1. tz
  2. München
  3. Stadt

Heilige Munditia: Besuchermagnet und Reliquie mit Gruselfaktor - Die lächelnde Römerin im Alten Peter

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Cornelia Schramm

Kommentare

Eine Römerin in München: Die Ganzkörperreliquie stammt aus den Katakomben in Rom. Munditia lebte etwa um 300 nach Christus.
Eine Römerin in München: Die Ganzkörperreliquie stammt aus den Katakomben in Rom. Munditia lebte etwa um 300 nach Christus. © Marcus Schlaf

Christen lockt die Heilige Munditia aus Ehrfurcht an. Touristen und Grusel-Fans aber vor allem auch aus Neugier. Als Katakombenheilige kam die Römerin nach München - und gilt als Patronin aller Singles.

Hinter Gittern und Glas hat eine Römerin in München ewige Ruhe gefunden: die heilige Munditia. Mit einem schweren Schlüssel sperrt Peter Zobel das schmiedeeiserne Tor auf und betritt ihre Kapelle in der Peterskirche. Seit 34 Jahren ist er hier Mesner und Munditia für ihn eine alte Bekannte. „Wenn ich den Schrein abstaube oder ihr eine Kerze hinstelle, ertappe ich mich oft dabei, wie ich mit ihr spreche“, sagt der 54-Jährige und lacht. „Sie ist für mich eine Heilige mit besonderer Ausstrahlung.“

In der Tat: Munditia strahlt. In ihrem gläsernen Schrein, dessen schwarzer Rahmen mit silbernen Ornamenten verziert ist, liegt sie auf rotem Samt und goldenen Borten. Die Ganzkörperreliquie ist in einen Schleier gewickelt und wie ihre kunstvoll bestickte Brokatschärpe mit Perlen und bunten Glassteinen besetzt. Früher sah sie laut Zobel noch opulenter aus: „Bis 1975 ein Lump über das Sakristeifenster einstieg, das Gittertor aufbrach und alle Steine stahl.“ Munditia riss er heraus, trat ihr in den Brustkorb – und steckte ihren Kopf auf eine der Gitterspitzen.

Heilige Munditia: Wie die Römerin nach München kam

Ein Schock für alle, die damals ihr rund 1700 Jahre altes Skelett vorfanden. Ähnlich gewaltsam starb Munditia um 300 nach Christus. „Die lateinische Inschrift ihres Grabsteins verrät: Sie ist eine Märtyrerin. Mit dem Beil wurde die Witwe von den Römern enthauptet“, sagt Zobel. Darauf deuten auch Spuren am Hals des Skeletts hin. Doch wie kam Munditia aus den Katakomben von Rom nach München? „Der Kaufmann Franz Benedikt Höger, heute würden wir ihn Stadtrat nennen, fuhr 1675 nach Rom, um ein heiliges Weib für Sankt Peter zu erbitten“, erzählt Zobel. Der Papst war einverstanden, und Munditia zog zwei Jahre später mit einem riesigen Festzug in die Peterskirche ein.

Stadtpfarrmesner Peter Zobel hat den Schlüssel zu Munditias letzter Ruhestätte - einer Seitenkapelle in der Peterskirche.
Stadtpfarrmesner Peter Zobel hat den Schlüssel zu Munditias letzter Ruhestätte - einer Seitenkapelle in der Peterskirche. © Marcus Schlaf

Glasaugen und Lider aus Golddraht schreckten die Christen nicht ab. Bis Ende des 19. Jahrhunderts lagen opulent verzierte Reliquien im Trend – und Munditia ist bis heute Besuchermagnet geblieben. Sie wurde zur Patronin aller Witwen und alleinstehenden Frauen. „Die Heiligen sehen das nicht so eng: Auch alleinstehende Herren dürfen zur heiligen Munditia beten“, sagt Zobel.

Auch Neugier treibt die Menschen an: „Ganzkörperreliquien sind heute nicht mehr alltäglich, und dass man sie so nah betrachten kann, ist kurios“, sagt Zobel. „Außerdem: Munditia ist eine Heilige, die wirkt.“ Eine Frau aus Eichstätt habe ihm einmal erzählt, dass ihr zweiter Name Munditia sei. Ungewöhnlich, immerhin ist die Heilige außerhalb Münchens eher unbekannt. „Ihr Vater hatte wohl zu Munditia gebetet und Hilfe erfahren. Als Dank hat er seine Tochter so getauft“, sagt Zobel und zwinkert. Schon öfter habe er gehört, dass die Partnersuche nach einem Besuch bei Munditia endlich glückte.

Von der Katakombenheiligen zu einem Stück Stadtgeschichte

Für den Alten Peter ist die römische Märtyrerin etwas Besonderes. „Ihr Gedenktag am 17. November wird nur hier gefeiert“, sagt Zobel. „Ihren Schrein schmücken wir dann mit roten Girlanden und Blumen. Rot steht für das Martyrium.“ Nach der Lichterprozession können Gläubige der Heiligen dann ganz nah kommen: „Ein Fingerstück bewahren wir in einem Tafelreliquiar auf, das der Pfarrer den Menschen auf die Stirn legt und sie so segnet.“

Dass Sankt Peter mit Munditia 1675 eine Katakombenheilige vom Papst geschenkt bekam, brachte der Kirche viel Ansehen ein.
Dass Sankt Peter mit Munditia 1675 eine Katakombenheilige vom Papst geschenkt bekam, brachte der Kirche viel Ansehen ein. © Marcus Schlaf

Was für Nicht-Christen Gruselfaktor hat, ist für Zobel ein Glanzpunkt. „Ich finde Munditia gar nicht gruselig, für mich lacht sie sogar“, sagt er und zeigt auf die Zähne hinter ihrem hauchdünnen Schleier. Als Bub sei er noch auf Beerdigungen mit offenen Särgen gegangen. Der Tod war normaler. „Daher finde ich es nicht komisch, dass wir Reliquien ausstellen. Es geht einfach darum, der Heiligen zu gedenken.“ Und so bleibt die Römerin in München unvergessen – als ein Stück Stadtgeschichte.

Heilig oder nicht?

Im Kanon der Heiligen taucht Munditia nicht auf. Ein Papst hat sie also nie heiliggesprochen. Allerdings sind Katakombenheilige wie Munditia in der Katholischen Kirche kategorisch heilig. Bei ihnen handelt es sich um Frühchristen, die wegen ihres Glaubens getötet wurden. Als Märtyrerin hält die heilige Munditia in ihrer linken Hand einen goldenen Palmzweig. Rechts einen gläsernen Pokal mit Erde aus der Katakombe, die mit ihrem Blut getränkt sein soll.

Auch interessant

Kommentare