Der Kampf ums Geld

Letzter Ausweg Pfandleihhaus

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Der Chef Thomas Käfer schätzt den Wert einer IWC-Uhr.

München - Immer mehr Münchner finden sich in finanziellen Notsituationen wieder und sehen sich gezwungen, ihre Uhren und liebgewonnenen Wertgegenstände im Pfandleihhaus abzugeben. Reiche kaufen unterdessen Luxusuhren als Wertanlage.

München – die Stadt der Gegensätze: Nirgendwo sind die Kontraste zwischen Wohlstand und Bedürftigkeit so deutlich sichtbar wie hier. Auf der einen Seite liegt München auf Platz 12 der weltweiten Millionärs-Liste. Auf der anderen Seite leben hier dem aktuellen Armutsbericht zufolge 203.800 Münchner unter der Armutsgrenze. Auch Oberbürgermeister Christian Ude warnt, dass der soziale Zusammenhalt in der Stadt gefährdet sei. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander! In der tz-Serie zeigen wir deshalb täglich die persönlichen Geschichten hinter den Zahlen.

Viele Schicksale zeigen sich nur hinter verschlossenen Türen, wie zum Beispiel in den Pfandleihhäusern der Stadt. Während hier Uhren und andere liebgewonnene Gegenstände aus der Not heraus gegen Bargeld abgegeben werden, entwickelt sich bei den Wohlhabenden ein neuer Trend: Sie kaufen Luxusuhren für mehrere tausend Euro als Wertanlage.

Nina Bautz, Christina Meyer

Warum immer mehr Münchner Wertgegenstände im Pfandleihhaus abgeben

Es sind bange Sekunden für Helmut B. (53). Thomas Käfer kneift die Augen zusammen, blickt prüfend auf die IWC Schaffhausen. „Hm, alt. Schlechter Zustand“, grummelt Käfer über der Uhr. 1500 Euro bekommt Helmut B. dafür, ein Viertel des Neupreises. Aber er hat keine andere Wahl. Kein Job, Schulden – letzter Ausweg Pfandleihhaus!

Seit Banken kaum noch Kurz- und Kleinkredite vergeben, strömen immer mehr Münchner dorthin . Die tz hat sich bei Käfers Pfandleihhaus am Hauptbahnhof umgesehen.

  • Das Leihhaus: Fünfzehn Jahre gibt es das Haus schon. In der neuen Adresse in der Bayerstraße 27 wachen über die hellen, sterilen 600 Quadratmeter zehn 10 Videokameras. Die acht Angestellten und Hinterräume sind wie bei einer Bank mit Panzerglas geschützt. Neben einem Tresorraum gibt es Lagerräume für größere Gegenstände wie Laptops oder Fernseher.
  • Der Chef: Käfer stammt tatsächlich aus dem bekannten Münchner Gastro-Imperium. Thomas (52) ist der Sohn von Helmut Käfer, der mit Bruder Gerd früher die Firma geführt hat – damit ist er der Cousin des jetzigen Chefs Michael Käfer. „Ich bin auch dort aufgewachsen und habe als 12-Jähriger Gläser gespült. Irgendwann aber wollte ich mein eigenes Ding machen.“
  • Das System: Käfer und seine Mitarbeiter, die beispielsweise aus der Schmuckbranche kommen, schätzen den Wert des Gegenstandes. Oft hilft das Internet mit aktuellen Preisen. Der Kunde erhält höchstens ein Drittel des Preises und ein Vertrag über drei Monate tritt in Kraft. Wenn der Kunde seinen Gegenstand wiederholt, muss er den Betrag plus Gebühren und Zinsen zahlen. Käfer: „Ein 100 Euro-Kredit kostet 3,50 Euro.“ Der Kunde kann den Vertrag verlängern. Löst er seinen Gegenstand dann nicht aus, wird er versteigert – und der Freistaat bekommt das Geld.
  • Der Andrang: „Wir sind gerechter als Banken, wir fragen nicht nach und es gibt keinen Schufa-Eintrag“, sagt Käfer. Das Geschäft laufe besser denn je. „Das hat aber nur begrenzt mit wachsender Armut zu tun. Das Gewerbe funktioniert da gut, wo es viele Vermögende mit Luxusgütern gibt – wie in München.“ Etwa 30.000 Gegenstände geben die Kunden pro Jahr ab – etwa 100 pro Öffnungstag! Und die Zahl steigt stetig.
  • Die Kunden: Oft kommen Frauen, die ständig die neuesten Schuhe oder Taschen haben müssen. Manche sind kaufsüchtig, sagt Käfer. „Ihren Männern erzählen sie davon nichts.“ Apropos: Oft würden auch Eheringe abgegeben. „Die werden aber meist abends gleich wiedergeholt.“

Andere seien Stammkunden, die immer am Ende des Monats kommen, wenn das Geld knapp wird. Eine weitere Gruppe sind ausländische Gewerbetreibende, die bei den deutschen Banken keine Kredite bekommen. Einige kommen nach großen Ereignissen oder Schicksalschlägen – etwa ein Unfall, ein Hausbrand oder einfach ein Umzug. Käfer: „In unserer Branche ist uns nichts Menschliches fremd. Leider sind viele verschuldete Menschen dabei, die sich von verlockenden Bankkrediten einlullen lassen.“

