Veranstaltung trotz Corona

„Könnte leicht wieder Superspreader-Event werden“: Corona-Experte vor Mega-Projekt in München eher skeptisch

Zählt zu Deutschlands führenden Corona-Experten: Professor Dr. Clemens Wendtner.
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Zählt zu Deutschlands führenden Corona-Experten: Professor Dr. Clemens Wendtner.

Am 19. September beginnt die Wirtshaus-Wiesn, die Ersatz-Aktion der Gastronomen für das abgesagte Oktoberfest. Zu Corona-Zeiten ruft das Event durchaus Skepsis hervor.

  • Am 19. September beginnt die Wirtshaus-Wiesn, die Ersatz-Aktion der Gastronomen für das abgesagte Oktoberfest.
  • 54 Gaststätten nehmen teil und wollen das Wiesn-Gefühl auch in Zeiten von Corona vermitteln.
  • Muss das zu Pandemiezeiten sein? Ein renommierter Arzt gibt eine nachdenkliche Einschätzung ab (Update vom 17. September, 11.20 Uhr).

Update vom 17. September 2020, 11.20 Uhr: Ärzte sehen die in München geplanten Oktoberfest-Alternativen bei steigenden Corona-Zahlen mit Skepsis. Mindestens müssten Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden, mahnten Mediziner vor der am Samstag startenden „Wirtshaus-Wiesn“ in mehr als 50 Münchner Gaststätten (siehe Erstmeldung).

„Angesichts steigender Zahlen an Neuinfektionen mit Covid-19 sehe ich eine „Wiesn light“ eher skeptisch bis sorgenvoll“, sagte der Chefarzt der Klinik für Infektiologie in der München Klinik Schwabing, Clemens Wendtner, der Deutschen Presse-Agentur. Eine Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 40 Fällen auf 100.000 Einwohner spreche „bei allem Verständnis für dieses Traditionsfest“ gegen solche Events.

München: „Wirtshaus-Wiesn" trotz Corona - Mediziner geben Einschätzung ab

Bei Einhaltung der Hygieneregeln sei das Risiko einschätzbar, sagte Bernd Zwißler, Klinik für Anästhesiologie am LMU Klinikum der Uni München. Das Ideal zur Vermeidung der Krankheitsübertragung sei es, sich nicht zu treffen. Derartige Veranstaltungen ganz zu verbieten, sei aber gesellschaftlich nicht akzeptiert und zum jetzigen Zeitpunkt wohl auch nicht verhältnismäßig.

Corona München: Chefarzt warnt vor möglichen „Superspreader-Events“

Zusammenkünfte unter freiem Himmel mit begrenzter Personenzahl seien unter Beachtung der Corona-Regeln prinzipiell vorstellbar, sagte auch Wendtner. Die Realität zeige aber: „Aus kleinen Versammlungen, nicht zuletzt mit verstärktem Alkoholkonsum, können leicht wieder Superspreader-Events werden, die uns alle in unserem Kampf gegen das Virus zurückwerfen“, sagte Wendtner.

Ein einziger Infizierter könne eine ganze Infektionskette in Gang setzen. „Dieses Jahr heißt es für uns alle, Opfer zu bringen und das große Ganze, nämlich die Kontrolle der Pandemie, nicht aus dem Auge zu verlieren“, sagte Wendtner, der im Januar die bundesweit ersten Corona-Patienten behandelt hatte. „Die nächste „gscheite Wiesn“ kommt bestimmt, ohne das Virus im Nacken, hoffentlich nächstes Jahr.“ (dpa)

In München herrscht derweil Verwirrung um die „echten" Corona-Zahlen.

Corona-Wiesn kurz vor Anstich: Klarer Aufruf zum Feiern - viele Fans zeigen sich jedoch gar nicht begeistert

Update vom 11. September 2020, 11:05 Uhr: Die diesjährige „Wirtshaus-Wiesn“ in München steht kurz bevor. Schon Samstag in einer Woche (19. September) findet für die Zeit, in der das Oktoberfest hätte stattfinden sollen, zwei Wochen lang die Corona-Wiesn statt. Innenstadt-Wirtshäuser wollen mit Blasmusik und Wiesn-Schmankerl für Oktoberfest-Stimmung sorgen.

München: Corona-Oktoberfest vor Start - große Tradition findet auch heuer statt

Auch auf eine echte Wiesn-Tradition müssen Münchner heuer nicht verzichten. Wiesn-Chef Clemens Baumgärtner präsentierte stolz über den Dächern der Stadt den neuen Wiesn-Krug. „Auch wenn die Wiesn in diesem Jahr nicht stattfinden kann, so ist der Sammlerkrug eine Erinnerung an ein denkwürdiges Jahr und macht gleichzeitig Hoffnung und Vorfreude auf das nächste Oktoberfest,“ so Baumgärtner. Das ganze hat jedoch einen Haken: Der Krug ist stark limitiert. „Es gibt viel, viel weniger Stück als üblich,“ warnt der Wiesn-Chef vorab, es handle sich um ein echtes „Sammler-Stück“. Wer also auch in diesem Jahr nicht auf die Tradition verzichten möchte, sollte sich beeilen.

