Kommission zerpflückt Entwurf

„Missgeburt“: Vernichtendes Urteil für Neubau-Entwurf am Goetheplatz - doch Internetnutzer feiern ihn

Computersimulation mit einem Entwurf von Oliv Architekten für einen Neubau in der Mozartstraße in München
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Schöner wohnen? Der Entwurf für einen Neubau in der Münchner Mozartstraße fiel bei der Kommission für Stadtgestaltung durch.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Ein Urteil der Stadtgestaltungskommission München über einen geplanten Neubau zwischen Goetheplatz und Theresienwiese fällt jedoch schockierend negativ aus. Ist diese Kritik noch berechtigt oder schon geschmäcklerisch?

München - Das Architekturbüro Oliv mit Sitz in der feinen Prannerstraße, hinter dem Bayerischen Hof, hat schon einige bekannte Bauten in München realisiert oder ihnen ein zeitgemäßes Facelift verpasst. Zum Beispiel der Schrannenhalle am Viktualienmarkt oder dem Businesscenter „Peak“ in Neuperlach, ausgezeichnet mit dem German Design Award.

Nun präsentierte das Architekten-Trio seinen jüngsten Entwurf für ein neues Bürogebäude gegenüber dem Kino Royal am Goetheplatz in München und fiel damit bei der Stadtgestaltungskommission prompt durch, wie die Abendzeitung berichtet.

Noch steht in der Mozartstraße 4 ein zweckmäßiger Nachkriegsbau. Unter dessen Dach vereint sind ein Hostel und die Pizzeria Sinans, die unter Münchnern für ihre weit über den Tellerrand hinausragenden Pizzen bekannt und beliebt ist. Laut der Süddeutschen Zeitung hat Dallmayr-Mitinhaber Georg Randlkofer das Grundstück vor etwa zwei Jahren gekauft. Der Abriss des aktuell bestehenden Gebäudes soll Ende 2021 beginnen, der Neubau bis 2024 fertiggestellt werden.

München: Neubau für die Mozartstraße könnte das Stadtbild erheblich beeinflussen

Für den Neubau in der Mozartstraße habe Randlkofer eigens einen Wettbewerb ausgerichtet und den Entwurf von Oliv für am besten befunden. Ein Hauch von Neoklassizismus mit Mansardendach, Gauben, Erkern, Kupferelementen und schmiedeeisernen Brüstungen vor den bodentiefen Fenstern. Großbürgerlich, elegant, repräsentativ* (tz.de* berichtete) und damit eigentlich sich optimal in das Wiesn-Viertel zwischen Bavariaring und Lindwurmstraße mit seinen prachtvollen Altbauten eingliedernd. Eigentlich.

Denn einfach so Durchwinken wollten die Lokalbaukomission in München den Entwurf nicht. Es gibt Bedenken wegen der Tiefgaragenzufahrt. Als dann auch noch der Denkmalschutz Wandhöhe und Dachform monierte, landete das Vorhaben schließlich auf dem Tisch der Stadtgestaltungskommission - einem Beratungsgremium, das 27 Mitglieder zählt, darunter auch Oberbürgermeister Dieter Reiter.

Wird in München* etwas gebaut oder baulich verändert, das das Stadtbild* erheblich beeinflusst, ist das oftmals ein Fall für die Kommission für Stadtgestaltung, die über die Gestaltung eines Vorhabens berät und entsprechende Empfehlungen für den Stadtrat und den Bauherren abgibt.

Goetheplatz in München: Gremium kritisiert Architekten-Entwurf für Neubau: „Missgeburt!“

Das Fazit der Komission zum Entwurf erwies sich als Riesenklatsche für das Münchner Architekturbüro. „Unpassend“ sei die „historisierende Fassade“ fand die Münchner Architektin Ruth Berktold. Ihrer Meinung nach harmoniert der Entwurf nicht mit der Post am Goetheplatz und der Glasfassade des Royal-Kinos, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Karin Schmid, ebenfalls Architektin aus München, stellte die „massive Höhenentwicklung“ infrage.

Laut AZ bezeichnete ihr Kollege Manfred Kovatsch den Baukörper als “zerklüftet“ und äußerte den Wunsch nach „mehr Klahrheit und Einfachheit“. Dem nach Sicht der Experten ausgemachten Mischmasch der Stile konnte auch der Berliner Architekt Matthias Sauerbruch so gar nichts abgewinnen. Er kritisierte den Entwurf am Goetheplatz in München als eine „Collage“, da das Haus zu viele Elemente miteinander mische. Dies sei keine geeignete Lösung für diesen Ort, so Sauerbruch. Sein Fazit fiel mit Abstand am härtesten aus. Für ihn sei der Entwurf „eine Art Missgeburt“ und „eine total verpasste Chance“.

Der kreative Kopf hinter dem Entwurf, Architekt und Oliv-Gesellschafter Igor Brncic (47) aus München, soll den Verriss sportlich genommen haben. Laut Auskunft einer seiner Mitarbeiterinnen überarbeite er aktuell den Entwurf, der am 26. Januar erneut der Kommission vorgelegt werde.

In der Kommentarspalte der AZ wird der geplante Neubau am Goetheplatz unter den Lesern heiß diskutiert. Sie finden gerade die als „historisierend“ beanstandete Fassade besonders schön und auch passend für das Viertel in München. Sie hoffen nun, dass Architekt Brncic seinem Entwurf nicht in einen seelenlosen Betonwürfel umwandelt. Das Veto der Kommission kann die große Mehrheit nicht nachvollziehen. Ein Kommentierender glaubt sogar den Grund dafür zu kennen: „Die anderen Arschitekten sind doch nur neidisch, dass sie den Auftrag nicht erhielten.“ *tz.de ist Teil des Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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