  • Die Waren: „Wir werden oft mit einem Entsorgungsunternehmen verwechselt. Kunden bringen alte Röhrenfernseher oder Möbel“, sagt Thomas Käfer. Er nimmt aber nur Gold-, Brillant- und Silberschmuck, hochwertige Uhren, Münzen und Edelmetalle sowie Notebooks, Digitalkameras, Spielekonsolen, hochwertige Fernseher, iPads und iPhones.
  • Kriminalität: Ab und zu kommt es vor, dass Diebe ihre Beute hier verscherbeln wollen. „Wenn sie zum Beispiel den Pin fürs Handy nicht kennen oder keine Papiere für die teuere Uhr haben, werden wir hellhörig.“

Käfer greift auch selbst ein: wenn Kunden Opfer von Trickbetrügern sind. „Einmal hat eine feine, alte Dame etwas von einer OP erzählt und hochwertigen Schmuck für 5000 Euro abgegeben. 14 Tage später brauchte sie weitere 10.000 Euro. Ich wurde skeptisch. Es stellte sich raus, dass sie Betrügern aufgesessen ist und dafür Geld brauchte. Ich habe die Polizei gerufen. Letztendlich kam raus, dass sie insgesamt 100.000 Euro an die Betrüger verloren hat.“

nba

Geld für Mutters Haus

Nach 30 Jahren haben die Anhänger und Ringe für die Mutter von Jasmin H. (31) einen großen Erinnerungswert. „Aber meine Mutter arbeitet nur auf 400 Euro-Basis und muss den Kredit für das Haus abbezahlen“, erklärt Jasmin H.. „Vor sechs Monaten war das Geld so knapp, dass wir den Schmuck hier abgegeben und 800 Euro bekommen haben.“ Heute will sie ihn wiederholen. Jasmin H. war selbst schon öfter hier. „Das geht ganz unkompliziert hier. Aber klar fühlt man sich dabei nicht gut – das ist schon demütigend.“

Er muss Schulden zurückzahlen

Kurt H. (29) hofft, dass die alten Münzen, die er mal geschenkt bekommen hat, etwas wert sind und er sie in Zahlung geben kann. Der Münchner war arbeits- und wohnungslos und in der Folge auch „nicht immer ganz brav“, wie er selbst zugibt. Mittlerweile hat Kurt H. wieder einen Job als Lagerist. „Aber ich bekomme nur 930 Euro Gehalt. Außerdem muss ich Schulden und Gerichtskosten zurückzahlen.“ Heute hat er Pech: Die Dame am Schalter kann die Münzen nicht annehmen.

Luxustrend: Rolex als Geldanlage

Eine edle Uhr funkelt nicht nur schön am Handgelenk. Wer es richtig anstellt, kann damit richtig Gewinn machen. Immer mehr Münchner legen ihr Geld in Luxusuhren an. Die Rolex als Kapitalanlage! „Dieser Trend tut sich immer mehr auf“, sagt Alexander Pietzner von der Chronometrie Pietzner am Maximiliansplatz.

Uhren-Experte Alexander Pietzner mit einer Rolex Daytona.

Allerdings ist nicht jeder Zeitmesser als Wertanlage geeignet. „Hier lohnt sich vor allem der Kauf von Uhren der Marken Rolex und Patek Phillipe“, erklärt der Experte. Ein Beispiel: die Rolex Daytona. Die kostete 1975 1200 D-Mark. Heute ist sie 20.000 bis 30.000 Euro wert – damit hat sich der Kaufpreis in fast 40 Jahren um das 40-Fache gesteigert! „Viele Kunden sagen: Bei der Bank kriegen sie 0,6 Prozent Zins – das deckt nicht mal die Inflation“, sagt Pietzner. „Deshalb suchen sie eine andere Anlageform.“

Immer mehr Münchner investieren ihr Geld in Luxusuhren.

Die Investition in Luxusuhren lohnt sich vor allem für Anleger, die Beträge zwischen 10.000 und 20.000 Euro ausgeben wollen. Experten schätzen den durchschnittlichen Wertzuwachs bei Luxusuhren auf acht bis zehn Prozent pro Jahr. „Ich rate, die Uhren in einem Banksafe einzuschließen“, sagt Pietzner. Zudem sollte man die Uhr regelmäßig vom Fachmann warten lassen. Der weiß auch, wann sich ein Verkauf lohnt. „Wir bieten etwa kostenlose Schätzungen an“, sagt Alexander Pietzner. Auch den Verkauf sollte ein Experte übernehmen – oder man gibt die Uhr zu einer Auktion.

Ob sich die Anlage wirklich lohnt, ist natürlich auch Glückssache – im schlimmsten Fall komme man aber auf Null. Der Experte: „Wer alle Regeln befolgt, verliert in der Regel nichts vom absoluten Kaufpreis.“

cmy

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