Pandemie trifft die Branche hart

Wirtshaussterben nach Corona-Lockdown? Frust-Video eines Wirts sorgt im Internet für Furore

Gregor Lemke im Augustiner Klosterbräu.
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Gregor Lemke ist Chef der Münchner Innenstadtwirte.

Die Münchner Wirte sind schockiert: Der neue Lockdown würde sie besonders hart treffen. Die Gastronomen trafen sich im Augustinerkeller, um das weitere Vorgehen zu diskutieren.

  • Münchens* Corona-Zahlen steigen immer rasanter an, die Stadt liegt auf der Corona-Ampel* in der dunkelroten Zone.
  • Die Gastronomen trifft ein weiterer Lockdown besonders hart.
  • Sie trafen sich im Augustinerkeller an der Arnulfstraße zum Geheimgipfel.

Update, 2. November, 19.52 Uhr: Ich hab allmählich die Schnauze voll“ – mit diesen Worten beginnt Michael Mühldorfer, Inhaber des Cafés an der Uni (Ludwigstraße) ein Video, das er auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hat. Der Wirt ist wütend, traurig und frustriert zugleich – und damit ist der Münchner nicht allein. Trifft der erneute Lockdown wirklich die Richtigen? Und wird er helfen? Fragen wie diese werden hitzig diskutiert – und die kritischen Stimmen scheinen diesmal lauter zu sein als im Frühjahr. Das gilt unter anderem für den Kulturbetrieb, vor allem aber auch für die Gastronomie.

Maske, Mindestabstand, Sperrstunde – Michael Mühldorfer hat sich von Anfang an an die Vorschriften der Regierung gehalten. „Und jetzt?“, fragt der Münchner, während er seine Kamera über den leeren Außenbereich seines Cafés schweifen lässt, „jetzt stehen die Leute da vorn am Brunnen.“ Und was bringt’s?, schimpft Mühldorfer weiter. Die Antwort gibt er selber: „Nix! Außer, dass wir einfach mal 50 Arbeitslose haben – von heut auf morgen.“

Mit seiner Wutrede hat der Wirt offenbar einen Nerv getroffen. Schließlich ist sein Facebook-Video mittlerweile schon über 1000 Mal aufgerufen worden. Und in den Kommentaren darunter gibt‘s viel Zustimmung für den Münchner. „Schön gesagt“, schreibt ein Nutzer, „ich bin voll bei Dir!!!!!!“ Ein anderer gibt zu bedenken: „Am Montag stehen sie wieder in überfüllten Bussen – es ist alles so absurd.“

Coronavirus München: Zweiter Lockdown für Michael Mühldorfer ein GAU

Der zweite Lockdown – für Michael Mühldorfer ist er ein GAU. „Die Politiker machen uns arbeitslos“, wettert der Münchner, „ganz plötzlich, wie sie wollen.“ Was für ihn bleibt, sind Wut, Frustration und wachsende Ohnmacht. Ein Gefühl, das auch Luciano Marchesano vom Il Padrino an der Kirchenstraße kennt.

„Die verschärften Maßnahmen sind ein Schlag, schimpft der Münchner, „einer, den wir leider schon einmal aushalten mussten.“ Es sei schon komisch, meint Marchesano, „da liebt man seinen Job über alles und darf trotzdem nicht arbeiten.“ Zwar sind Lieferservices nach wie vor erlaubt, rechnen sich aber in vielen Fällen nicht. Im Hofbräukeller am Wiener Platz zum Beispiel bleibt die Küche komplett kalt. Ein Außer-Haus-Verkauf sei mit einer Großküche nicht darstellbar, erklärt Silja Schrank-Steinberg. Und auch das Izakaya an der Landsberger Straße hat sich gegen das To-go-Konzept entschieden. „Wer jetzt noch mal auf den Liefer-Zug aufspringt“, teilte eine Sprecherin mit, „macht das wahrscheinlich nur noch, um sich selbst zu beschäftigen.“ sb

Wirtshaussterben nach Corona-Lockdown? Sprecher schlägt Alarm - und bringt „effektive“ Reaktion ins Spiel

Update 29. Oktober, 10.47 Uhr: Die Münchner Innenstadtwirte haben sich „fassungslos und bestürzt“ über den Beschluss zu einem einmonatigen begrenzten Lockdown geäußert. „Selbst das Robert Koch-Institut sieht die Infektionsgefahr in der Gastronomie bei lediglich 0,5 Prozent“, sagt Gregor Lemke, Chef des Augustiner Klosterwirts und Vorsitzender des Vereins der Münchner Innenstadtwirte, am Donnerstag.

