„Erst in drei bis fünf Jahren wieder Niveau von 2019“

Münchens Messe-Chef überstand schwere Corona-Infektion: So heftig ist seine Branche von der Pandemie betroffen

Das Münchner Messegelände ist seit Monaten gähnend leer. Messe-Chef Klaus Dittrich hat auch mit einer Corona-Infektion unliebsame Bekanntschaft gemacht. Hier gibt er Einblicke in die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen.

München - Klaus Dittrich geht durch die Halle B1. Jeder Schritt, jedes Wort des Messe-Chefs hallt zurück. Seit bald einem Jahr ist hier Stillstand. Lockdown* auf dem Messegelände. Corona* hat den geplanten Umsatz um 70 Prozent einbrechen lassen. Für 2021 droht ein ähnliches Szenario, Personal muss abgebaut werden. Die Messe-Krise trifft die gesamte Region, für die die Messe ein Motor ist.

Auch privat hat Dittrich das Virus zu spüren bekommen. Kurz vor Weihnachten erhielten seine Frau und er einen positiven Befund. Er habe nur schwer atmen können, erzählt der 65-Jährige. Inzwischen haben beide das Schlimmste überstanden - und Klaus Dittrich ist überzeugt, dass auch die Messe wieder gesunden wird. Aber sie wird nicht mehr die selbe sein wie vor Corona.

