Miet-Wahnsinn geht weiter

Mieten steigen trotz Corona: Immer mehr Münchner in Schwierigkeiten - Auswirkungen „drastisch“

Die Innenstadt von München, fotografiert aus einem Hubschrauber.
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Die Innenstadt von München, fotografiert aus einem Hubschrauber.

Corona bringt immer mehr Mieter in finanzielle Bedrängnis. Die Anträge auf Wohngeld stiegen in München binnen eines Jahres von 8931 auf 15.778. Der Durchschnittswert des Mietspiegels erhöhte sich.

München - Die Pandemie* hat vieles ausgebremst – auch die Neuerhebung des offiziellen Mietspiegels der Stadt. Denn im März 2020, gerade als das Sozialreferat mit der Neuerhebung der Daten beginnen wollte, schlitterte die Republik in den ersten Lockdown.

Basis für die Errechnung des Mietspiegels sind rund 3000 telefonische Befragungen und in einem zweiten Schritt persönliche Interviews. Letztere waren im Lockdown sowieso nicht möglich. Bei den telefonischen Stichproben wiederum zeichnete sich laut Schiwy ab, dass die niedrige Antwortbereitschaft von Haushalten mit Kindern oder mit Personen aus systemrelevanten Berufen, wie Krankenpflegern oder Kassierern, zu einem verzerrten Bild führen würde. Demgegenüber hätten sich überdurchschnittlich viele Besserverdienende beteiligt. Schiwy: „Es gab erhebliche Zweifel an der Validität der Daten.“ Auch die LMU, die in Zusammenarbeit mit dem Institut Kantar die Analyse für die Stadt durchführt, riet dazu, die Befragung nicht weiter zu verfolgen.

München: Stadtrat beschloss 2020, Mietspiegel nicht neu zu erheben

Die Stadtratsmehrheit hatte daher schon im September 2020 beschlossen, den Mietspiegel 2021 nicht neu zu erheben, sondern die Daten von 2019 nur gemäß dem Verbraucherpreisindex (3,1 Prozent) fortzuschreiben. Dies ist gesetzlich möglich. Somit ergab sich mehr oder weniger automatisch eine Erhöhung der Durchschnittsmiete von 11,69 Euro auf nun 12,05 Euro. Die Stadtrats-FDP und der Verein Haus und Grund hatten damals diese simple Methode kritisiert. Zum Vergleich: Mit Umfrage war der Münchner* Mietspiegel von 2017 auf 2019 um 4,1 Prozent gestiegen.

Allerdings handelt es sich ohnehin nur um einen Orientierungswert, an dem sich die Berechnung der ortsüblichen Vergleichsmiete bemisst. Hierzu werden in einem mehrstufigen Verfahren zahlreiche Faktoren wie beispielsweise Wohnlage, Baujahr oder Ausstattungsmerkmale einer Wohnung herangezogen.

Zwei Beispiele: Eine renovierte Altbauwohnung in der Schwabinger Herzogstraße (35 Quadratmeter) hat laut Mietspiegel einen Grundpreis von 13,03 Euro. Doch inklusive der Zuschläge für die zentrale gute Lage, modernisiertem Bad und Boden sowie einer Topküche ergäbe sich eine Nettokaltmieter von rund 18 Euro pro Quadratmeter. In Summe wären das für diese kleine Wohnung 630 Euro. Für eine Wohnung derselben Größe in einem zusammenhängenden Wohnblock in der Milbertshofener Schopenhauerstraße (durchschnittliche Lage) mit einfacher Ausstattung betrüge die ortsübliche Vergleichsmiete hingegen nur 9,44 Euro, weil es hier vom Durchschnittswert des Mietspiegels (12,38 Euro) viele Abzüge gibt.

Münchner Sozialreferentin Schiwy: Corona-Auswirkungen drastisch

Prinzipiell appellierte Sozialreferentin Schiwy an den Gesetzgeber, bei der Berechnungsgrundlage für den Mietspiegel auch ältere Mietverträge und Sozialwohnungen mit einzubeziehen. Bisher können nur Mietverhältnisse berücksichtigt werden, die maximal sechs Jahre alt sind – was natürlich den Durchschnittswert des Mietspiegels erhöht.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Mietmarkt sind laut Schiwy drastisch. Es gebe keinerlei Entspannung, und viele Menschen müssten aufgrund von Einkommensverlusten fürchten, ihre Wohnungen zu verlieren. „Umso mehr bedauere ich die Entscheidung der Bundesregierung, die Stundungsregelung von Mietzahlungen nicht fortzuführen. Gerade jetzt wäre sie – nach so langer Laufzeit des Lockdowns – immer mehr von Nöten“, sagte Schiwy.

Nach Auskunft des Sozialreferats gab es im Vorjahr 15 778 Anträge auf Wohngeld, 2019 waren es 8931. Das entspricht einer Zunahme um 76 Prozent. Das Wohngeld ist ein Zuschuss der Stadt für bedürftige Personen oder Familien, um die Mietzahlung zu sichern. - *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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