„Das darf die Stadt nicht akzeptieren“

Miet-Paukenschlag im Glockenbachviertel? Für Anwohner könnte es bald brenzlig werden

Nur noch Wohlhabende im Glockenbachviertel? „Das stimmt einfach nicht“, sagt Claudia Lowitz. Hier sitzt sie im Hinterhof des Mietshauses an der Klenzestraße, in dem sie noch recht günstig wohnt.
+
Nur noch Wohlhabende im Glockenbachviertel? „Das stimmt einfach nicht“, sagt Claudia Lowitz. Hier sitzt sie im Hinterhof des Mietshauses an der Klenzestraße, in dem sie noch recht günstig wohnt.

Der Mieterschutz im Glockenbachviertel steht auf der Kippe. Für eingesessene Münchner könnten die Mieten bald in die Höhe schießen.

München - Leben im Glockenbach- und Gärtnerplatzviertel noch schützenswerte Mieter? Mit dieser Frage befasst sich heute der Stadtrat. Die Verwaltung sieht die Gentrifizierung so weit fortgeschritten, dass sie eine Verlängerung der gültigen Erhaltungssatzung kritisch bewertet.

Das städtebauliche Instrument der Erhaltungssatzung zielt darauf ab, preiswerten Wohnraum in begehrten Münchner Vierteln zu schützen. Damit Haushalte mit geringem und mittlerem Einkommen nicht verdrängt werden und die gewachsene Bevölkerungsstruktur erhalten bleibt. Derzeit gibt es in München* 29 Erhaltungssatzungsgebiete, in denen etwa 307 000 Einwohner in 175 000 Wohnungen leben. Dort wird zum Beispiel bei Neubaumaßnahmen eine Umwandlung in Eigentumswohnungen nur unter bestimmten Voraussetzungen bewilligt. Der Stadt steht ein Vorkaufsrecht für Grundstücke zu.

München: Planungsausschuss debattiert Erhaltungsgrundsatz für Gärtnerplatz- und Glockenbachviertel

Heute befasst sich der Planungsausschuss mit der Erhaltungssatzung für das Gärtnerplatz-/Glockenbachviertel, deren Geltungsdauer im Mai ausläuft. Überspitzt formuliert könnte man sagen: Die Stadtverwaltung sieht dort keinen Sinn in einer unbefristeten Verlängerung der Satzung. Diese gilt seit 30 Jahren. In dem Quartier leben rund 8000 Menschen in 4900 Wohnungen. Wörtlich heißt es in der Beschlussvorlage für den Stadtrat: „Der Gentrifizierungsprozess ist in diesem hoch attraktiven Wohngebiet mittlerweile so weit vorangeschritten, beziehungsweise die Bevölkerungsstruktur hat sich so stark verändert, dass ein unbefristeter Milieuschutz kritisch gesehen wird.“

Es sei keine ausreichende Verdrängungsgefahr mehr für die dort wohnhafte Bevölkerung nachweisbar. Das Planungsreferat empfiehlt nun auf Drängen des Bezirksausschusses (BA) Ludwigs-/Isarvorstadt eine Verlängerung der Satzung zumindest um ein Jahr. Hintergrund: Bis dahin sollen die Ergebnisse eines Rechtsgutachtens über neue, bedrohliche Preisentwicklungen in diesem Gebiet vorliegen.

München: Bezirksausschuss will Mieter weiter schützen - Investitionen bedrohen Anwohner

Der BA hatte sogar eine Erweiterung des Umgriffs der Satzung vorgeschlagen. In einer Stellungnahme äußert sich das Lokalgremium kritisch zur Haltung der Stadt. Es gebe immer noch Häuser mit einer schutzbedürftigen Mieterschaft, auch wenn das Durchschnittseinkommen der Bewohner im Viertel gestiegen sei. „Daher wollen wir die Erhaltungssatzung beibehalten“, betont der BA. Das „Milieu“ dieses Viertels sei weiterhin enorm bedroht von preistreibenden und verdrängenden Investitionen in „Betongold“, die die zu bewahrende „Münchner Mischung“ gefährden.

Claudia Lowitz sitzt für die Grünen im Bezirksausschuss. Sie wohnt seit 1997 in einem klassischen Altbau aus der Gründerzeit im Glockenbachviertel. Die Hebamme lebt mit ihrem Mann und zwei erwachsenen Kindern in einer 90-Quadratmeter-Wohnung in einem Haus mit 14 Parteien am Ende der Klenzestraße und bezahlt rund 1100 Euro Warmmiete. Sehr günstig für das Viertel. „Aber in anderen Städten wäre das schon Hochpreissegment“, sagt Lowitz.

Sie hofft, dass die politischen Entscheidungsträger im Stadtrat die Satzung verlängern. „Man darf das Viertel nicht dem Spiel der freien Märkte überlassen.“ Eine wesentlich höhere Miete könnte sie sich nicht leisten. Sie kenne viele im Viertel, denen es genauso geht. Die Aussage der Verwaltung, die Gentrifizierung in dem Wohngebiet sei nahezu abgeschlossen, bezeichnet Lowitz als „zynisch“. Das stimme einfach nicht. Aber sie sehe, dass bei Mieterwechseln im Viertel fast ausschließlich zahlungskräftige Klientel einziehe. „Das darf die Stadt nicht akzeptieren.“ Noch mehr Nachrichten aus München gibt es hier.*tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Kommentare