Bertelsmann-Stiftung

Kita-Studie zeigt, was Eltern wollen und wie viel an Extraleistungen anfallen 

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Wie viel sollen Eltern für die Kita zahlen? Die Bertelsmann-Stiftung hält eine Beitragsfreiheit für kontraproduktiv. Das Geld müsse in mehr Qualität fließen.

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung warnt vor der generellen Beitragsfreiheit von Kitas. Die gehe auf Kosten des Qualitätsausbaus. Die in München geplante Gebührenbefreiung für noch mehr Familien werde keinen Einfluss auf die Qualität der städtischen Kitas haben, betont dagegen Bildungsreferentin Beatrix Zurek (SPD).

Die von der Bundesregierung geplante Beitragsfreiheit für alle Kitas gefährdet die Qualität in den Krippen und Kindergärten. Zu diesem Ergebnis kommt die am Montag veröffentlichte Studie „ElternZoom 2018“ der Bertelsmann-Stiftung. Eine Qualitätsoffensive zu finanzieren, sei aktuell wichtiger, erklärte Stiftungsvorstand Jörg Dräger.

Der Wohnort entscheidet laut Studie in Deutschland darüber, wie stark die Kita-Gebühren den Geldbeutel von Familien belasten. In Bayern zahlen Eltern mit durchschnittlich 5,9 Prozent ihres Einkommens nur wenig mehr als der Bundesschnitt (5,6 Prozent des Haushaltseinkommens oder 173 Euro/Monat). Am meisten müssen Eltern in Schleswig-Holstein mit 8,9 Prozent ihres Einkommens für die Kita hinblättern, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern (7,8) und Niedersachsen (7,3). Besonders wenig zahlen Familien in Berlin (2,0), Rheinland-Pfalz (4,0) und Hamburg (4,3). Die Ergebnisse der Studie beruhen auf zwei Befragungen von insgesamt 10 490 Eltern.

Überall kommen Zusatzgebühren hinzu

Überall in Deutschland kommen laut Studie Zusatzgebühren hinzu, etwa für Mittagessen, Hygieneartikel oder Ausflüge – 45 Euro pro Monat im Bundesdurchschnitt, 41 Euro in Bayern.

Auch innerhalb Bayerns sind Eltern sehr unterschiedlich stark belastet: Jene 93 Prozent der Eltern, die in den aktuell 9421 bayerischen Kitas nicht gebührenbefreit sind, zahlen zwischen 1,4 und 14,0 Prozent ihres Einkommens für die Betreuung ihrer Kinder bis zum Schulalter.

Die Grafik zeigt, wie viel Geld (jeweils im Durchschnitt) Eltern pro Monat noch ausgeben. Denn neben den Kita-Gebühren müssen sie auch Extraleistungen bezahlen – Frühstück, Mittagessen, Nachmittagssnack, Hygieneartikel, Ausflüge und Bastelmaterialien

Was die Studie noch zeigt: Einkommensschwache Familien werden überall in Deutschland überproportional belastet. Wohlhabendere Eltern zahlen durchschnittlich 178 Euro und damit rund fünf Prozent ihres Einkommens. Haushalte unterhalb der Armutsgrenze zahlen mit monatlich 118 Euro zehn Prozent ihres Einkommens für die Kita, auch wenn es mancherorts eine Gebührenbefreiung gibt.

Das Erstaunliche: Mehr als die Hälfte der knapp 10 500 befragten Eltern gaben an, für mehr Personal und eine bessere Ausstattung der Kitas auch mehr zu zahlen – auch bei den einkommensschwachen Befragten befürworten das 53 Prozent. In Bayern waren sogar insgesamt 70 Prozent der Befragten bereit, für mehr Qualität mehr zu zahlen. Dräger sprach sich angesichts der Ergebnisse für die Kita-Beitragsfreiheit für armutsgefährdete Familien aus.

SPD-Modell billiger als CSU-Modell

Mehr einkommensschwache Eltern zu entlasten: Das ist der Plan, den OB Dieter Reiter (SPD) im April für München präsentierte. Aktuell zahlt rund ein Drittel der Eltern in München gar keine Kita-Gebühren, weil ihr Bruttojahreseinkommen unter 15 000 Euro beträgt. Schon vom Kindergartenjahr 2019/2020 an sollen die Betreuungskosten für tausende weitere Familien erheblich sinken. Eltern mit bis zu 40 000 Euro Brutto-Jahreseinkommen sollen dann vollständig von den Gebühren befreit sein. Die CSU im Stadtrat dagegen fordert Gratis-Kitas für alle. Das SPD-Modell, würde pro Jahr 50 Millionen Euro kosten, das CSU-Modell nach Berechnungen des Bildungsreferats mindestens 220 Millionen Euro.

An den Münchner Plänen änderten die Ergebnisse der Studie nichts, hieß es am Montag sowohl aus der CSU- als auch aus der SPD-Stadtratsfraktion. CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl sagte: „Ich sehe die Chance, dass wir beides schaffen: Gebührenfreiheit und eine hohe Qualität der Einrichtungen.“ München gehe es wirtschaftlich vergleichsweise gut, auch die Qualität der Einrichtungen sei weitgehend hoch. Allerdings habe die Stadt das Problem, genügend Erzieher zu finden.

Lesen Sie auch: In den Kitas fehlt es an Personal: einige Kinder bekommen keinen Platz

Unabhängig von der Höhe der Elterngebühren bemühe sich das Bildungsreferat laufend um zusätzliches, gut ausgebildetes Personal, betonte ein Sprecher am Montag. In München fehlen derzeit schätzungsweise 500 Erzieher.

„Für diese Studie hätte man keinen Professor gebraucht“, sagte SPD-Fraktionschef Alexander Reissl. Die SPD halte an ihrer Absicht fest, mehr Eltern als bisher von den Kita-Gebühren zu befreien. Auch OB Dieter Reiter (SPD), der derzeit im Urlaub weilt, hatte seinen Vorstoß vor sechs Wochen damit begründet, eine spürbare Entlastung für Familien zu schaffen. Dass man trotzdem die Qualität der Betreuung immer im Blick haben müsse, sei selbstverständlich.

„Änderungen bei den Gebühren dürfen und werden darauf keinen Einfluss haben“

Nach der Sommerpause will die Verwaltung dem Stadtrat einen Entscheidungsvorschlag unterbreiten. „Dass das hohe Qualitätsniveau der städtischen Kitas erhalten bleibt, ist mir ein großes Anliegen“, erklärte Stadtschulrätin Beatrix Zurek (SPD) am Montag. „Änderungen bei den Gebühren dürfen und werden darauf keinen Einfluss haben.“

Unabhängig vom Münchner Vorstoß plant Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) die Kita-Beitragsfreiheit für alle. Dieses Ziel bekräftigte sie am Montag. „Das Einkommen der Eltern darf nicht darüber entscheiden, ob und wann Kinder in eine Kindertageseinrichtung gehen“, so Giffey.

3,5 Milliarden Euro will die Bundesfamilienministerin investieren. Laut Bertelsmann-Stiftung müssten aber mehr als 15 Milliarden ausgegeben werden, wolle man die Qualität steigern und die Kitagebühren abschaffen. „Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander“, kritisierte Stiftungs-Vorstand Dräger.

Von Caroline Wörmann und Klaus Vick

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