Leere Hallen: Münchens Messe-Chef Klaus Dittrich hofft auf die baldige Rückkehr zu Präsenzveranstaltungen.
Herr Dittrich: Weihnachten war kein Fest der Freude für Sie und Ihre Frau.
Dittrich: Ich bin eine Woche vor Weihnachten positiv getestet worden. Bei meiner Frau ist es schon vier Tage vorher ausgebrochen. Wir haben beide gesagt: Wir waren noch nie so krank. Es hat drei Wochen gedauert, bis wir wieder halbwegs aufstehen konnten. Ich bin erst seit zweieinhalb Wochen wieder an Bord bei der Messe, aber immer noch nicht bei hundert Prozent.
Der Verlauf war heftig?
Dittrich: Ich hatte noch Sport gemacht an dem Tag - zwei Stunden später war ich bettlägerig. Ich hatte wahnsinnige Gliederschmerzen und habe fünf, sechs Schmerztabletten am Tag genommen, um überhaupt schmerzfrei liegen zu können. Ich war extrem matt, hatte beim Aufstehen das Gefühl, einen bleiernen Anzug anzuhaben, der das Dreifache dessen wiegt, was ich normalerweise habe. Ich hatte mehrere Tage sehr hohes Fieber, Schnupfen, Husten, Atembeschwerden, Schwindel* - das volle Programm. Wenn der Arzt sagt: Wenn es noch schlimmer wird, müssen Sie in die Klinik, dann wird einem schon anders.
Ein Gefühl der Angst ...
Dittrich: Der Gedanke an einen Erstickungstod geht einem schon nahe. Wir waren nicht in der Klinik, aber mussten schon schauen, dass wir Luft kriegen. Ich mache jetzt langsam wieder etwas Sport auf dem Spinningrad. Aber die Auswirkungen der Krankheit beschäftigen einen länger.
Wissen Sie, wo Sie sich das Virus eingefangen haben?
Dittrich: Über schulpflichtige Kinder. Das ist ziemlich sicher.
Hat Sie die Erkrankung verändert?
Dittrich: Man wird demütiger - und nachdenklich. Corona hat gezeigt, wie ausgeprägt der Egoismus von Menschen sein kann, mit illegalen Partys oder Demos ohne Maske. Das ist bedrückend. Andererseits habe ich viel Solidarität erlebt. Nicht nur auf sich zu schauen, sondern auch auf andere. Ich hoffe, diese Solidarität hat Bestand. Denn eigentlich ist der Zustand der Ungewissheit, den wir jetzt haben, der Normalzustand in der Geschichte der Menschheit. Ich denke, es war eher die Ausnahme, dass wir so viele Jahre des ungebrochenen Wachstums hatten. Aber ich bleibe optimistisch. Wir können diese Herausforderung gemeinsam meistern.
Corona hat auch bei der Messe München Spuren hinterlassen. Wie fühlt es sich an, in einer leeren Messehalle zu stehen?
Dittrich: Schmerzhaft. Vor allem, wenn man bedenkt, dass hier vergangene Woche das Sportlerleben gebrodelt hätte. Die ISPO konnte ja nur online stattfinden. Das ist bitter. Das Gute ist: Alle Kunden sind heiß auf persönliche Begegnung. Das hören wir von allen Seiten. Jeder freut sich darauf, sich wieder auf Messen zu tummeln. Keiner sagt, Messen sind Auslaufmodelle.
Seit wann ist die Messe lahmgelegt?
Dittrich: Die letzte Eigenveranstaltung war am 2. März die „Command Control“. Es gab ein kurzes Aufflackern des Messegeschehens im September, als Messen wieder zulässig waren. Da hatten wir die „TrendSet“ und zwei Kongresse. Dann war es wieder vorbei.
Wie schwer hat Corona die Messe getroffen?
Dittrich: Wir hatten 2019 ein Mega-Rekordjahr, sind unter den Messeveranstaltern weltweit auf Platz fünf vorgerückt. 2020 lief auch sehr gut an, etwa mit der ISPO. Dann ging es schlagartig los. Das war eine brutale Landung. Uns sind fast alle geplanten Umsätze weggebrochen - rund 70 Prozent. Das sind über 200 Millionen Euro. Damit hatte keiner gerechnet.
Die Messe hat weltweit 1200 Mitarbeiter, davon rund 800 in München. Es muss abgebaut werden ...
Dittrich: Wir haben alles versucht: bei den Sachkosten drastisch gespart, Mitarbeiter in Kurzarbeit* geschickt, neue Darlehen zur Liquiditätssicherung aufgenommen, Gewinne aus China nach München* transferiert. Wir haben 80 Mitarbeiter zur Bearbeitung der Novemberhilfe-Anträge an die IHK abgestellt - eine Win-win-Situation: Die Mitarbeiter können voll arbeiten, wir sparen uns das Gehalt. Aber all das hat nicht gereicht und wir müssen in München ein Viertel der Stellen abbauen. Zudem soll die Geschäftsführung halbiert werden und es werden Hierarchiestufen herausgenommen. Im Moment laufen die Gespräche mit dem Betriebsrat, um über Abfindungen und Vorruhestand einvernehmliche Lösungen zu finden. Kündigungen sind das allerletzte Mittel.
Sie gehen davon aus, dass uns Corona bleiben wird ...
Dittrich: Das Virus wird bleiben. Die Frage ist: Wie kann man es beherrschbar machen? Wir haben viele Weltleitmessen, da ist auch entscheidend: Wie schauen die Reiserestriktionen aus? Wenn man nicht reisen kann, brauche ich die Messe nicht zu machen.
Muss sich die Messe mit Corona neu erfinden?
Dittrich: Die Zukunft wird anders aussehen, als wir sie uns vorgestellt haben. Corona war ein Turbobeschleuniger für Entwicklungen, die sich schon abgezeichnet haben. Vor allem die Digitalisierung. Und es hat Dinge infrage gestellt, die selbstverständlich waren. Auch ich bin vor Corona zu Meetings elf Stunden nach Schanghai geflogen. Das werde ich sicher nicht mehr tun.
Was bedeutet Digitalisierung für die Messe?
Dittrich: Wir haben schon vor zehn Jahren begonnen, uns digital aufzustellen. Allen voran bei der ISPO, wo wir gesagt haben: vier Tage Messe reichen nicht, wir brauchen für unsere Kunden ganzjährige digitale Angebote. Wir haben seit vier Jahren einen eigenen Geschäftsbereich, der digitale Produkte entwickelt. Corona hat uns noch mal einen enormen Schub gegeben. Wir haben seit März 15 digitale Plattformen aufgebaut, als Ersatz für abgesagte Messen. Wir werden den Geschäftsbereich nun aber auflösen, um die digitale Kompetenz breit und tief im gesamten Unternehmen zu verankern.
Wie muss man sich so eine digitale Messe vorstellen?
