Serie: Meine Welt ohne Wiesn

Seelenschmerz beim Schichtl - Manfred Schauer berichtet von seinem Leid

Manfred Schauer vom Schichtl
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Die Klamotten bleiben im Schrank: Manfred Schauer trauert wegen der erneuten Wiesn-Absage.

Was machen die Menschen, die jetzt jeden Tag auf dem Oktoberfest wären, ohne die Wiesn? Wir haben nachgefragt: Heute bei Manfred Schauer, dem Chef des Kuriositäten-Theaters Schichtl.

Es wird nicht besser: „Meine Seele bleibt verstaucht“, sagt Manfred Schauer. Und man hört in seiner Stimme, dass er keinen Schmarrn redet. Die erneute Absage des Oktoberfestes ist für einen Wiesn-Verrückten wie den Chef vom Schichtl nichts weniger als ein Trauma. Fragt man ihn danach, überzieht er gern. „Mein Leben ohne Wiesn findet beim Psychotherapeuten statt.“ Oder: Der tz-Fotograf könne zum Bilderschießen gleich Antidepressiva mitbringen. Töne, die zu dem Mann passen, bei dem im traditionsreichen Kuriositäten-Theater die Fäden zusammenlaufen. Der am Mikro für Stimmung sorgt. Der aber auch mit einer September-Leere leben muss.

Deshalb war er heuer und auch schon im vergangenen Jahr unterwegs: Am Anstich-Samstag ist das Schichtl-Kabinett in der Innenstadt zusammengekommen und durch Wirtshäuser gezogen. In voller Montur. „Die Leute sind einfach aufgestanden und haben uns applaudiert.“ Ganz viel Wertschätzung, ganz viel Gänsehaut. „Das war Balsam für die Seele“, sagt der 68-Jährige. Klar bedeutet der Ausfall einer weiteren Wiesn-Saison einen erneuten finanziellen Rückschlag. Viel schlimmer sei aber die Pein, bei jedem im Team. Das ist wichtig für Schauer. „Ich bin ja nicht allein der Schichtl.“ Ohne die elf Gleichgesinnten in seinem Kabinett „geht’s gar nicht.“ Früher hat er gern erzählt, dass er bei allen Ensemble-Mitgliedern regelmäßig die Temperatur misst. Und zwar darauf, ob auch alle Fieber haben. „Für den Schichtl musst du brennen.“ Oder du kannst halt gleich daheim bleiben. Und genau das hat Manfred Schauer im vergangenen Jahr getan. Zwangsläufig.

Die Oktoberfest-Absage ist für Schichtl nur scher zu ertragen

Zur Ruhe kommen, ein gutes Buch lesen, im Garten sitzen - was für andere normal ist, bleibt für den Schichtl-Chef auch im zweiten Jahr schwer verdaulich. Eigentlich beginne die Wiesn-Vorbereitung schon im Dezember. Mit der Bewerbung bei der Stadt. Dann stellt er die Weichen, kommen schon Reservierungen rein. Wenn man so will, dreht sich für den Schauer die meiste Zeit des Jahres alles um die Wiesn. Und das, seit er vor 35 Jahren das Traditionstheater übernommen hat - dessen Geschichte bis 1869 zurückgeht.

Logisch, dass Schauer wenig Verständnis für eine Pseudo-Ersatzwiesn in der Wüste hat. Gegen das dort geplante Oktoberfest hat der 68-Jährige im Sommer mit einer stilvollen Protestaktion vor der Bavaria für Aufsehen gesorgt. Verkleidete Scheichs und Öllastwagen inklusive. „Man kann alles machen - auch auf der Theresienwiese nach Öl bohren“, sagt er. Inzwischen ist bei dem Großprojekt in der Wüste eh Sand im Getriebe. Die Eröffnung wurde auf Anfang 2022 verschoben. Das Einzige, was für Manfred Schauer aber zählt, ist die Wiesn in seiner Heimat. Nicht, dass aus einer verstauchten Seele noch ein gebrochenes Herz wird.

Auch Andy Seggert, Sänger der Derbys, hat berichtet, wie es ihm ohne Wiesn geht. *tz.de gehört zu IPPEN.MEDIA.

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