Humor als Lebenselixier 

„Mia schaffen des“ -  Kabarettist Simon Pearce zu den Wochen gegen Rassismus

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„Ich wollte immer auf die Bühne:“ Simon Pearce auf dem Fischerbuberl-Brunnen am Wiener Platz.

Der Kabarettist Simon Pearce spricht im Interview mit dem Münchner Merkur zu den Wochen gegen Rassismus über seine Erfahrungen, seine Hoffnungen und sein Engagement gegen Rassismus.

Simon Pearce kommt pünktlich zum Interview. Überpünktlich. „Ist ja schlecht fürs Image“, witzelt er. In Haidhausen hat der Schauspieler und Comedian zehn Jahre gelebt, jetzt wohnt er im Zentrum. Pearce ist Sohn der Volksschauspielerin Christiane Blumhoff. Sein verstorbener Vater war Nigerianer. Zufälligerweise sind die Kabarett-Kollegen Michael Altinger und Christian Springer auch gerade im Hofbräukeller. Man begrüßt sich freudig. „Und, warst gestern im Stadion?“, fragt der Löwenfan Pearce Michael Altinger. War er. „Oh mei, was soist song?“, antwortet Altinger und winkt ab. Die Sechzger haben wieder mal verloren. Simon Pearce tritt am Montag bei der Auftaktveranstaltung der Internationalen Wochen gegen Rassismus (Programm in der Spalte rechts und unter www.muenchen.de/gegen-rassismus) im Münchner Rathaus auf. Wir haben mit dem 37-Jährigen über seine persönlichen Erlebnisse und Rezepte gegen Rassismus gesprochen.

Herr Pearce, Humor ist ein guter Lebensbegleiter. Hilft er auch, Rassismus besser zu ertragen?

Humor ist für mich das beste Vehikel – sowohl zur Kompensation als auch zur Aufklärung. Das war schon immer so in meinem Leben. Man kann Leute auch mit Humor auf ihre Fehler hinweisen – obwohl das nicht mein Hauptantrieb ist. Es ist immer besser, humorvoll, sympathisch und offen zu bleiben, als wenn man rumschimpft.

Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel: „So viel Weißbier kannst gar ned trinken “ – ein lustig gemeinter Spruch Ihres ehemaligen Fußballtrainers . . .

. . . ja mei, der Roland . . .

. . . mit dem Nachsatz – „so viel Weißbier, damit’s no was werd mit da Farb“. Können Sie darüber heute noch lachen?

Der Ton macht die Musik. Dann erträgt man manches leichter – auch wenn ich mit dieser Haltung etwas gegen den Strom schwimme. Furchtbar schlechte „Negerwitze“ finde ich nicht lustig. Das Wort „Neger“ bleibt eine Beleidigung. Aber von dem Spruch meines Trainers habe ich mich nicht beleidigt gefühlt.

„Das Thema Rassismus ist immer aktuell:“ Simon Pearce im Gespräch mit Merkur-Redakteur Klaus Vick.

Sie sind in Puchheim bei München aufgewachsen. Waren Sie in Ihrer Kindheit häufig mit Alltagsrassismus konfrontiert?

Auf jeden Fall – obwohl man vieles erst später kapiert. Wir hatten zum Beispiel einen Nachbarn, der unsere Familie einfach nicht gegrüßt hat. Außerdem gab es im Nachbarort Gröbenzell eine große Neonazi-Szene. Nachts beim Heimgehen habe ich mich oft im Gebüsch versteckt. Da denkt man sich: Das kann doch nicht wahr sein, dass ich nur wegen einer anderen Hautfarbe Angst haben muss. Auch beim Fußball hat man Sprüche gehört wie: Haut’s den Bimbo um.

Hatten Sie dennoch eine schöne Kindheit?

Ja. Ich hatte viele Freunde. Und es gab auch viele nette Nachbarn. Meine Kindheit war behütet, wie man so schön sagt.

Wegen der dummen Sprüche von Fußball zu Basketball gewechselt

Wie alt waren Sie, als Sie die dummen Sprüche beim Fußball hörten?

So elf oder zwölf Jahre. Das war dann auch der Grund, weshalb ich vom Fußball zum Basketball gewechselt habe.

Da hatten Sie es mit Ihrer Körpergröße von knapp 1,70 Meter aber auch nicht leicht.