„Deutlich hat das RKI erklärt, dass Gaststätten nicht die Treiber der Infektion sind.“ Die Gastronomen achteten intensiv und mit großem Aufwand an Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen darauf, das eigene Personal und die Gäste zu schützen. „Dass wir jetzt trotzdem einen neuerlichen Lockdown hinnehmen müssen, ist ein Schock.“

Die vorübergehende Zwangsschließung werde die Situation der ohnehin gebeutelten Branche verschlimmern. „Unsere über Generationen gewachsene Wirtshauskultur ist in Gefahr“, sagte Lemke. Viele hätten schon aufgeben müssen. „Wenn es so weitergeht, werden 30 bis 40 Prozent der Unternehmen pleitegehen.“ Die Münchner Wirte forderten deshalb rasch Finanzhilfen. „Diese müssen schnell und effektiv erfolgen, sonst gibt es ein großes Wirtshaussterben.“ (dpa)

Bittere Lockdown-Nachricht! Wirte aus München beraten sich im Augustinerkeller: „Das hat es noch nie gegeben“

Ursprungsmeldung:

München - Im Minutentakt halten Taxis und Autos vorm Augustinerkeller an der Arnulfstraße, schnell huschen die Ankommenden in die Wirtschaft. Mal verrät die Maskenaufschrift „Wirts­hausWiesn“, „Augustiner“ oder „Görreshof“, dass sich dahinter ein Wirt verbirgt, mal kann man vom Fahrzeug, auf dem ein Brauerei-Slogan oder ein Restaurantname klebt, darauf schließen… Hier kommen Wirte ins Bahnhofsviertel, um an einem geheimen Gipfel teilzunehmen. Eine Premiere – wie ein Wirt unserer Zeitung bestätigte. „Dass die Wirte sich untereinander und nicht über den Verband organisieren, das hat es noch nie gegeben.“

Der Augustinerkeller: Hier trafen sich die Münchner Wirte, um den neuen Lockdown zu diskutieren.

An dem Gipfeltreffen haben so viele Gastronomen teilgenommen, dass neben dem Festsaal noch ein weiterer Raum im Augustinerkeller dafür genutzt werden mussten. Mit dabei waren unter anderem Wiesn-Wirt Christian Schottenhamel, die Hochreiters (Biergarten am Viktualienmarkt) und Vertreter vom Blauen Bock. Geladen hatte der Pächter vom Augustinerkeller, Christian Vogler, der erst Anfang Oktober in den Schlagzeilen stand, weil er eine Millionen-Klage gegen seine zahlungsunwillige Versicherung gewonnen hatte. Diese musste ihm 1,014 Millionen Euro für die Kosten der coronabedingten Betriebsschließung begleichen. Planen die Gastronomen jetzt gemeinsame Sache zu machen, wenn’s kommende Woche in den nächsten Lockdown geht?

Coronavirus München: Berchtesgadener Wirt scheitert mit Eilantrag - was machen die Münchner Wirte?

Mit einem grundlegenden Anlauf war zuletzt ein Berchtesgardener Wirt gescheitert, wie das Verwaltungsgericht am Mittwoch berichtete. Demnach wollte der Unternehmer mit einem Eilantrag erreichen, dass er auch während des vom Landratsamt angeordneten regionalen Lockdowns Gäste bewirten darf. Sebastian Kuffler, Wirt vom Weinzelt auf der Wiesn, sagte kurz vor der Veranstaltung: „Ich glaube, dass es heute in erster Linie um den Austausch geht. Wir setzen auf Schadensersatz, sollten wir wirklich nochmal zusperren müssen“, sagte er. Auch Thomas ­Roiderer vom Hacker-Festzelt machte am Eingang vom Augustinerkeller seinem Ärger Luft: „Wir machen alles dafür, dass es in den Wirtschaften sicher ist. Trotzdem glaube ich, dass der Lockdown sogar noch früher kommt, als angekündigt, vielleicht schon am Montag oder Dienstag.“ Und während Roiderer diese Worte sprach, zurrten die Politiker in ihrer Runde genau diesen Plan fest: Lockdown ab Montag!

Auch wenn es bisher noch keine Ergebnisse vom Gastro-Gipfel gab: Man kann sich vorstellen, dass die Stimmung im Festsaal geladen war. Die Frustation über die Lockdown-Pläne war schon am Eingang greifbar. Viele Wirte stehen am Rande ihrer Existenz, sie haben in den vergangenen Monaten Zigtausende Euro in Hygienekonzepte gesteckt und teils hohe Einbußen verzeichnet. Viele schieben noch gestundete Mieten und Kredite vom März vor sich her. Schon jetzt hatten die Wirte es schwer, mit der Sperrstunde Geschäfte zu machen. Stéphanie Mercier - *tz.de ist Teil des Ippen-Netzwerks.

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