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MVV druckt Fahrplanbuch nicht mehr – Münchner Senioren sind „stocksauer“

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Von: Klaus Vick

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Münchens Seniorenbeirats-Chef Reinhard Bauer steht am Marienplatz mit einem MVV-Fahrplanbuch in der Hand
Seniorenbeirats-Chef Reinhard Bauer (hier mit dem letzten Fahrplanbuch) fordert, die Entscheidung rückgängig zu machen. © Oliver Bodmer

Immer weniger Menschen wollten es haben, nun ist das MVV-Fahrplanbuch auf das Abstellgleis geraten. Doch Münchener Senioren protestieren vehement.

München – Es gab ihn ein halbes Jahrhundert – seit Gründung des Verbunds 1972. Nun wurde der gedruckte Fahrplan des MVV jedoch eingestellt. Heimlich, still und leise. Ohne, dass die Bahn ihre Kunden in München darüber informiert hätte. Das stinkt vor allem älteren Bürgern gewaltig. „Ich bin stocksauer“, sagt Karin Zimmermann. Und viele Frauen und Männer aus ihrem Freundeskreis würden diesen Unmut teilen, berichtet die Giesingerin. „Ältere Menschen, die kein Smartphone besitzen, werden ausgegrenzt.“

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München: MVV stellt Druck des Fahrplanbuchs ein – Nachfrage war „stark rückläufig“

Der MVV-Fahrplan für das Gesamtnetz war ein dicker Wälzer mit mehr als 1000 Seiten. Zuletzt wurde er im Verbundraum zum Preis von 3,50 Euro an Kiosken, in den Kundencentern und zum Teil im Buchhandel vertrieben. Laut MVV-Sprecherin Franziska Hartmann ist die Nachfrage in den vergangenen Jahren jedoch „stark rückläufig“ gewesen. 2007 gab es eine Auflage von 100.000 Exemplaren, im Vorjahr nur noch 25.000. Aber auch bei dieser wesentlich niedrigeren Auflage seien die Bücher „mitnichten vergriffen“ gewesen, so Hartmann.

Zudem wachse das MVV-Gebiet, und es gebe immer mehr Fahrtangebote. „Somit würde auch unser Gesamtfahrplan immer umfangreicher und letztlich unhandlich werden“, erklärt die Sprecherin – und letztlich „um ein Vielfaches“ teurer. Der Umweltaspekt und der Wunsch nach Papiereinsparung kämen ebenfalls hinzu. Und digitale Pläne könnten im Gegensatz zu dem Fahrplanbuch aktuell gehalten und bei Änderungen regelmäßig angepasst werden.

MVV-Minipläne werden weiter gedruckt – Senioren halten Fahrplanbuch-Aus für „Frechheit“

Aus all diesen Gründen habe sich der MVV zum Fahrplanwechsel 2022 „als letzter Verkehrsverbund in Deutschland“ entschieden, das Buch nicht mehr aufzulegen. Dies sei in Absprache mit allen Gesellschaftern des MVV geschehen, auch mit der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG). Im Übrigen gebe es ja weiterhin Mini-Fahrpläne der MVG als Print-Produkte, so die Aussage.

Für Karin Zimmermann (57) ist die Entscheidung dennoch „eine Frechheit“ gegenüber den MVV-Kunden. Viele ältere Bürger würden gerne in Ruhe zu Hause bestimmte Verbindungen nachsehen. „Eine Freundin von mir ist 87 Jahre alt und darauf angewiesen.“ Laut Zimmermann wären Kunden auch bereit gewesen, wesentlich mehr als 3,50 Euro zu bezahlen. „Am Preis wäre es nicht gescheitert.“

Womöglich ist das letzte Wort in dieser Angelegenheit aber noch nicht gesprochen. Der Seniorenbeirat München fordert, dass der dicke Wälzer zu Fahrzeiten von Bus, U-Bahn und S-Bahn erhalten bleibt. Vorsitzender Reinhard Bauer kündigt an, einen Antrag an den Stadtrat zu stellen. Die Stadt solle sich als MVV-Gesellschafter dafür einsetzen, dass das Fahrplanbuch weiter aufgelegt wird. Bauer: „Man kann nicht alles komplett digitalisieren.“ Viele ältere Menschen fühlten sich dadurch ausgegrenzt.

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