu spät, Quarantäne-Regeln ändern sich mehrmals die Woche, Familien sitzen in Dauer-Quarantäne daheim, immer mehr Kinder erkranken. Kinder und Eltern sind in Jahr drei der Pandemie erneut die Leidtragenden.“

Die aktuelle Corona-Lage erwies sich als zu unsicher für Publikumsmessen: Neben den Münchner Auto Tagen wurde zudem auch eine beliebte Reisemesse abgesagt. *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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