Beinahe historisch

Baumärkte, Gartencenter und Friseur-Salons öffnen wieder: Das große Neustart-Protokoll aus München

Baumärkte, Gartencenter und Friseure sind nach monatelangem Lockdown wieder offen. Hier finden Sie Münchner Szenen eines fast schon historischen Tages.

München - Auf diesen Tag haben viele Münchner lange gewartet: Nach über zehn Wochen Zwangsschließung durften Baumärkte, Gartencenter und Friseure wieder ihre Türen öffnen. Besonders die Haar-Stylisten wurden extrem vermisst. Schließlich sind viele Frisuren mittlerweile sichtbar außer Form geraten. Doch auch der Garten will für den Frühling hergerichtet werden. Und zu werkeln gibt es ebenfalls immer etwas. Wir haben uns bei den Münchnern umgehört, warum sie sich am Montag in die Schlangen gestellt haben.

7.50 Uhr - Frühaufsteher erobern den Baumarkt: Der Morgen, den abertausende Heimwerker in der Region herbeigesehnt haben, ist eiskalt. Minus drei Grad. Vielleicht gibt es auch deshalb im Hagebaumarkt in Unterhaching im Kreis München nur eine kleine Schlange. Es ist 7.50 Uhr, gleich öffnet der Laden. Um die wartenden Kunden herum wuseln Mitarbeiter. Sie treffen letzte Vorkehrungen, besprühen die Einkaufswägen mit Desinfektionsmittel. Es herrscht erleichterte Stimmung. Für manche ist die Baumarkt-Öffnung wichtiger als ein Impftermin.

„Ich bin froh, dass ich jetzt endlich loslegen kann“, sagt Tobias Dietz, 29, aus München*. Um kurz nach 8 Uhr steht er in der Farbenabteilung. Er möchte seit Längerem dringend sein Zimmer umgestalten und hat sich gerade mit Farbe und Pinsel eingedeckt. Auch Jasmin Greiner, 34, aus Unterhaching sitzt seit Wochen in den Startlöchern. Seit mehr als zwei Monaten wartet sie darauf, ihre Wandfliesen umtauschen zu können. Einen Tag bevor die Baumärkte im Dezember schließen mussten, hatte sie sich die Platten zugelegt. Das Problem damals: Greiner hatte sich für den falschen Farbton entschieden. Und ein Umtausch der ganzen Wagenladung voller Fliesen war nicht mehr möglich. Seitdem lagen die Renovierungspläne auf Eis und die Fliesen in der Wohnung im Weg. Dementsprechend hatte es Greiner eilig: „Mein erster Weg heute hat direkt in den Baumarkt geführt. Ich hatte noch nicht einmal einen Kaffee davor getrunken.“

München: Lockdown-Öffnungen für manchen Blumenfreund der schönste Tag seit langem

Günther Hiltl ist Marktleiter. Auch er freut sich, dass es wieder losgeht. „Die Menschen“, sagt er, „haben aktuell Zeit, sich um Projekte zu kümmern, die zuvor teils jahrelang liegen geblieben waren.“ Anstrengende, arbeitsintensive Wochen stehen ihm bevor. Endlich wieder.

9 Uhr - Ein Wagen voller Stiefmütterchen: Es ist 8.40 Uhr – noch zwanzig Minuten, bis das Gartencenter Seebauer in München öffnet. Immer mehr Leute stellen sich hinter Agnes Liegl, 54, in der Schlange an. Für sie kam der Tag der Wiedereröffnung wie gerufen. „Montags habe ich frei und für die neue Frühjahrsbepflanzung in meinem Garten ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt.“ Dann öffnen sich die Türen. Die Kunden strömen in das Pflanzenparadies: Osterglocken, Palmen, Primeln, Tulpen und Veilchen, so weit das Auge reicht. „Jetzt wurde es auch höchste Zeit, ich war lange auf Entzug“, sagt Maria Detterbeck, 81. Ihren Einkaufswagen hat sie bereits bis zum Rand mit gelben Stiefmütterchen beladen. Wenn nicht gerade Lockdown ist, kommt sie jede Woche ins Gartencenter. „Als ich gelesen habe, dass der Seebauer wieder aufmacht, habe ich sofort beschlossen gleich am Montag hinzufahren“, erzählt Susanne Dressler, 53. Für eine Bekannte ihrer Mutter bringt sie ein Blumengesteck mit, für sich selbst holt sie farbenfrohe Primeln für den Innenhof.