Dittrich: Es gibt einen digitalen Ausstellungsbereich, auf dem die Firmen sich und ihre Produkte präsentieren können. Es gibt Ansprechpartner, über die man Termine vereinbaren kann für vertiefende Gespräche. Es gibt Workshops und einen Konferenzteil mit Vorträgen und Diskussionen. Bei der „ISPO Munich online“ letzte Woche, eigentlich eine reine Fachmesse, gab es erstmals einen Livestream, wo Endverbraucher mit Athleten in persönlichen Kontakt kommen konnten oder gemeinsam Sport gemacht wurde.
Das klingt nach einem ziemlich großen Wandel bei der Messe München.
Dittrich: Ich vergleiche es gerne mit dem Mobiltelefon. Früher war es nur dazu da, um kabellos zu telefonieren. Heute ist ein Smartphone das Eintrittsgerät in die ganze Welt des Internets. Sie können dort spielen, fotografieren, navigieren, filmen, fernsehschauen. So müssen sich auch Messen weiterentwickeln. Die Telefonfunktion ist bei uns die Fläche mit Ausstellern und Besuchern. Dazu kommen müssen all die Funktionen, die ein modernes Smartphone hat. Dass man über die Messe hinaus ganzjährig international Kontaktmöglichkeiten bietet, Produkte entwickelt, die dem Kunden Mehrwert stiften.
Die Messe mehr als digitaler Vernetzer denn als Anbieter von Messefläche?
Dittrich: Wir sehen uns nicht mehr nur als Hallenvermieter, sondern als Plattformmanager. Wir organisieren Plattformen - in physischer Form auf einer Messe oder digital. Dort eben, wo Angebot und Nachfrage zusammenkommen. So kann zum Beispiel ein Aussteller, der wegen Corona nicht reisen darf, digital an einer Messe teilnehmen.
Besteht nicht die Gefahr, dass immer mehr Aussteller nur noch digital statt physisch teilnehmen?
Dittrich: Ich glaube an die Zukunft von Präsenzmessen - und ich finde, dass Corona sogar den Beweis dafür erbracht hat. Alle Menschen haben in den letzten Monaten erfahren, wie wichtig persönliche Begegnung ist. Das gilt auch für Messen. Früher hieß es oft, Messen sind zu teuer und ein Auslaufmodell. Davon spüren wir derzeit nichts. Alle Welt sagt: Wann gibt es endlich wieder Messen? Das Sich-persönlich-in-die-Augen-Schauen, ein Produkt live erleben und testen. Die Präsenzmesse wird bleiben. Richtig ist aber auch: Ohne digitale Erweiterung wird es die Fläche schwer haben, vermietet zu werden. Wir brauchen integrierte Konzepte.
Ist die Messe künftig flächenmäßig zu groß?
Dittrich: Die Zeit der Wartelisten ist für die nächsten Jahre vorbei. Aber vor Corona konnten wir immer wieder Veranstaltungen mangels Platz nicht unterbringen. München ist eine hochattraktive Stadt. Ich bin sicher, dass wir die Hallen gut nutzen können, zum Beispiel durch neue Gastveranstaltungen, die nach München wollen.
Die Messe-Krise trifft auch die Region sehr hart. Der Kaufkrafteffekt für München lag allein 2019 bei 1,77 Milliarden Euro, für Bayern bei 2,6 Milliarden. Bricht die Messe der Region als Motor weg?
Dittrich: Es stimmt: Ein Euro Messe-Umsatz kreiert zehn weitere Euro bei Dritten. Das gilt leider auch im Negativen. Jeder Euro Umsatz, der uns fehlt, fehlt zehnfach der Hotellerie, der Gastronomie, dem Standbau, dem Einzelhandel, dem Taxigewerbe und allen andere. Die Messe hat 2020 über 200 Millionen des geplanten Umsatzes verloren - das sind zwei Milliarden Euro, die an Umwegrentabilität bei Dritten verloren gegangen sind. Alle, die an der Messe hängen, müssen sich aber keine Sorgen machen. Ich bin fest überzeugt, dass das persönliche Zusammentreffen wiederkommt. Wenn die Messen wieder anlaufen, brauchen wir alle Dienstleister wieder. Aber es wird drei bis fünf Jahre dauern, bis wir wieder auf dem Niveau von 2019 sind.
Sind Ihnen Insolvenzen von Zulieferern bekannt?
Dittrich: Größere nicht. Standbaufirmen zum Beispiel kämpfen aber um ihre Existenz. Der Wasserstand steigt bei allen beträchtlich. Wenn sich der Lockdown noch einige Monate hinzieht, wird es der ein oder andere nicht durchhalten. Damit muss man rechnen, was sehr bitter ist.
Wann rechnen Sie wieder mit Präsenzmessen?
Dittrich: Nicht im ersten Halbjahr. Wir hoffen aber sehr, dass ab der zweiten Jahreshälfte wieder Messen stattfinden können. Letztlich hängt das von der Entwicklung der nächsten Wochen ab, denn die Aussteller brauchen ja einen bestimmten Vorlauf, um ihre Messebeteiligung vorzubereiten.
Wie sieht es gerade bei der Messe-Konkurrenz aus?
Dittrich: Im internationalen Messegeschäft könnte es eine Konsolidierung geben - mit Partnerschaften und Aufkäufen. Die Preise sinken. Es ist eine Phase, in der man sein Portfolio ganz gut erweitern kann. Wir haben in der Vergangenheit schon Veranstaltungen gekauft oder uns beteiligt, etwa an dem Start-up-Event „Bits & Pretzels“. Wir schauen Richtung digitale Kompetenz. Denn wir sind perfekte Messe-Organisatoren, aber noch trauen uns nicht alle zu, perfekte digitale Plattformen zu bauen. In der Krise sind unsere finanziellen Möglichkeiten allerdings begrenzt.
Wie lange können wir den Lockdown wirtschaftlich noch verkraften?
Dittrich: Die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns werden immer offensichtlicher. Aber wenn wir zu schnell lockern, ist der Kollateralschaden verheerend. Wichtig ist, die Menschen für die Maßnahmen zu gewinnen. Wir sind kein Polizeistaat und keine Diktatur wie in China, wo Millionen-Städte von heute auf morgen zugesperrt werden. Das geht in einer Demokratie nicht. Deshalb muss sich die Politik auf möglichst einheitliche Spielregeln einigen.
Planen Sie Corona zum Trotz schon einen Urlaub?
Dittrich: Ja. Wir haben gesagt: Wir planen einfach mal, das allein macht schon viel Freude. Griechenland* ist ein Thema, Lappland, vielleicht doch noch Ski fahren. Mal sehen, ob die Infektionszahlen das zulassen.

Interview: Wolfgang Hauskrecht

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Rubriklistenbild: © Marcus Schlaf

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