Mutter und Tochter spurlos verschwunden

Sprach unsere Redakteurin mit einem Mörder? Prozess in München beginnt - die Chronik eines unerklärlichen Falls

Vermisstenfall in München: Maria und Tatiana G. sind seit Juli 2019 verschwunden.
+
Maria und Tatiana G. sind seit Juli 2019 verschwunden.

Von Maria G. (41) und ihrer Tochter Tatjana (16) gibt es kein Lebenszeichen. Nun beginnt der Mordprozess gegen den Verdächtigen Roman H. Sprach unsere Redakteurin mit einem Mörder?

  • Es ist einer der spektakulärsten Vermisstenfälle in München*.
  • Maria (41) und Tatiana G. (16) aus Ramersdorf sind seit dem 13. Juli 2019 spurlos verschwunden
  • Jetzt beginnt ein Mordprozess ohne Leichen. Vor dem Landgericht München I muss sich Roman H. verantworten.

München - Am Montag beginnt der Mordprozess in einem der spektakulärsten Fälle der letzten Jahre. Hat Roman H. seine Frau Maria G. (41) und Stieftochter Tatiana (16) getötet? Noch immer wurden die Leichen nicht gefunden. Die tz schildert, wie Polizei und Justiz vorgingen, wir sprachen mit Marias bester Freundin. Zudem erzählt tz-Reporterin Laura Felbinger, wie dramatisch sich die Recherche entwickelte – und wie sie mit dem mutmaßlichen Killer sprach.

München: Redakteurin sprach mit Verdächtigen - Telefonat mit einem Mörder?

Angefangen hat alles mit einem Facebook-Post, der mir auffällt. Es ist Dienstag, der 16. Juli 2019. Eine Frau teilt einen Aufruf, dass ihre Freundin Maria G. (41) und deren 16-jährige Tochter Tatiana seit Samstag vermisst werden. Sie seien zum Einkaufen gefahren und dann nicht mehr aufgetaucht. „Wir sind äußerst beunruhigt“, heißt es in dem Aufruf. Ich beginne zu recherchieren…

Auf Nachfrage bestätigt mir die Polizei, dass eine Vermisstenanzeige der Frauen aus Ramersdorf vorliegt. Ich rufe Maria G.s Freundin an. Sie ist sehr besorgt. Dass Maria und ihre Tochter sich einfach ohne Erklärung aus dem Staub machen – das passt so gar nicht. Die Freundin legt mir nahe, auch mal Marias Ehemann Roman H. und Tatianas leiblichen Vater anzurufen – schließlich wollen alle schnell herausfinden, was passiert ist.

Wie sich herausstellt, hatten Roman H. und Tatianas Vater die Vermisstenanzeige sogar zusammen aufgegeben. Wer denkt da daran, dass einer der beiden schuld am Verschwinden der Frauen sein könnte? Unbedarft rufe ich Roman H. an. Am Telefon ist er kurz angebunden. „Ich weiß nicht, wo die beiden sind“, sagt er sehr niedergeschlagen. Viel mehr bringe ich nicht aus ihm heraus. Erst klingt er traurig, dann fast schon apathisch. Tatianas Vater wirkt am Telefon verängstigt und ratlos. Zu diesem Zeitpunkt habe ich den Eindruck, dass sich alle Angehörigen einfach nur Sorgen um die Vermissten machen – auch Roman H.

Hat Roman H. seine Ehefrau Maria G. und seine Stieftochter Tatjana getötet?

Doch kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse. Am Freitag, 19. Juli, gibt die Polizei bekannt: Man geht von einem Gewaltverbrechen aus. Die Mordkommission ermittelt! Am Sonntag die überraschende Meldung: Roman H. wurde festgenommen. Tags darauf kommt der 44-Jährige in Untersuchungshaft – und mir drängt sich die schockierende Frage auf: Habe ich mit einem Mörder telefoniert?

Die Freundin

Silvia M. (44) war eine der besten Freundinnen der verschwundenen Maria G. Seit mehr als einem Jahr lebt sie mit dem Schmerz – und der Ungewissheit, was mit Maria und deren Tochter Tatiana passiert ist. Sie sei nun erleichtert, dass der Prozess endlich losgehe, auch wenn er sicherlich sehr bedrückend sein wird. „Ich würde alles dafür tun, dass Roman sein Schweigen endlich bricht“, sagt die 44-Jährige kurz vor Prozessbeginn.

Freundin Silvia M. (links) mit den zwei Vermissten.

