Medizinermangel in einigen Vierteln

Ärzte sind in München „sehr ungleich“ verteilt – das will Stadt ändern

Münchens Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs möchte gegen den Medizinermangel in den Stadtvierteln vorgehen. Kinder- und Hausärzte sollen besser verteilt werden. 

München - Stefan Hammann ist nicht der Einzige, der unter einer ungleichen Verteilung von Praxissitzen in München leidet. Der Kinderarzt im Hasenbergl ist zusammen mit einem weiteren niedergelassenen Kollegen für über 9000 Kinder zuständig. „Zwölf-Stunden-Tage sind normal, oft bin ich sogar noch länger in der Praxis“, sagte er im Sommer unserer Zeitung. „Die Verteilung der Ärzte in München ist sehr ungleich“, bestätigte am Donnerstag Umwelt- und Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs (parteifrei). Das Problem ist ein strukturelles.

Stephanie Jacobs ist Münchens Referentin für Umwelt und Gesundheit.

Denn bei der Bedarfsplanung über die tatsächliche Zuweisung von Ärzten wird München als Gesamtstadt betrachtet. Unter dem Strich hat die Isarmetropole sogar eine Überversorgung bei Haus- und Kinderärzten. Denn während etwa in Milbertshofen mittlerweile ein Kinderarzt für nunmehr 11.200 kleine Patienten zuständig ist und etwa 15.000 Kindern und Jugendlichen in Riem zurzeit gar kein Kinderarzt mehr zur Verfügung steht, herrscht im Bereich Altstadt ein Versorgungsgrad von 1 zu 179 bei den Haus- und von 1 zu 484 bei den Kinderärzten.

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) geht von einer idealen Versorgung aus, wenn ein Kinderarzt sich um 2405 Patienten kümmert, ein Hausarzt um 1707 Patienten. „An diese Zahlen müssen wir ungefähr drankommen“, sagt Jacobs. Wohlgemerkt: Für ganz München treffen diese Zahlen durchaus zu. Jacobs möchte aber, dass künftig die Bedarfsplanung kleinteiliger erfolgt. Stadtviertel sollen zusammengefasst werden, die Bezirke Milbertshofen-Am Hart sowie Feldmoching-Hasenbergl etwa könnten eine Versorgungsregion bilden. Die KVB müsste dann prüfen, ob der ideale Deckungsgrad in dieser Region erreicht ist. Derzeit wäre er das nicht.

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Das neue System hätte weitreichende Folgen für Mediziner. Bisher läuft es so: Gibt ein Arzt seine Praxis auf, verkauft er sie. Der neue Arzt beantragt eine Zulassung, ist allerdings nicht an den Standort gebunden. Da München wie erwähnt in Gänze als Bedarfsregion gewertet wird, kann der neue Arzt seinen Standort frei über die Stadt verteilt wählen. Ein Beispiel: Verkauft Stefan Hammann seine Praxis, kann der Käufer mit der Zulassung die Praxis im Hasenbergl schließen und im Lehel eine neue eröffnen, da der Mediziner sich dort finanzielle Vorteile verspricht, möglicherweise durch mehr Privatpatienten.

Käme die kleinteiligere Bedarfsplanung, wäre solch ein Umzug nicht mehr ohne Weiteres möglich. Der Mediziner dürfte nur noch in der Versorgungsregion umziehen. Am Beispiel Stefan Hammann festgemacht: Kauft jemand dessen Praxis, so muss er sich zwingend in Feldmoching-Hasenbergl oder Milbertshofen-Am Hart ansiedeln.

In Berlin wird bereits nach diesem Verfahren gearbeitet. Um auch in Bayern für ein Umdenken zu werben, hat Münchens Gesundheitsreferentin unter anderem im Landtag vorgesprochen und war gemeinsam mit Vertretern der Krankenkassen und der KVB bei verschiedenen Treffen. „Es ist zumindest gelungen, das Thema ins Bewusstsein zu rufen“, sagt Jacobs. Es sei wohl eingesehen worden, dass die Bedarfsplanung nicht mehr zeitgemäß ist. Dabei gehe es nicht nur um die Betrachtung der Stadt als Ganzes, sondern auch um die Auslegung ärztlicher Tätigkeiten. „Die Planung stammt aus den 90er-Jahren, in denen es weniger Vorsorge- und Beratungsbedarf gab, als heute“, sagt Jacobs. Zudem firmierten in den Augen der KVB pädiatrische Fachmediziner unter dem Begriff Kinderarzt, „auch wenn sie sich möglicherweise nur um Lungenkrankheiten kümmern, aber gar keine Grundversorgung anbieten“. Auch der gemeinsame Bundesgesundheitsausschuss überprüft derzeit die Bedarfsplanung. „Es freut mich, dass jetzt Bewegung in der Sache ist“, sagt Jacobs. „Das war ein Kraftakt.“

Lesen Sie passend dazu auf Merkur.de*: Moosach im Landkreis Ebersberg steht bald ohne Arzt da.

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