Anzahl der Fälle verzehnfacht

So erkennen Sie die Betrüger-Masche der falschen Polizisten

+
Arno Helfrich ist Leiter des Kommissariats für Opferschutz. Er sagt: Als Angehöriger ist es nicht leicht zu erkennen, ob Trickbetrüger gerade einen älteren Familienangehörigen ausnehmen.

Eine kriminelle Masche verbreitet sich: Anrufer geben sich als Polizisten aus und bringen alte Menschen um ihr Erspartes. Interview mit einem Experten über die Lage und wie Angehörige vorgehen können. 

Sie gehen äußerst skrupellos vor und bereiten dem Polizeipräsidium München seit einiger Zeit große Sorgen: Betrüger, die sich als Polizisten ausgeben und vor allem Senioren um ihr Erspartes bringen. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Kriminellen, die mit dieser Masche ältere Münchner anriefen, um das mehr als Zehnfache auf 3239. Mehr als 40 Mal waren die falschen Polizisten erfolgreich und erbeuteten in Stadt und Landkreis München mehr als vier Millionen Euro. 

Im Jahr 2018 rechnet die Polizei mit einem ähnlich hohen Schaden, den falsche Polizisten verursachen. Derzeit haben falsche Polizisten wieder Hochkonjunktur. In den vergangenen zwei Wochen wurden der Einsatzzentrale mehr als 220 betrügerische Anrufe in München und im Umland gemeldet. Wir sprachen mit Arno Helfrich (58), dem Leiter des Kommissariats 105 für Prävention und Opferschutz, wie jüngere Angehörige ihre älteren Verwandten schützen können, wie sehr die Opfer leiden und wie die Kriminellen vorgehen.

Herr Helfrich, wie oft hören Sie den Satz: „Ich würde Betrüger ja sofort erkennen“?

Arno Helfrich: Der Meinung sind tatsächlich viele. Doch diesen Gedanken sollte jeder überdenken. Es kann jeden treffen. Ich selbst kenne Menschen, die bei völlig klarem Verstand, vorsichtig und gut informiert sind – und dennoch Opfer von Betrügern wurden. Die Täter sind äußerst gewieft, professionell und abgebrüht. Das ist Organisierte Kriminalität.

Das steckt hinter der fiesen Betrüger-Masche

Wie gehen die Täter vor?

Helfrich: Die falschen Polizeibeamten agieren größtenteils von Callcentern in der Türkei aus. Sie geben einander weiter, mit welchen Geschichten sie den Opfern am erfolgreichsten das Geld aus der Tasche ziehen. Sie arbeiten ganz gezielt im Akkord Telefonverzeichnisse nach alt klingenden Vornamen ab und passen ihre Geschichten der Zielgruppe an. Sie setzen auf Überrumpelung und spielen mit der Angst der älteren Menschen. Sie schüchtern sie ein und setzen sie subtil unter Druck.

Falscher Nummernzauber: Betrüger, die sich als Polizisten ausgeben und vor allem Senioren um ihr Erspartes bringen.

Wie schaffen sie das?

Helfrich: Oft erzählen sie die Geschichte vom Einbruch in der Nähe und dass der Angerufene das nächste Opfer sein wird. Das Geld müsse nun auf der Stelle in Sicherheit gebracht werden. Ein Komplize holt das Geld dann ab. Reden dürfe man darüber mit niemandem, weil alle unter einer Decke steckten, auch die bei der Bank. Sie als vermeintlicher Freund und Helfer seien für den Angerufenen da, beruhigen und schaffen Vertrauen. Angeblich damit das Opfer sich sicherer fühlt, halten sie es in der Leitung und machen es mürbe, teilweise durch wiederholte Anrufe mitten in der Nacht. In Wahrheit wollen sie damit die Leitung blockieren, um zu verhindern, dass derjenige sich einem anderen anvertraut. Die Kriminellen halten ihre Opfer teilweise sogar am Handy, während diese zur Bank gehen, und reden weiter auf sie ein.

Warum sind gerade ältere Menschen im Visier der falschen Polizisten?

Helfrich: Viele ältere Menschen haben noch mehr Respekt vor der Polizei als Jüngere und stellen den Anruf eines vermeintlichen Beamten seltener infrage. Ihnen wurde meist beigebracht, immer nett und freundlich zu sein. Viele leben alleine, haben auch wenig soziale Kontakte. Sie sind anfälliger für Menschen, die sich angeblich um sie sorgen und kümmern wollen. Aufgrund ihres Alters haben die potenziellen Opfer oft körperliche oder geistige Beeinträchtigungen, die sie verunsichern. Die Kriminellen bleiben hingegen auf der Höhe der Zeit und passen ihre Maschen kontinuierlich an.

