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Ausstellung in München zeigt kindliche Putin-Zeichnungen von Nora Krug

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Von: Lam Vy Nguyen

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Bei „On Tyranny“ schauen Besucher hin, obwohl sie vielleicht lieber wegschauen wollen.
Bei „On Tyranny“ in München schauen Besucher hin, obwohl sie vielleicht lieber wegschauen wollen. © Astrid Schmidhuber

Die mehrfach ausgezeichnete Künstlerin Nora Krug stellt im NS-Dokumentationszentrum die illustrierten 20 Lektionen für den Widerstand von Timothy Snyder aus. 

Über dem Eingang des weißen und würfelförmigen NS-Dokumentationszentrums in München hängt ein bleiches Gesicht mit ausgeschnittenen Augen. Blind ist die Gestalt nicht. Die geöffneten grünen Augen liegen auf dem Oberkörper der Figur und sehen zu. „Hinschauen oder wegschauen?“ Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung „On Tyranny.Zwanzig Lektionen für den Widerstand“ im Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus.

„On Tyranny“ im NS-Dokumentationszentrum in München

Die Wechselausstellung entstand parallel zur Illustration des gleichnamigen Buches von Yale-Professor Timothy Snyder. Nachdem es im Jahr 2017 erschienen war, fragte Snyder die mehrfach ausgezeichnete Künstlerin und Illustratorin Nora Krug an, sein politisches Werk zu visualisieren. Die Deutsch-Amerikanerin Nora Krug erzielte 2018 mit „Heimat“, einer literarisch-grafischen Spurensuche ihrer eigenen Familie, einen internationalen Bestseller.

Nora Krugs Zeichnung von Wladimir Putin, die im NS-Dokumentationszentrum ausgestellt ist.
Nora Krugs Darstellungen von Wladimir Putin sind in München ausgestellt. © Astrid Schmidhuber

Zwischen den schwarz-weißen Fotografien der Dauerausstellung im NS-Dokuzentrum verteilen sich über vier Stockwerke Nora Krugs Exponate. Die Illustrationen der 20 Lektionen sollen als Intervention thematisch mit den Fotografien einhergehen. So heißt die siebte Lektion etwa: „Sei bedächtig, wenn du eine Waffe tragen darfst.“ Daneben steht eine große Fotowand, die Münchner Soldaten bei einer Exekution zeigt.

Die Werke der Künstlerin sammeln sich in schreibtischartigen Holzvitrinen. Originale Bleistift-Zeichnungen, Aquarelle, Collagen, historische Fotografien, Flohmarkt-Postkarten geben jeder Lektion eine Bildgeschichte. Der Stil Krugs erinnert an Kinderzeichnungen, die die Frage nach „Hinschauen oder Wegschauen?“ erneut aufgreifen. Märchenbuchähnliche Darstellungen stehen im Kontrast zu bedrückenden und ernüchternden Exponaten der Dauerausstellung. Die erschreckenden NS-Motive lassen einen wegschauen wollen, während ihre farbigen Bilder zum Hinschauen verleiten.

Jede Lektion kann auf der Münchner Ausstellung „On Tyranny“ für sich selbst stehen

Eine chronologische Reihenfolge adäquat zum Buch, in dem die „20 Lektionen für den Widerstand“ aufgelistet sind, hat die Intervention nicht. Es ist dem Besucher selbst überlassen, wie er seine Tour durch die Räume geht. Das mag unübersichtlich wirken, doch jede Lektion kann auch für sich selbst stehen.

Krug nutzte bei der ersten Lektion („Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam“) unter anderem eine Fotografie, die sie über Photoshop kolorierte. Eine Gruppe jüdischer Frauen steht am Strand mit dem Rücken zur Kamera und „schaut weg“. Das Bild ähnelt einem Urlaubsbild – nur hält das Foto den Moment kurz vor der Tötung der Frauen durch das deutsche Militär, Paramilitärs und lettische Kollaborateure fest. Snyders politischer Appell greift moderne Tyrannei auf und verlangt, sich mit den Erfahrungen der Schreckensherrschaften des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen. Er zieht in Lektion 18 („Bleib ruhig, wenn das Undenkbare eintritt“) Parallelen von Hitler zu Putin und zu Trump. Für einige ist das wohl provokant und despektierlich, für andere die Realität. Die Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum geht bis zum 30. Januar. Der Eintritt ist frei, die Ausstellung ist geöffnet von Dienstag bis Sonntag, 10-19 Uhr, am Max-Mannheimer-Platz 1, Infos unter www.ns-dokuzentrum-muenchen.de.

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