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Münchens erster Olympiasieger – Väterchen Timofej bot den Planern erfolgreich die Stirn

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Von: Phillip Plesch

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Botschafter für den Frieden: Timofej Prochorow.
Ein weltbekanntes Original: Väterchen Timofej vor seiner Ost-West-Friedenskirche. © Archiv

Kein Ereignis prägte München nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als die Olympischen Spiele 1972. In einer Serie zum 50. Jubiläum erinnern wir an damals. Heute: Väterchen Timofej.  

München - Seinen ersten Olympiasieger hatte München schon, bevor die Spiele 1972 überhaupt begonnen haben: Väterchen Timofej. Der russische Eremit schaffte es, dass extra für ihn die gesamten Baupläne für das Olympiagelände geändert wurden. Eine Geschichte, die heute unvorstellbar ist.

Der Reihe nach: Timofej Wassiljewitsch Prochorow, wie er mit vollem Namen hieß, verließ Russland, nachdem er eine Marienerscheinung gehabt habe, wie er später erzählte. Die Mutter Gottes habe ihm die Aufgabe gegeben, nach Westen zu gehen und dort die Ost-West-Friedenskirche zu errichten. Über Umwege kam er 1952 mit seiner späteren Frau Natascha nach München. Er ließ sich am Oberwiesenfeld nieder und errichtete aus dem Schutt, den der Zweite Weltkrieg hinterlassen hatte, eine Kirche. Erst danach baute er sich nebenan ein kleines Häuschen. Beides ungenehmigte Schwarzbauten auf dem Grund der Stadt.

Ein Prost auf den (angeblich) 106. Geburtstag: Timofej und OB Christian Ude.
Ein Prost auf den damals (angeblich) 106. Geburtstag: Timofej und OB Christian Ude. © Archiv

Alle Versuche der Stadt, Timofej von seinem kleinen Grundstück zu vertreiben, scheiterten. Alt-OB Christian Ude (74), der Timofej lange kannte, erzählt, dass das Väterchen die Bescheide zur Räumung mit Reißzwecken an die Holzwand der Kirche heftete und die Besucher bat, für die Verwaltung zu beten.

Zu den Olympischen Spielen sollte Timofejs Reich weichen

Dann die schlechte Nachricht: Zu den Olympischen Spielen 1972 sollte Timofejs Ost-West-Friedenskirche weichen, damit dort eine Reitanlage entstehen kann.

Die Münchner begehrten auf. „Die Jugendlichen haben sich für Timofej eingesetzt und die Zeitungen waren voll mit Leserbriefseiten“, sagt Ude. Der öffentliche Druck wurde so groß, dass der Schwarzbau bleiben durfte. Die teuren Olympia-Pläne wurden umgeworfen und die Reitanlage im Osten der Stadt gebaut. Die internationale Presse feierten den Eremit als ersten Münchner Oympiasieger.

Blumenverkauf führte zur nächsten Klage

Alt-OB Hans-Jochen Vogel habe ein feines Gefühl für die Stimmung in der Bevölkerung gehabt und erkannt, dass es eine unglaubliche Werbung war, sagt Ude. Vogels Botschaft: Hier wirkt keine Obrigkeit, die gnadenlos ihre Pläne durchsetzt, sondern die Weltstadt mit Herz, die Gastgeber heiterer Spiele sein will. Also blieb Timofej, und mit ihm die Kirche. Während der Spiele genoss der Eremit die Zeit. Er verkaufte Blumen, angeblich aus eigenem Anbau. Es waren aber so viele, dass das Gerücht aufkam, es gebe einen Pendelverkehr von der Großmarkthalle, der das geschäftstüchtige Väterchen mit ganzen Wagenladungen Blumen versorgte. Sogar ein Verfahren wurde eingeleitet. Heraus kam – wie sollte es anders sein – nichts.

Natascha kam mit Timofej nach Deutschland. Später heirateten die beiden.
Natascha kam mit Timofej nach Deutschland. Später heirateten die beiden. © Archiv

Nach den Spielen blieb Timofej einer der beliebtesten Münchner. „Er war ein humoriger Mensch“, beschreibt ihn Ude. Auch wenn er kaum Deutsch sprach. Am 13. Juli 2004 starb das Väterchen, angeblich im Alter von 110 Jahren. Ganz genau weiß das keiner. Seiner Aussage nach war er am 22. Januar 1894 geboren.

Sein Erbe lebt heute in der Ost-West-Friedenskirche fort. Ein Verein um Serge Kaiser kümmert sich darum. Aber nicht nur dort: Timofej hat oft und gern erzählt, auch die Planer des berühmten Olympiadachs hätten sich von seinem Kircherl inspirieren lassen. Eine von vielen Geschichten um den ersten Münchner Olympiasieger. tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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