München Marathon feiert Jubiläum

Der Marathon wird weiblich

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Ins Ziel gekommen, keinen Schaden genommen: Teilnehmerin am München Marathon.

Zum 30. Mal wird am 11. Oktober durch München gelaufen – über 42,195 Kilometer. Eine Besonderheit: Der Frauenanteil ist höher als andernorts. Tendenz: sogar noch steigend.

Kathrine Switzer ist nie den München Marathon gelaufen. Und dennoch ist es ihr zu verdanken, dass in diesem Jahr 1462 Frauen über die 42,195 Kilometer an den Start gehen werden.

Kathrine Virginia Switzer, in Amberg geborene Amerikanerin, hat einen legendären Ungehorsam begangen, der die Welt des Sports verändert hat. 1967 lief sie einfach beim Boston Marathon mit, der wie alle anderen Laufveranstaltungen über die Langstrecke den Männern vorbehalten war. Sie meldete sich als K.V. Switzer an, das war nicht gelogen, sie schlüpfte in einen Trainingsanzug und setzte sich eine Mütze auf. Nach zwei Meilen ist sie enttarnt, doch ihr Trainer und ihr Freund schützen sie gegen den Eingriff des Rennleiters, weitere Läufer eskortieren sie spontan. Kathrine Switzer kommt nach 4:20 Stunden ins Ziel, erstmals ist eine Frau einen Marathon gelaufen.

Und heute: Fluten die Frauen den Laufsport. Gernot Weigl, der Organisator des München Marathons, ist stolz, wenn er die aktuellen Auswertungen vor sich liegen hat: Für die 10 Kilometer haben mehr Frauen (1817) als Männer (1708) gemeldet, im immer populärer werdenden Halbmarathon sind die Männer mit 5487:3502 (entspricht 60:40 Prozent) vorne, das ist schon knapp. Und im Feld der Marathonis liegt der Frauenanteil bei 21,04 Prozent. Das sind noch keine amerikanischen Verhältnisse, wo man ab und an auf ein Feld mit Fifty-Fifty-Aufteilung trifft, „aber wir sind in Deutschland der Marathon mit den prozentual meisten Frauen“, sagt Weigl.

Was für eine Entwicklung! Gerade wenn man auch bedenkt, dass 1972 bei den Olympischen Spielen die längste Distanz, die Frauen laufen durften, die 800 Meter waren. Über die damals toughesten Läuferinnen sagten die TV-Kommentatoren anerkennend, ihnen könne man vielleicht sogar eine Strecke wie die 1500 Meter zutrauen.

In den seit 1919 gültigen Leichtathletik-Richtlinien stand: „Bei der Frau ist das Endziel aller Körperübung Anmut und Schönheit.“ Einen, den solche Theorien auf die Palme brachten, war der Mediziner Ernst van Aaken, genannt „Der Laufdoktor“, er glaubte an die Ausdauerkapazität der Frauen. Christa Vahlensieck erinnert sich: „Er hat die besten deutschen Mittelstrecklerinnen persönlich angesprochen, ob sie denn mal einen Marathon laufen wollten.“ Unter ihrem Geburtsnamen Kofferschläger gehörte sie damals, in den Siebzigern, zu den schnellsten Damen, also ließ sie sich auf das Abenteuer ein. Van Aaken ließ 1973 brachte bei seinem Marathon in Waldniel in Nordrhein-Westfalen erstmals Frauen offiziell an den Start. „Wir machten das ohne Vorbereitung und ohne Ahnung“, sagt Christa Vahlensieck. Und siehe da: Es ging dennoch. Frauen konnten Marathon laufen.

„1975 hatten dann schon wir die erste Deutsche Meisterschaft“, so Vahlensieck. Sie startete auch in Berlin, in Boston, bei großen Läufen, sie hielt mit 2:40:16 Stunden zwischenzeitlich sogar den Weltrekord. 1983 bei der ersten Leichtathletik-Weltmeisterschaft gehörte der Marathon der Frauen zum Programm, ebenso bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles. In zwölf Jahren hatten sich die Frauen also von 0,8 auf 42,2 Kilometer gesteigert. Und sie brachten neue Stars hervor, Marathon-Spezialistinnen wie Rosa Mota aus Portugal und die Norwegerin Grete Waitz. Später kamen Paula Radcliffe (seit zwölf Jahren Weltrekordhalterin mit 2:15:25 Stunden) aus Großbritannien und mit Uta Pippig und Irina Mikitenko auch wieder zwei deutsche Weltklasseläuferinnen. Große Namen.

„Wir waren schon Exoten“, sagt Christa Vahlensieck, die deutsche Pionierin, über die Anfangszeiten des Frauen-Marathons, „aber damals sind auch nicht viele Männer Marathon gelaufen“. Im Feld hätten manche ihre Schwierigkeiten damit gehabt, dass ihnen Frauen Konkurrenz machten.

Sie hat mitgeholfen, dass auch eigene Laufveranstaltungen nur für Frauen etabliert wurden. Für viele ist das der Einstieg. Dann melden sie sich für die normalen Events an.

„Es gab Zeiten, da lag der Frauenanteil unter zehn Prozent“, sagt München-Organisator Gernot Weigl. Die Kurve steigt aber längst an, und Christa Vahlensieck hält es für denkbar, dass eines Tages Gleichstand herrschen wird zwischen den Geschlechtern in einem Marathonteilnehmerfeld.

Sie bezieht sich bei ihrer Einschätzung „auf mein persönliches Umfeld. Ich kenne viele ehemalige männliche Leistungssportler, die heute gar nichts mehr machen“, so die mittlerweile 66-Jährige, „aber die Frauen machen weiter, weil sie etwa ihre Figur halten wollen“. Das klingt nach einer plausiblen Erklärung.

Christa Vahlensieck war die erste Siegerin beim München Marathon, den es seit 1983 gibt. Sie gewann im ersten und zweiten Jahr, ihre 2:33:45 Stunden wurden erst dreimal unterboten. Nur 28 Männer liefen damals bei der Münchner Premiere schneller als sie.

Über die Affinität von Frauen zum München Marathon hat sich Manfred Steffny, Olympia-Teilnehmer 1972 und Herausgeber des Laufmagazins Spiridon, in einem Essay mal Gedanken gemacht. Er stellte Zusammenhänge her zwischen dem Shopping-Angebot der bayerischen Metropole und dem auffallend hohen Anteil weiblicher Lauf-Kundschaft. Schließlich reist man zu einem City-Marathon in der Regel einen Tag vorher an.

Christa Vahlensieck hört sich die Steffny-These an, dann sagt sie: „Da kann ich ich nicht widersprechen“ und lacht das Lachen einer ertappten Frau, die es aber nicht schlimm findet, erwischt worden zu sein.

Von Günter Klein

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