Aber in dieser Sportart bist du als Schwarzer cool. Man erlebt sozusagen den positiven Rassismus. Einmal standen in meiner Mannschaft vier Schwarze. Die Gegner haben dann gesagt: Das ist Wettbewerbsverzerrung – ihr habt ja vier Neger in der Mannschaft.

„Bei Polizeikontrollen war der Dialekt die erste Deeskalationsstufe“

Sie sprechen Bairisch. Das hat vermutlich den Alltag in Ihrer Kindheit und Jugend erleichtert.

Ja, das hilft. Auch bei Polizeikontrollen war der Dialekt die erste Deeskalationsstufe. Weil die Beamten gemerkt haben: Des is ja oana von uns.

Fühlen Sie sich als echter Bayer?

Jaaa, schooo. Als Münchner.

Aber irgendwie sprechen Sie inzwischen schon ziemliches Hochdeutsch nach Ihren zahlreichen Drehterminen im Rest der Republik.

(lacht) Stimmt. Ich bin schon etwas eingehochdeutscht. Außerdem wird einem der Dialekt an der Schauspielschule rausgeprügelt.

Sie erzählen gerne von einer Episode in einer Metzgerei, wo man begeistert war, dass Ihr dunkelhäutiger aus Nigeria stammender Vater „so gut Deutsch spricht“. Ist diese Reaktion rassistisch?

Streng genommen schon. Aber auch hier sage ich: Ich find’s nicht so schlimm. Der Spruch ist ja per se nicht böse gemeint.

Sie wurden wegen Ihrer Hautfarbe als „Drecksneger“ beschimpft und auf offener Straße am Ostbahnhof zusammengeschlagen. Auch das scheinbar weltoffene München ist keine Insel der Seligen...

Klar, aber trotzdem bin ich der Meinung, dass München eine tolerante Stadt ist. Man darf nur nicht glauben: Nur im Osten gibt es Nazis, bei uns nicht. Hier gibt es genauso Idioten und intolerante Menschen.

„Heute hält man auch die Augen offener“

Nehmen Sie Rassismus heute anders wahr als in Ihrer Kindheit?

Ja. Die Fühler sind jetzt sensibler. Früher hat mich der Rassismus stärker persönlich getroffen. Heute hält man auch die Augen offener, wenn man zum Beispiel in eine Kneipe geht.

Tritt Rassismus und Ausländerfeindlichkeit heute öfter auf als in den 80er-, 90er- oder Nuller-Jahren?

Rassismus ist mehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das grundsätzliche Problem bei vielen Themen ist, dass es in der Debatte nur noch zwei Extreme gibt. Dadurch entstehen härtere Fronten. Früher gab es klare Nazis. Oft waren das halt dumme Schläger. Heute aber nehmen manche Politiker Begrifflichkeiten in den Mund, die sie vor 15 Jahren nicht ungestraft hätten sagen können. Und zwar auch von der CSU. Die ganze Rhetorik ist nach rechts gerückt, und der politische Rand nach innen.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien dabei?

Keine gute. Gerade im Netz findet eine üble Schwarz-Weiß-Malerei statt. Es werden nur Standpunkte herausgefeuert und nicht diskutiert.

Sie treten als Künstler bei der Auftaktveranstaltung der Internationalen Wochen gegen Rassismus im Münchner Rathaus auf. Haben Sie sofort zugesagt?

Natürlich. Für mich ist das Thema Rassismus immer aktuell. Man kann nicht aufhören, dagegen anzureden. Auch wenn ich bei so einer Veranstaltung sozusagen vor einem Chor predige. Denn die Leute dort kommen ja nicht aus der rechten Ecke und brauchen sich nicht angesprochen fühlen.

Sind solche Veranstaltungen dennoch wichtig?

Klar. Es geht auch um mediale Aufmerksamkeit. Aber prinzipiell sollte man öfter das Gespräch mit Menschen suchen, die in die rechte Ecke abdriften. Um deren Beweggründe zu hören. Wichtig ist es, intolerante Denkansätze zu ändern. Jeder, den man überzeugen kann, ist ein gewonnener Mensch.

Macht Ihnen gerade vor der Europawahl im Mai das Erstarken nationalistischer Parteien in ganz Europa Sorgen?

