„Die Dunkelziffer ist hoch“

„Massive Brutalität“: Neue Spezialeinheit für München - Beispiel von junger Frau (20) zeigt, warum sie nötig ist

Die Taten bleiben oft im Verborgenen. Bei der Staatsanwaltschaft München I kämpft jetzt eine neue Spezialabteilung gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel.

München - Das Leid der Frauen ist groß – und bleibt oft im Verborgenen. „Viele Opfer scheuen aus Angst vor Repressalien eine Anzeige oder Aussage“, sagt Justizminister Georg Eisenreich (CSU*). Dennoch gibt es dieses Jahr bei der Staatsanwaltschaft München I bereits 16 Verfahren wegen Zwangsprostitution, sieben wegen Menschenhandels und fünf wegen Zuhälterei. Die Zahlen steigen: 2010 waren es sieben Verfahren wegen Menschenhandels und eines wegen Zuhälterei.

Zwangsprostitution in München: „Die Dunkelziffer ist hoch“

„Die Dunkelziffer ist zudem hoch“, sagt Oberstaatsanwältin Anne Simon. Sie leitet eine neue Spezial-Abteilung für diese Delikte. „Die Täter sind nicht zimperlich“, berichtet sie. „Es gibt eine massive Brutalität.“ Sowohl Opfer als auch Täter stammen häufig aus Osteuropa. Junge Frauen werden mit Liebesversprechen von sogenannten Loverboys oder mit falschen Jobangeboten nach Deutschland* gelockt. Betroffen sind zudem auch Nigerianerinnen, die zunächst von Menschenhändlern in Italien* zur Prostitution gezwungen werden, bevor sie als Flüchtlinge nach München kommen.

Das Schicksal einer jungen Rumänin (20)

Nadia K. (Name geändert) träumte von der großen Liebe. Über Facebook hatte die 20-jährige Rumänin einen 23-jährigen Landsmann kennengelernt, der in Germering lebte. Er gab vor, mit ihr eine Familie gründen zu wollen. K. kam nach Bayern – wo sie der Mann mit massiven Drohungen und Schlägen zur Prostitution zwingen wollte.

Der 23-Jährige reservierte für Nadia K. ein Zimmer in einem Münchner Bordell und vereinbarte einen Termin zur Anmeldung als Prostituierte beim Kreisverwaltungsreferat. Dort fiel einer Dolmetscherin auf, wie verängstigt und verzweifelt die Frau war. Sie wurde aus der Situation befreit. Der Täter wurde kürzlich zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt. Er hat Revision eingereicht. Nadia K. ist wieder in Rumänien und studiert dort.

München: Neue Spezialeinheit gegen Menschenhandel – Corona hat die Situation verschärft

Die Zahlen sind erschreckend: Jedes dritte Opfer sexueller Ausbeutung ist unter 21 Jahren, jedes siebte sogar noch minderjährig, berichtet der Justizminister. „Die Betroffenen sind oft traumatisiert, eingeschüchtert und kennen ihre Rechte nicht“, sagt Monika Cissek-Evans von der Opferschutzorganisation Jadwiga. „Durch Covid-19 hat sich die ohnehin prekäre Situation noch einmal verschlechtert.“ Bei der Staatsanwaltschaft München I liegen bisher schon 215 Fälle wegen Ausübung verbotener Prostitution vor.

Ermittlungen in dem Deliktbereich sind oft schwierig. „Viele Verfahren müssen eingestellt werden“, sagt Simon. Doch nach einer Gesetzesverschärfung können auch Freier künftig leichter zur Verantwortung gezogen werden. *tz.de und Merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Sigi Jantz

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