Oktoberfest 2020 in München: „Wirtshaus-Wiesn“ vor Anstich - Umfrage zeigt kritische Meinung

Die Wirtshaus-Wiesn in München dürfte viele eine willkommene Freude sein. Trotzdem will das Event nicht so recht zur momentanen Lage in der Stadt passen. Die Zahl der Neu-Infizierten in München steigt weiter an, die Stadt nähert sich in großen Schritten dem kritischen Wert von 50 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohnern. Ab dieser Grenze muss die Stadt reagieren und beispielsweise Schulen und Kitas zeitweise schließen, jedoch auch neue Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen sind möglich. In einer tz.de-Umfrage wurde die Stimmungslage angesichts der Pandemie-Lage deutlich: Satte 65% sprechen sich gegen die Wirtshaus-Wiesn aus. Bleibt abzuwarten, wie sich die Lage in der Stadt weiterentwickelt.

Erstmeldung vom 7. September 2020

München* - Christian Schottenhamels Wiesn-Gefühl setzt mit einem Griff in den Kleiderschrank ein: Wenn der Wirt das Hirschleder zwischen den Fingern spürt, kommt bei ihm Vorfreude aufs Fest auf. So wie am Montag: Da machte Schottenhamel endlich wieder seinen Trachtenschrank auf – und das Kribbeln in den Fingerspitzen setzte ein. Nach Monaten der Rückschläge, der coronabedingten* Absagen und des Lockdowns, passiert was: Am 19. September wird angezapft. Dann beginnt die Wirtshaus-Wiesn, die Ersatz-Aktion der Gastronomen für das abgesagte Volksfest.

Wirtshaus-Wiesn in München: 54 Gaststätten nehmen teil

„Für uns ist die Wiesn kein Ort und keine Veranstaltung. Die Wiesn ist ein tiefes, in uns verankertes Lebensgefühl“, sagt der Sprecher der Innenstadtwirte, Gregor Lemke. Um dieses Lebensgefühl zu erzeugen, kitzelt man vom 19. Semptember bis zum 4. Oktober (also während der Zeit, in der das Oktoberfest geplant war) an allen Sinnen, die die Wiesn sonst mit Eindrücken bombardiert – unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln.

Das Wiesn-Déjà-Vu beginnt mit Gaumen und Bizeps: In den 54 teilnehmenden Gaststätten der Wiesn- und Innenstadtwirte wird Oktoberfestbier in Masskrügen ausgeschenkt. Die sechs Münchner Brauereien haben nämlich einen süffigen Fest-Hopfensaft eingebraut – ganz wie sonst auch. Zudem gibt’s in einigen Wirtschaften Schmankerl, die man sonst nur unterm Zelthimmel verspeist. „Wir werden zum Beispiel unsere saftigen Hendl haben“, sagt Wiesnwirtesprecher Peter Inselkammer, der auch das „Am Platzl“ betreibt. Und natürlich gibt’s was auf die Ohren: Blaskapellen dürfen in reduzierter Besetzung in den Restaurants als Hintergrundmusik spielen. „Wir wollen kein Remmidemmi“, betont Schottenhamel (Schottenhamel-Festhalle, Nockherberg). Die Wiesnstimmung soll aber nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen sein: Festgespanne und Trachtengruppen werden durch die Stadt ziehen, die Gaststätten putzen sich raus. „Wir wollen, dass die Menschen Freude entwickeln und zum Feiern in die Stadt kommen“, so Inselkammer.

Wirtshaus-Wiesn in München: Gäste sollen sich entsprechend zum Fest kleiden

Der Wunsch der Organisatoren ist, dass auch die Münchner sich entsprechend zum Fest kleiden. Damit es dafür noch einen kleinen extra-Anreiz gibt, haben sie die Aktion Aufgebrezelt ins Leben gerufen. „Unter allen, die unter dem Hashtag #aufgebrezelt2020 ein Bild von sich in Trachten auf der Wirtshaus-Wiesn posten, verlosen wir vier Tische für die Mittagswiesn 2021“, sagt Inselkammer, der davon ausgeht, dass wir nächstes Jahr wieder normaler feiern. Und wer weiß? Vielleicht entdeckt ja der ein oder andere schon beim Griff in den Kleiderschrank sein persönliches Wiesngefühl – ganz ohne Oktoberfest. Stéphanie Mercier - *tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Im Alter von 77 Jahren ist der bekannte Schauspieler Frithjof Vierock gestorben. Viele Münchner kannten ihn vor allem wegen einer Rolle. Unterdessen ehrt die Stadt einen absoluten Weltstar mit der Benennung einer zentralen Straße. So wie es aussieht, gibt es einen Nachfolger für das Traditionszelt „Bräurosl“ - ein Favorit auf den Posten ging dabei aber leer aus.

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