Der München Marathon feiert Jubiläum

New York war das Vorbild

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Vorjahressiegerin Steffi Völkl.

Zum 30. Mal wird am 11. Oktober der München Marathon ausgetragen. Ex-Rennleiter Ali Schneider und Olympia-Fackelläufer Günther Zahn erinnern sich an die Anfänge 1983.

München – Es ist nur ein Stück Papier, eine aus der Zeitung herausgerissene Seite. Aber es ist auch die letzte, die er noch hat, ein Zeitdokument. „Das muss ich rahmen lassen“, sagt Gernot Weigl, Organisator des München Marathon. Was er da mit gebotener Vorsicht in den Händen hält, ist die Ergebnisliste vom ersten Stadt-Marathon in München, veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung. Tatsächlich: 1983 passten die Namen aller Läuferinnen und Läufer, die ins Ziel gekommen waren, auf eine Seite. Es war halt eine Bleiwüste und die Schrift klein.

„1. Stahl, Kjell-Erik. Zeit: 2:13,33. . . 2013. Ahling, Josef 5:57,09.“ Gut zweitausend Läufer waren damals also unterwegs, inzwischen registriert der München Marathon über 20 000 Teilnehmer – wobei im Angebot neben den 42,195 km jetzt auch Staffel, 10 km und der Halbmarathon sind. Fraglos: Die Veranstaltung ist gewachsen.

„Der München Marathon ist mein Baby“, sagt Ali Schneider aus Fürstenfeldbruck. Er ist 79, ein großer wortgewaltiger Erzähler und immer noch Unternehmer, er veranstaltet Marathonreisen, weltweit (er hat Läufer schon auf einem gecharterten Eisbrecher zum Laufen in die Antarktis gebracht). Schneider war in den Anfangsjahren der Rennleiter in München und der Mann, der die Strecke austüftelte und vermaß (er ist offizieller Streckenvermesser, hat etwa auch den Olympia-Marathon von Barcelona 1992 zertifiziert). „New York war das Vorbild“, blickt er zurück. Das wollte auch München haben: einen großen Lauf durch die Stadt.

Ungewöhnlich damals, wie sich Günther Zahn erinnert. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München war Zahn bekannt geworden: als der 18-jährige Nachwuchsläufer, der das Olympische Feuer entzündete. Als Athlet konnte er sich nie für Olympia qualifizieren, aber er wurde dann einer der besten deutschen Langstreckler. Und er startete am 8. Mai 1983 beim „1. Internationaler Olympia-City-Marathon München“. Zahn sagt, Marathonläufe in München habe es zuvor schon gegeben, „aber da lief man raus nach Oberschleißheim und um die Regattastrecke rum“.

Nun jedoch war man mittendrin in München: Start am Coubertinplatz auf dem Olympiagelände, dann ging es nach Nymphenburg, durch die Stadt, den Englischen Garten, Zieleinlauf dann zwischen Olympiahalle und Stadion. Seine Zeit? 33 Jahre später muss Günther Zahn nachdenken: „So eine 2:17 oder 2:18.“ Er wurde Fünfter in 2:17:55 Stunden. Er ist noch öfter mitgelaufen; heute begleitet er als Trainer seine Läufer aus Passau auf dem Rad. 2014 hat sein Schützling gewonnen: Tobias Schreindl.

Die Strecke hatte man von 1972 übernommen, vom olympischen Marathon, den Frank Shorter gewonnen hatte: Amerikaner, aber – zufällig, als Kind eines US-Soldaten – gebürtiger Münchner. Günther Zahn sagt, er habe 1983 bei der Premiere des City-Marathons ständig an Frank Shorter denken müssen: „Ich hatte ihn auf einem Wettkampf kennengelernt, wir haben uns sogar ein Doppelzimmer geteilt.“ Der Olympische Geist lief 1983 mit, zumindest bei Günther Zahn.

Die ersten Helfer des München Marathons waren 200 Soldaten. Freiwillige, die Ali Schneider von der Offiziersschule am Flughafen Fürstenfeldbruck rekrutiert hatte. Sie sorgten für Ordnung beim Start. Gut 2000 Leute gleichzeitig konnte man nicht loslassen auf dem Coubertinplatz, darum teilte man die Menge in Blöcke ein, die im Eineinhalb-Minuten-Abstand auf die Strecke gingen. Jede Gruppe hatte eine andersfarbige Startnummer. Trotzdem: Mit der Zeiterfassung war alles ein großes Chaos. Wer ins Ziel kam, dem wurde ein perforierter Barcode von der Startnummer abgerissen, eingescannt und auf einen Spieß gesteckt. „Doch am Ende“, erzählt Ali Schneider, „haben wir drei Nächte die Videoaufzeichnung vom Zieleinlauf angeschaut“. Erst nach dieser Auswertung gab es eine offizielle Ergebnisliste.

Auf der Suche nach besseren Lösungen reiste Schneider nach Australien, wo riesige Schafherden mit einem Chip von Texas Instruments am Ohr gekennzeichnet wurden und eine Antenne registrierte, ob sie einen bestimmten Punkt schon passiert hatten. Man versuchte, dieses System auf einen Läuferpulk zu übertragen – der Versuch mit entsprechenden Armbändern scheiterte. Jahre später entwickelte eine niederländische Firma den „Champion Chip“, den man in den Schuh einschnürt. Er löst die Zeitnahme aus, wenn der Läufer über die Startlinie geht – so bekommt jeder Teilnehmer eine gerechte Zeit, die Netto-Zeit. Es muss sich niemand mehr ärgern, wenn er nach dem Startschuss noch ein paar Minuten steht. Inzwischen gibt es auch Zeitmesssysteme, bei denen der Chip unmerklich in der Startnummer verarbeitet ist.

1984 liefen schon über 5000 Leute in München mit, 1986 lag das Ziel erstmals im Olympiastadion, 1989 kratzte die Veranstaltung an der 10 000-Läufer-Marke – doch in den Jahren danach ging es bergab. Ali Schneider zog sich als Rennleiter zurück, 1996 mussten die Veranstalter aufgeben. Bis 2000 gab es keinen München Marathon mehr, dann trat Gernot Weigl mit einem neuen Konzept an: Aus dem Frühlings- wurde ein Herbstmarathon. Das fixe Datum: eine Woche nach Oktoberfest-Ende. Mit neuer Strecke mehr im Osten der Stadt. „Im Westen war es immer schwierig gewesen, Sperrungen zu bekommen, etwa an der Verdistraße“, so Gernot Weigl.

Die neue Streckenführung hat sich etabliert. Zunächst wechselte man noch ab: ein Jahr die 42,195 km linksrum, das nächste Mal sie rechtsrum. Doch die Läufer wollten den Englischen Garten lieber auf den ersten statt den letzten Kilometern haben. Nun wird immer gleich gelaufen, mit möglichst wenig Abweichungen.

Am 11. Oktober 2015 ist etwas aber gravierend anders als in den vergangenen Jahren. Der Start findet nicht auf der breiten Ackermannstraße am Rand des Olympiaparks statt, sondern auf dem Coubertinplatz. Wie in den Anfängen. Ali Schneider sagt dazu: „Zurück zu den Wurzeln. Großartig.“

Von Günter Klein

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