Der München Marathon feiert Jubiläum

Was würde ein Weltrekord kosten?

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Herzklopfen. Gänsehaut. Siegerlächeln – unter diesem Motto fällt am 11. Oktober 2015 der Startschuss zum 30. München Marathon.

Zum 30. Mal wird am 11. Oktober der München Marathon ausgetragen. Auf einer schnellen Strecke. Dennoch ist München auf absolute Spitzenzeiten gar nicht so scharf.

München – Als Marathon-Organisator reist Gernot Weigl, der Chef in München, auch zu anderen Veranstaltungen. Man muss auf dem Laufenden bleiben, wie es die anderen machen. Zum Beispiel in Berlin, das im Marathon-Kalender immer zwei Wochen vor München dran ist. Die Berliner Merkmale sind: inklusive der Rahmenwettbewerbe über 70 000 Teilnehmer (mehr als die dreifache Größe des Münchner Wochenendes) – und vor allem die Jagd auf den Weltrekord. Jedes Jahr soll er hier wackeln.

Gernot Weigl erinnert sich, wie er im Hotel mal den äthiopischen Wunderläufer Haile Gebreselassie traf, bevor der aufbrach, eine Zeit hinzulegen, die noch keiner geschafft hatte. „Haile sagte, Berlin habe auch eine besondere Luft, so sauerstoffreich.“ Das sei ein Teil der Berliner Rekord-Mixtur. „Die Strecke ist schnell, die Stadt hat breite Boulevards, und es gibt nur 25 Höhenmeter.“ Zwar habe auch Dubai eine flache Strecke und den Vorteil, dass man ewig geradeaus laufen könne und nicht in Kurven Zeit verliere – jedoch fehlt es an Zuschauern, und auch sie sind ein Faktor. „Die Atmosphäre in Berlin treibt die Läufer an“, erzählt Gernot Weigl. Es ist immer gut und gerne eine Million Menschen, die die Straßen auf den gut 42 Kilometern säumen. Oder Frankfurt, das Berlin in Sachen schnellster Kurs anzugreifen versucht: „Die Mainzer Landstraße ist bereit und geht ewig geradeaus“, so Weigl, „aber was, wenn es da Westwind hat?“ Insiderwissen, warum Frankfurt dann doch ein paar Sekunden fehlen.

Von den letzten zehn Männer-Weltrekorden wurden sieben in Berlin aufgestellt, lediglich Chicago, London und Boston haben sich einmischen können. In Berlin fielen die Schallmauern 2:05 Stunden, 2:04, 2:03.

Berlins Erfolg hat auch mit Geld zu tun. Es genügt nicht, einen einzigen Topstar zu verpflichten und auf ihn zu setzen, man braucht ein breites Feld in der Spitze – und Tempomacher, es kommt von Beginn an auf jede Sekunde an. „Sie müssen Flüge und Hotels bezahlen, Prämien ausloben“, sagt Gernot Weigl. „Ein Weltrekord würde 800 000 Euro kosten.“ In seinem Budget ist das nicht drin. Weigl kann und will nicht einfach 20 Afrikaner „einkaufen“.

Voriges Jahr war die Siegerzeit in München 2:21:47 Stunden, 2012 reichten 2:26:13. Damit findet man keine überregionale Medienbeachtung. „Im Jahr 2000“, blickt Weigl zurück auf die Zeit, als er den München Marathon, den es drei Jahre nicht gegeben hatte, wiederbelebte, „hatten wir eine Siegerzeit von 2:09:46.“ Gelaufen von einem Kenianer, Michael Kite. Aber selbst eine solche Zeit, so der Organisations-Chef, falle längst nicht mehr ins Gewicht.

„Ich finde das Konzept von Gernot Weigl vollkommen richtig“, sagt Günther Zahn aus Passau, ein alter Wegbegleiter des München Marathons. Früher lief er selbst mit (bei der ersten Austragung 1983 war er Fünfter), jetzt kommt er als Trainer mit seinen Schützlingen. Zahn meint: „Den normalen Läufern ist es völlig egal, welche Zeit ganz vorne gelaufen wird.“ Der normale Läufer ist zufrieden mit dem, was er in München bekommt, daher steigen die Anmeldezahlen kontinuierlich.

Als schnell darf die Münchner Strecke durchaus gelten. Auf der alten (gelaufen von 1983 bis 96) mit Schwerpunkt im Münchner Westen, aber noch einer ausgedehnten Kurverei durch den Olympiapark und anfangs sogar einem Sandweg entlang der Königinstraße brillierte Herbert Steffny 1989 mit 2:11:30 – damals eine europäische Spitzenzeit. Die neue Strecke (seit 2000) hat nur zwei Abschnitte, die Geschwindigkeit kosten: Vom Englischen Garten geht’s den Montgelas-Berg hinauf nach Bogenhausen, vom tiefsten Punkt (499 Meter) zum höchsten (527). Später dann, zwischen Kilometer 33 und 35, gerät der Kurs im Museums-Areal ein wenig eckig.

Abgestimmt werden muss eine Strecke mit dem Kreisverwaltungsreferat. So ein Marathon greift schließlich massiv ins Leben einer Stadt ein. Es gibt Straßensperren, Parkverbote, Einschränkungen für Anwohner. Das Ansinnen der Organisatoren ist es, den Streckenverlauf auch mit Sightseeing- und Stimmungspunkten zu bestücken. Es sind verschiedenste Interessen, die für einen Sonntag unter einen Hut gebracht werden müssen.

Die Strecke wird mit einem amtlichen Rad vermessen. Früher orientierte man sich an den Bordsteinen der Straßen, Messpunkt war in einem Meter Abstand. Heutzutage darf die Ideallinie, die auf den Asphalt gepinselt wird, auch mal über den Bürgersteig führen.

Allerdings: Wie andere Marathon-Strecken ist auch die Münchner länger als die mythischen 42,195 Kilometer, von denen man immer spricht. Der Leichtathletik-Weltverband IAAF fordert einen Zuschlag von einem Promille, einen Reservemeter pro Kilometer – damit einem möglichen Rekord bei einer Nachmessung nie die Anerkennung verweigert werden könnte.

„Es sind 42 Meter mehr“, sagt Gernot Weigl. „Was ist man bei den Bundesjugendspielen auf 50 Meter gelaufen?“ Ein paar Sekunden. Die kommen halt dazu. In München, das nicht in Rekordkategorien denkt, sollte das kein Problem sein.

Von Günter Klein

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