Diese Scherbe schreibt die Stadtgeschichte um

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Die Marienhof-Ausgrabungen sind für Prof. Egon Greipl (mit der Sensationsscherbe) eine einmalige Gelegenheit, mehr über die Münchner Gründungsgeschichte zu erfahren.

München - Für den Laien sieht diese Scherbe aus wie ein Stück Bauschutt. Aber für Prof. Egon Johannes Greipl, Bayerns obersten Denkmalschützer, ist sie ein Schatz. Und zwar einer, der so bedeutend ist, dass man die Münchner Stadtgeschichte umschreiben kann.

Münchens ältestes Holzbauwerk,eine Latrine aus dem 13. Jahrhundert

Denn diese Keramikscherbe stammt aus dem 11. Jahrhundert und ist der Beweis dafür, dass schon zu dieser Zeit Menschen am Marienhof gelebt haben – gut 100 Jahre vor der Stadtgründung durch Heinrich den Löwen im Jahr 1158! Das wertvolle Fundstück wurde in rund fünf Meter Tiefe ausgegraben, stammt wohl von einem bauchigem Kochtopf und ist nicht der einzige spektakuläre Fund der Archäologen auf dem Gelände, auf dem die Deutsche Bahn im Frühjahr 2012 gern mit den vorbereitenden Bauarbeiten für die zweite S-Bahn-Stammstrecke beginnen will.

Denn bei den Grabungen wurden auch mehrere mittelalterliche Latrinen entdeckt. Und das, was der Normalbürger mit „Schmarrn“ bezeichnet, ist für Historiker und Denkmalpfleger pures Gold. Denn die Fundstücke in den Latrinen lassen in vielfältiger Weise auf das mittelalterliche Leben in München schließen. In dem Viertel lebten damals unter anderem Weinhändler, Patrizier und Ratsmitglieder – aber auch Handwerker.

Was die Ausgrabungen alles zum Vorschein bringen

Marienhof: Was die Ausgrabungen alles zum Vorschein bringen

Von einem Schuster namens Jörg Rot wurden die Überreste eines Schnabelschuhs von 1486 entdeckt und ein Kinderschuh (Größe 20). Offenbar waren die Rindsledersohlen so durchgelaufen, dass die Schuhe nicht mehr repariert, sondern in der Latrine entsorgt worden waren. Übrigens: Nahe der Latrinen wurden auch Brunnen entdeckt. Das spricht nicht für eine sonderlich gute Wasserqualität.

Schick: Schon im 15. Jahrhundert legten die Münchner Wert auf gutes Schuhwerk. Dieses Stück wurde in einer Latrine entdeckt.

Für Historiker ist das ein weiterer ein Beleg dafür, dass in jener Zeit Wein und Bier wesentlich gesünder waren als Wasser. Die Kosten für die Grabungen – das sind rund zwei Millionen Euro – trägt übrigens der Bauherr, die Deutsche Bahn AG. Noch bis Frühjahr haben die Archäologen Zeit, Spuren zu sichern. Dann wird der Marienhof als Bodendenkmal für immer verschwinden.

Weitere Sensationen sind denkbar. Fest steht aber, dass man auf Münchens ersten Synagogen-Raum, der laut Quellen in der Gruftstraße lag, wohl nicht finden wird. Die bisher freigelegten Mauerreste in diesem Bereich stammen aus späterer Zeit.

WdP

Die Fundstellen:

Der Marienhof – eine 6600 Quadratmeter große Schatzkammer im Herzen Münchens! Das sind die wichtigsten Fundstellen:

Theatinerstr. 52: Latrine, die die Archäologen auf 1260/61 datieren; Scherbe eines Kochtopfes, die belegt, dass der Marienhof schon Anfang des 11. Jahrhunderts bewohnt war.

Theatinerstraße 51: Latrine aus dem 15. Jahrhundert, Schnabelschuh von 1486.

Keller des Paradeiserhauses, in dem im 17. Jahrhundert Maria Ward lebte, die Begründerin der ersten Mädchenschule Bayerns. Funde aus der Zeit der Bombardierung Münchens:

Reste der ehemaligen Stadtbibiliothek und Gegenstände aus dem ehemaligen Café Bentenrieder.

München - auferstanden aus Ruinen

München - auferstanden aus Ruinen

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