40 Jahre nach dem Anschlag

Münchner Oktoberfest-Attentat: Gedenken an Opfer und Verletzte - „Wegschauen ist nicht mehr erlaubt“

Das neue Dokumentationszentrum, aufgenommen vor Beginn der Gedenkfeier zum 40. Jahrestag des rechtsterroristischen Attentats auf das Oktoberfest an der Theresienwiese.
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Das neue Dokumentationszentrum an der Theresienwiese wurde heute - 40 Jahre nach dem rechtsterroristischen Attentat auf das Oktoberfest - eröffnet.

Das Münchner Oktoberfest ist in aller Welt für Brezen, Bier und Gaudi bekannt. 1980 warf ein Bombenanschlag seinen Schatten über das beliebte Fest - wer nicht starb, trug schwere Schäden davon. Heute wurde ihnen und den Opfern gedacht.

München - Die Wiesn - für viele Münchner und Gäste aus aller Welt nicht nur fester Termin im Kalender, sondern auch ein Lebensgefühl. Es geht um Tradition, Essen, Trinken und Feiern. Am 26. September 1980 wurde das freudige Spektakel auf der Theresienwiese aber von einem der schwersten rechtsextremistischen Anschläge der Nachkriegsgeschichte erschüttert. Die Nachricht, dass auf dem Oktoberfest durch eine Bombe dreizehn Menschen getötet und mehr als 200 Menschen verletzt worden waren, ging um die Welt. Einer der Toten war der Attentäter, Gundolf Köhler, selbst.

Bombenanschlag auf der Wiesn: München gedenkt der Opfer

Ging man zunächst noch von einem verwirrten Einzeltäter mit privaten Motiven aus, hat sich 40 Jahre nach dem Oktoberfest-Attentat die Sicht auf die Geschehnisse grundlegend verändert. Heute wird der Anschlag als rechter Terror bewertet. So kommt auch dem Akt des Gedenkens eine andere Bedeutung zu. Zum bitteren Jubiläum wurde daher heute in München den Opfern, Verletzten und Hinterbliebenen des Attentats gedacht - erstmals war mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auch ein deutsches Staatsoberhaupt an der Theresienwiese präsent. Zudem waren der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) vor Ort.

Das Gedenken an der Münchner Theresienwiese und die Eröffnung eines neuen Dokumentationszentrums wurde heute zu einem Appell gegen Rechts. Wie wenig später CSU-Chef Markus Söder auch auf dem Arbeitsparteitag erklärte*, nehme gerade in der Coronavirus-Pandemie die Radikalisierung* und das öffentliche Äußern rechten Gedankengut wieder stark zu. Den Kampf gegen diesen Rechtsextremismus und seine Netzwerke anzutreten, sei entscheidend. So lautete auch der Tenor auf der Theresienwiese. „Wegschauen ist nicht mehr erlaubt“, erklärte Steinmeier entschieden in seiner Ansprache:

Der Rechtsextremismus hat tiefe Wurzeln in unserer Gesellschaft. Die rechtsterroristischen Mordtaten der vergangenen Jahrzehnte waren nicht das Werk von Verwirrten. Die Täter waren eingebunden in Netzwerke des Hasses und der Gewalt.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Diese Netzwerke gelte es aufzuspüren, so Steinmeier weiter, denn der „Schrecken rechten Terrors“ sei wieder nah, „gerade jetzt, nach dem Mord an Walter Lübcke, nach den Taten von Halle und Hanau". Erst im Juli diesen Jahres hat die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen zum Wiesn-Attentat von 1980 wieder aufgenommen - und sie jetzt auch offiziell als rechtsextremistisch eingeordnet.

Oktoberfest-Attentat: Ermittlungsfehler und falsche politische Einschätzung

Köhler wollte die damalige Bundestagswahl beeinflussen und wünschte sich einen nationalsozialistischen Führerstaat*. Nach Wiederaufrollen des Falles weiß man heute, dass er zur Durchsetzung seiner demokratie- und verfassungsfeindlichen Einstellung nicht vor Gewalt und Mord zurückschreckte. Für die Politiker galt es heute, die fehlerhaften Ermittlungen und die falsche politische Einschätzung der Tat Köhlers* einzuräumen und sich bei den noch lebenden Opfern zu entschuldigen.

„Ihre Hilferufe hat man ignoriert, ihre Forderungen nach Unterstützung wurden oft genug abgelehnt und sie selbst sogar als Simulanten diffamiert“, sagte Oberbürgermeister Reiter heute, wie die DPA berichtet. Wer 1980 am Attentat nicht starb, der trug lebenslang Schäden davon. Viele der 200 Verletzten haben Gliedmaßen verloren und waren ihr Leben lang auf Hilfe und Pflege angewiesen. Rund 60 bis 100 Betroffene leben noch immer und sind mittlerweile zwischen 60 und 90 Jahre alt - für sie brachte Anwalt Werner Dietrich die Ermittlungen 2014 erneut in Gang.

Rechter Terror in München: Opfer schildern ihre Erlebnisse

An der Theresienwiese erinnern fortan rund 200 lebensgroße Silhouetten an die Tragödie von 1980. Am Mittwoch wurde ein Opferfonds mit rund 1,2 Millionen Euro von Bund, Land und der Stadt München auf den Weg gebracht. Wie die DPA berichtet, spielten sich deshalb heute bei er Gedenkfeier in München bewegende Szenen ab. Einige der Überlebenden des Attentats schilderten eindrücklich ihre Geschichte.

Der 52-jährige Robert Höckmayr verlor vor 40 Jahren bei dem Bombenattentat auf der Wiesn seine beiden Geschwister - und gedachte heute ihrem „ungelebten Leben“. Dimitrios Lagkadinos verlor damals beide Beine, rief bei der Gedenkfeier aber dazu auf, nicht in der Vergangenheit zu verweilen. „Das Leben ist schön“, sagte der 57-Jährige, der seit dem Attentat im Rollstuhl sitzt, und nutzte die Gelegenheit zur Ermahnung: Rechtsextremismus nähre sich aus Hass und Ausgrenzung und gehe selten von Einzelnen aus. Er sei organisiert und vernetzt - dagegen müsse man ankämpfen. (cos) *tz.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Video: Seit dem Attentat wurden die Sicherheitsvorkehrungen auf der Wiesn jedes Jahr verschärft:

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