Wie kann ich als Sohn, Tochter, Enkelkind oder Nachbar verhindern, dass ein älterer Verwandter Opfer wird?

Helfrich: Häufig in Kontakt sein hilft, so merkt man zum Beispiel, wenn die Leitung ständig belegt ist und kann nachhaken. Wichtig ist, dem Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass er nicht lästig ist und sich jederzeit melden kann. Man sollte die wichtigsten Nummern neben das Telefon legen und einspeichern. Zudem empfiehlt es sich, gemeinsam Präventionsveranstaltungen zu besuchen, Zeitungsartikel zu dem Thema zu schicken oder mitzubringen und Einträge beispielsweise der Polizei in den sozialen Medien wie Twitter und Facebook analog weiterzugeben. Es ist ratsam, selbst gut informiert zu sein, um das Wissen weitergeben zu können. Auch hier gilt: Steter Tropfen höhlt den Stein.

Das setzt ein gutes Verhältnis voraus.

Helfrich: Kommt man selbst nicht an den Menschen heran und hat den Verdacht, dass etwas nicht stimmt, sollte man jederzeit die 110 wählen. Die Kollegen bei der Einsatzzentrale wissen zum einen, wo gerade tatsächlich echte Polizisten wegen Ermittlungen unterwegs sind, und können zum anderen auch Beamte schicken, die dem Senior helfen.

Lesen Sie auch: TV-Klassiker „Vorsicht, Falle!“ kommt zurück

Experte Helfrich rät: „Bargeld gehört auf die Bank“

Oft übergeben Opfer dem Betrüger große Mengen Geld oder Schmuck an der Haustür, legen es unters Auto oder werfen es vom Balkon. Sollte ich als Angehöriger die Sachen vorsichtshalber zur Bank bringen, damit derjenige keinen Zugriff mehr hat?

Helfrich: Viele ältere Menschen sagen, sie wollen nicht immer zur Bank rennen, wenn sie andere Ohrringe oder eine andere Kette tragen wollen. Ich empfehle einen Familienrat. Sinnvoll ist es, den schnellen Zugriff auf Geld und Wertgegenstände zu verhindern. Geld gehört auf die Bank, Wertgegenstände bei der Bank in ein Schließfach. Man kann auch dazu raten, Geld in Wertpapiere anzulegen. So ist es nicht sofort verfügbar. Grundsätzlich ist es ratsam, keine zu hohen Bargeldbeträge zu Hause zu haben.

Wenn das Geld auf der Bank ist: Gibt es Möglichkeiten, dass ältere Menschen nicht alleine größere Mengen abheben können?

Helfrich: Das ist eine Gratwanderung und je nach Bank unterschiedlich. Man kann Menschen, die im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind, nicht in ihrem Willen beschränken. Dennoch gibt es Möglichkeiten, die Hürden für größere Abhebungen zu erhöhen. Man kann beispielsweise schriftlich bei einigen Banken vereinbaren, dass in diesem Fall immer ein Zweiter unterschreiben muss.

Ist Oma, Opa, Vater oder Mutter bereits Opfer geworden. Wie kann ich das als Angehöriger oder Nachbar erkennen?

Helfrich: Das ist meist sehr schwierig. Denn die Menschen schämen sich zum einen oft dafür, dass sie das ganze Geld einem Betrüger gegeben haben. Zum anderen verlieren sie den Glauben an das Gute im Menschen. Das Vertrauen in die Leute um sie herum, in Banken und Behörden, schwindet. Misstrauen schlägt in Angst um. Die Menschen ziehen sich oft zurück und wollen mit niemandem mehr Kontakt haben. Hilfe gibt es immer bei unserem Beratungstelefon unter der Nummer 089/29 10 44 44. So sehr die Opfer unter dem finanziellen Verlust und den psychischen Folgen leiden, so egal ist das den Tätern. Sie sind so abgebrüht. Das ist wirklich erschreckend.

Das Interview führte Stefanie Wegele

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Frau will sich an Ex rächen: Seine DNA an angeblichem Tatort verteilt
Frau will sich an Ex rächen: Seine DNA an angeblichem Tatort verteilt
Stadtrat hat entschieden: Böller-Verbot in Münchner Innenstadt
Stadtrat hat entschieden: Böller-Verbot in Münchner Innenstadt
Münchner zieht mit fremder Männergruppe durch Lokale - auf dem Heimweg erlebt er eine böse Überraschung
Münchner zieht mit fremder Männergruppe durch Lokale - auf dem Heimweg erlebt er eine böse Überraschung

Kommentare