Silvia M. gibt die Hoffnung nicht auf, dass der Tatverdächtige in der Verhandlung „mit der Wahrheit herausrückt“. Die Münchnerin ist sich sicher, dass etwas Schreckliches passiert ist. „Da gibt es mittlerweile keine Zweifel“, sagt sie. „Zwei Leben sind gelöscht und das kann man nicht mehr rückgängig machen.“ Doch es gebe noch andere Menschen – die Angehörigen –, für die die Folter weitergehe, solange die Wahrheit nicht 100-prozentig geklärt ist. „Wir sind bereit, auch mit der ganz schrecklichen Realität konfrontiert zu werden. Aber wir sind nicht bereit, in dieser quälenden Ungewissheit bis ans Ende unserer Tage zu leben. Wir bitten Roman, endlich die Wahrheit zu erzählen, damit wir alle damit abschließen können – auch er selbst.“

Gerade jetzt werde alles wieder sehr präsent für Silvia M., auch wenn es der 44-Jährigen etwas besser geht als vor einem Jahr. „Oft gibt es sehr traurige Momente, an denen ich meine Freundin sehr vermisse. Sie fehlt. Es gibt aber auch Momente, an denen ich sehr viel Wut und Verzweiflung verspüre und Gerechtigkeit will“, sagt sie. Man werde von dieser Ungewissheit sehr müde. Das Ganze habe ihr Leben geprägt und werde es auch noch weiter tun. Sie sagt: „Man kann damit nicht fertig werden und die Unfassbarkeit dieser Tragödie trifft einen immer wieder aufs Neue.“

Die Suche

Zwei Frauen verschwinden spurlos – der Fall von Maria (41) und Tatiana G. (16) gibt der Justiz Rätsel auf. Am 13. Juli 2019 waren Mutter und Tochter im PEP Neuperlach einkaufen gewesen – doch sie kamen nie wieder heim nach Ramersdorf. Seither gibt es kein Lebenszeichen von beiden.

Wochenlang hatten Hunderte Polizisten auf der Suche nach den Vermissten Waldgebiete durchkämmt – unter anderem den Truderinger Forst. Auch Hunde wurden eingesetzt, Taucher suchten im See. Die Ermittler fanden eine Fußmatte und einen Teppich aus der Wohnung der Familie – sie lagen nahe eines Waldwegs im Dickicht. Daran klebte Blut der Frauen, wie Labor-Untersuchungen ergaben. Im Sommer wurde die Suche aber vorläufig eingestellt – weil es keine neuen Hinweise gab.

Mutter und Tochter vermisst: Die Polizei suchten im Truderinger Forst.

Roman H. gilt seither als dringend tatverdächtig, die Frauen ermordet zu haben. Den Ermittlungen zufolge soll der Deutschrusse seine Frau im Streit in der gemeinsamen Wohnung getötet haben. Mutmaßlich durch stumpfe Gewalt gegen den Kopf. Danach soll es zu einer Verdeckungstat gekommen sein: Weil Tatiana das Blut sah, soll Roman H. auch sie ermordet haben.

Mutter und Tochter aus München vermisst: Mordprozess ohne Leiche

Doch wie kann es trotzdem zum Prozess kommen? „Ein Mordverfahren ohne Leichen ist schon etwas Besonderes“, sagt Alexandra Zahn, Sprecherin der Staatsanwaltschaft München I. „Dennoch gibt es im Strafverfahren auch andere taugliche Beweismittel“ – etwa Tatwerkzeug oder Tatmittel, mit denen der Tatnachweis geführt werden könne, „und die letztlich als Grundlage einer Verurteilung dienen können“. In derartigen Fällen gebe es „daher nicht nur das eine Beweismittel, sondern häufig gründet der hinreichende Tatverdacht auf einer Zusammenschau einer Vielzahl von Beweisen“. Die Staatsanwaltschaft erhebe nach durchgeführten Ermittlungen auch „nur dann Anklage, wenn aus ihrer Sicht nach Sach- und Rechtslage eine Verurteilung am Ende der Hauptverhandlung wahrscheinlich erscheint“.

Auch das Landgericht prüfe den Fall vor Eröffnung des Hauptverfahrens. Zu einer Anklage bzw. zum Prozess käme es daher nicht, wenn ein Tatnachweis „lediglich von einem zukünftigen/ungewissen Geständnis des Angeklagten abhängen würde“. Nur weil es keine Leiche gibt, bedeute dies nicht, dass „ein Tatnachweis nicht mit anderen Beweismitteln geführt werden kann“. (laf, weg, thi) Merkur.de und*tz.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

Auch interessant

Kommentare