Ja. Es geht auch um meine Familie. Ich will jetzt nicht auf 1933 verweisen. Aber die Stimmung kann schnell kippen. Ich hab schon erlebt, dass meiner schwangeren Freundin von einem Deutschen vor die Füße gespuckt wurde. Er hat dann noch gesagt, das sei ja widerlich -– weil sie quasi mit einem Schwarzen geschlafen hat.

Warum haben rechte Parteien gerade in den vergangenen Jahren so großen Zulauf bekommen?

Diese Parteien haben schlau kommuniziert. Ein schlauer Populismus. Trump ist das allerbeste Beispiel. Den Wind, der ihm entgegenwehen wird, nimmt er immer schon vorweg: Die Künstler sind gegen mich, die Medien lügen. Das hat er seinen Wählern alles schon vorher eingetrichtert. Und seine Anhänger glauben ihm das. Ein weiterer Grund für den Zulauf populistischer Parteien ist, dass viele weiße Männer das Gefühl haben, ihnen wird etwas aus ihrer Komfortzone genommen: Überfremdung, Gleichberechtigung der Frauen, und so weiter. Die reden sich dann ein, ich hab bald nichts mehr zu sagen oder: Unser Volk wird ausgerottet.

Sie haben für das Lehramt studiert, sind aber dann doch Schauspieler geworden. Hat Ihre Mutter Sie geprägt?

Das Lehramtsstudium war ein kurzer Akt der Revolution. Aber der Schwenk lag auch am Tod meines Vaters. Mir ist plötzlich bewusst geworden, dass ich immer auf die Bühne wollte . . .

. . . also seinen Träumen zu folgen im Moment eines Schicksalsschlages . . .

Genau. Ich dachte mir: Mach, worauf du Lust hast, in der Schule wirst du nicht glücklich.

„Ich gehe immer gerne zur Arbeit“

Haben Sie als Schauspieler und Comedian Ihre Erfüllung gefunden?

Auf jeden Fall. Ich bin glücklich in meinem Leben und gehe immer gerne zur Arbeit.

Sie sind vor fast einem Jahr Vater geworden. Eine weitere Erfüllung?

Ja, eine geile Erfahrung. Ich hätte es mir schöner nicht träumen können.

Als bekennender Löwenfan brauchen Sie sowieso viel Galgenhumor, um das Leben bewältigen zu können. Wirkt der Fußball völkerverbindend, oder ist auch dort Rassismus ein Problem?

Beides ist der Fall. So wie es den Rassismus in der Gesellschaft gibt, so tritt er eben auch in Fußballstadien auf. Bei den Löwen gab es ja auch eine rechte Szene. Die sind „verjagt“ worden, und ich glaube, im Grünwalder sind die tatsächlich nicht mehr. Ich hab jedenfalls selbst schon erlebt, dass diese Faschos aus dem Sechzger-Stadion verbal rausgeprügelt wurden. Als sie mit ihren Sprüchen kommen wollten, hat die ganze Stehhalle geschrien: Wir sind Löwen – und ihr nicht! Die zehn Hanseln sind dann aus dem Stadion gekrochen. Der Fanblock hat das geregelt, auch eine Art Revolution.

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass rassistische Lebenseinstellungen irgendwann verschwinden?

Relativ klein. Es scheint etwas Menschliches zu sein, dass man sich abgrenzen muss, dass man nichts von seinem Kuchen abgeben will. Vielleicht wird die Angst solange da sein, bis irgendwann die Außerirdischen kommen – und man einen neuen gemeinsamen Feind hat. Es ist leichter, sich gegen etwas Konkretes zur Wehr zu setzen, zum Beispiel gegen marodierende Flüchtlinge, als gegen abstrakte Dinge wie üble Finanzgeschäfte von Steuerbetrügern oder Unternehmen. Das taucht drei Tage in den Medien auf – und ist dann wieder vergessen.

So eine Art menschliches Ventil, um seinen Frust loszuwerden.

Genau. Ausländer – böse – fertig.

Sie sind ein so positiver Mensch – bitte einen Hoffnung machenden Satz zum Ende des Interviews?

Also jetzt auf München bezogen: Mia schaffen des – auch wenn es immer Idioten gibt. Die gescheiten, vernünftigen Leute überwiegen aber. Es gibt mehr Leute, die das Leben lieben, als Menschenhasser.

Interview: Klaus Vick

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