Arnold Uhrig, 70, ist extra aus Sankt Wolfgang im Landkreis Erding angereist. Knapp eine Stunde war er mit seinem Auto unterwegs. Sein Ziel: eine Grünpflanze für sich und eine Zimmerpflanze sowie Tulpen für das Ehepaar, das er betreut. Für manche Blumenfreunde ist es der schönste Tag seit Langem. „Wir haben schon eingekauft wie die Wahnsinnigen“, sagt Marie-Luise Lewitzki lachend. Für die Terrasse haben sie und Norbert Hinze bereits mehrere Schattenpflanzen und farbenfrohe Blumen herausgesucht. Was noch fehlt, sind die geliebten Osterglocken. Aus Verzweiflung hatte Lewitzki diese zwar schon zu Lockdown-Zeiten im Supermarkt gekauft. „Doch lange gehalten haben die nicht“, sagt sie.

Münchens Baumärkte und Gartencenter: Angestellter „froh über Alltag“ - Doch für wie lange?

12 Uhr - Sehnsucht nach Farbe im Obi-Markt: So langsam ist auch das Routine für die Obi-Mitarbeiter. Schließen, aufmachen, schließen, aufmachen. „Es ist vom Andrang her ähnlich wie nach dem ersten Lockdown im vergangenen Jahr“, sagt ein Angestellter der Obi-Filiale in der Westendstraße in München. Der Parkplatz ist um 12 Uhr gut gefüllt, aber auch nicht überfüllt.

„Ich sehne mich nach etwas Neuem, etwas Farbigem“, sagt Kundin Marianne K. aus München. Die 71-Jährige hat sich mit reichlich weißer Farbe eingedeckt – sie möchte ihr Wohnzimmer neu gestalten. In den Baumarkt gehen zu können, das Sortiment zu durchstöbern, all das hat sie in den letzten Wochen sehr vermisst. „Es wurde jetzt wirklich Zeit, dass die Wiedereröffnung kommt.“ Die teilweise leeren Gänge im Markt überraschen die Rentnerin, die mit „deutlich mehr Andrang“ gerechnet hatte.

Mit einem üppig bestückten Einkaufswagen verlässt auch Richard Speichinger, 68, den Baumarkt. Neben Blumen und Farbe hat er auch Glühbirnen und allerlei Kleinkram für Küche und Balkon ausgesucht. Zusammen mit seinem Schwiegersohn stehen in den nächsten Tagen einige Projekte an, die bereits länger geplant waren. „Wir haben uns schon sehr gefreut, dass wieder geöffnet wird“, sagt er. Besonders die Gespräche mit Leuten vom Fach hat der Rentner in den letzten Wochen vermisst. „Vor Ort mit den Verkäufern zu reden und sich beraten zu lassen, ist etwas anderes, als im Internet zu stöbern.“

Die Freude über den Austausch beruht auf Gegenseitigkeit, sagt ein Obi-Mitarbeiter. „Ein Baumarkt lebt einfach vom Service. Wir sind froh, endlich zum Alltag übergehen zu können.“

München: Friseure öffnen nach Lockdown wieder - „Eher die Familie, die mich gedrängt hat“

Schlangestehen für einen schicken Harrschnitt - viele Münchner eilten am Montag zum Friseur ihres Vertrauens! Auch Klaus Weichardt steht an diesem Morgen als einer der Ersten vor einem Friseursalon. „Ich hätte gedacht, dass die Schlange noch länger ist“, sagt der 48-Jährige und lacht. Zum Friseur geht er normalerweise einmal im Monat. „Ich mag es schon, wenn die Haare immer schön kurz sind.“ Die zwei Monate Zwangspause sind ihm persönlich aber gar nicht so schwer gefallen. „Es ist eher die Familie, die mich gedrängt hat.“ Und auch in den beruflichen Videokonferenzen kam der eine oder andere Spruch zur langen Matte. „Da weiß man dann, dass es Zeit für eine neue Frisur ist.“

tz-Reporterin Katja Kraft beim ersten Friseurbesuch nach vier Monaten

Nasrin Sama, Filialleiterin des Pony Clubs an der Nymphenburger Straße, freut sich, dass es wieder losgeht. „Es fühlt sich super an, wieder arbeiten zu dürfen“, sagt die 27-jährige Friseurin. Auch die Kunden seien sehr glücklich, wieder zum Haareschneiden kommen zu können. Wochen zuvor machten die „Corona-Haare“ Münchner wahnsinnig - Komiker Harry G postete ein verzweifeltes Lockdown-Foto.*tz.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

Rubriklistenbild: © Oliver Bodmer

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