Ein Hoch auf die Liebe

Bundestag beschließt Ehe für alle: So feiern Münchens Paare

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Regenbogenfamilie schwenkt Regenbogenfahne: Stephanie Gerlach (li.) und Barbara Stenzel haben eine 14-jährige Tochter.

Die Entscheidung für die Ehe für alle hat auch die Münchner bewegt. Im Glockenbachviertel verliehen glückliche Paare ihrer Freude mit Regenbogenfahnen Ausdruck. Politiker forderten, das neue Gesetz nur möglichst unbürokratisch umzusetzen.

München - Die Regenbogenfahne ist ein Symbol für Toleranz und Frieden, seit den 70er-Jahren in leicht abgewandelter Form auch für die schwul-lesbische Gemeinschaft. Für die Münchnerinnen Stephanie Gerlach (56) und Barbara Stenzel (60) hat die Regenbogenfahne eine ganz besondere Bedeutung. Bei den beiden Frauen steht sie für: Familie. Gerlach und Stenzel sind seit 28 Jahren ein Paar, haben eine Tochter. Und Familien, in denen zwei gleichgeschlechtliche Partner die Kinder großziehen, werden mit dem schönen Namen Regenbogenfamilien bezeichnet.

Als am Freitag der Bundestag die Ehe für alle beschlossen hat, kramten die beiden Frauen die Regenbogenfahne heraus – und zogen damit sichtlich stolz und glücklich durch das Glockenbachviertel, Münchens Schwulen- und Lesbenviertel. Diplom-Sozialpädagogin Stephanie Gerlach (56) sagt: „Die Entscheidung war längst überfällig. In so vielen Ländern in Europa können homosexuelle Menschen heiraten, Spanien, Portugal, Frankreich – und jetzt erst Deutschland.“

Seit 15 Jahren leben die Beiden in einer eingetragenen Partnerschaft. In München gab es laut Krausverwaltungsreferat (KVR) Ende 2016 insgesamt 5543 eingetragene Lebenspartnerschaften. Im Jahr zuvor waren es noch rund 5000. Rund zehn Prozent kommen laut KVR im Schnitt jährlich dazu. Bei der Behörde rechnet man damit, dass viele ihre Lebensgemeinschaften nun umwandeln lassen, wofür sie das Standesamt aufsuchen müssen.

Die Stadtratsfraktion FDP-HUT hat dazu gleich einen Antrag gestellt. Die Stadt solle für eine unbürokratische Umsetzung sorgen. Die Betroffenen, die ihre Partnerschaft in eine Ehe umwandeln lassen wollen, sollten keine Gebühren zahlen müssen. Stephanie Gerlach und Barabara Stenzel geht es weniger um die Ehe an sich, als um die Rechte, die damit verbunden sind. Sie hoffen, dass gleichgeschlechtlichen Partnern mit Kindern künftig keine Steine mehr in den Weg gelegt werden und beide Elternteile anerkannt werden. Bisher musste ein Partner das gemeinsame Kind adoptieren. Generell hätten sie als Regenbogenfamilie aber gute Erfahrungen gemacht. „Die Gesellschaft ist da viel weiter als die Politik“, sagt Gerlach. Über ihre 14-jährige Tochter sagen sie: „Sie ist ein sehr stolzer, offener und aufrechter Mensch und spricht gerne über unsere Familie.“

„Etliche Vorteile“ - Martin Arz denkt erstmals über eine Hochzeit nach

Glücklich ohne Trauschein: Autor Martin Arz (re.) und sein Partner Carsten.

Für Martin Arz (53) und seinen Partner Carsten (48) ist der Beschluss nicht nur ein persönlicher Sieg, sondern ein Sieg für alle, „ein Sieg der Gerechtigkeit“, sagt Arz. Obwohl die zwei Münchner mittlerweile seit mehr als 17 Jahren zusammen sind, haben sie noch nie ernsthaft darüber nachgedacht, ihre Lebensgemeinschaft notariell eintragen zu lassen. „Wir sind beide von Anfang an der Meinung gewesen, dass wir entweder ganz – also mit allen Rechten und Pflichten – oder gar nicht heiraten wollen“, sagt Arz. Heute, da die Ehe offiziell erlaubt ist, denkt der 53-jährige Autor aber zunehmend über das Thema nach. Schließlich brächte eine offiziell eingetragene Partnerschaft etliche Vorteile mit sich – „nicht nur steuerliche“. Vor allem im Alter würde die Ehe vieles erleichtern. „Zum Beispiel, wenn einer von uns plötzlich krank werden würde, könnten wir sicherstellen, dass der andere der erste Ansprechpartner ist“, meint Arz. Vom neuen Adoptionsrecht werden die beiden nicht profitieren. „ Kinder waren bei uns noch nie im Gespräch.“sb

„Es geht um die Liebe zwischen zwei Menschen“ 

Jubel in der Deutschen Eiche: Hier hatten sich viele Münchner eingefunden, um die Debatte im TV zu verfolgen.

Jubel, freudestrahlende Gesichter und ganz viel Sekt: Nachdem der Bundestag Freitagmorgen die Ehe für alle beschlossen hatte, wurde im Glockenbachviertel, Münchens Schwulen- und Lesbenviertel, ausgiebig gefeiert. In der Gaststätte Deutsche Eiche fanden sich viele Münchner ein, um die Entscheidung live am TV-Bildschirm mitzuverfolgen. „Ich hätte nicht gedacht, dass um acht Uhr morgens so viele Leute kommen“, sagt Wirt Dietmar Holzapfel (60). „Der Laden war voll.“ Eine Dreiviertelstunde lang verfolgte er mit seinen Gästen die Debatte im Bundestag – dann konnten sie die Korken knallen lassen. 

Dietmar Holzapfel (60) freute sich auch persönlich. Kommendes Jahr ist der Gastronom 40 Jahre mit seinem Partner Sepp Sattler (63) zusammen – ein guter Anlass ihre eingetragene Lebenspartnerschaft in eine Ehe „umzuwidmen“, wie Holzapfel sagt, und zu feiern. Holzapfel sagt: „Bei der Ehe geht es um die Liebe zwischen zwei Menschen.“ Auch wenn ihre Liebe sehr groß sei – zur eingetragenen Partnerschaft haben sich die Männer 2002 aus politischen Gründen entschlossen. „Wir wollten ein Zeichen setzen, denn steuerlich hatten wir zunächst nichts gewonnen“, sagt Holzapfel. Er freue sich, dass Homosexuelle jetzt auch Kinder adoptieren dürfen. „Was ein Kind braucht, ist ein Nest, in dem es behütet aufwachsen kann.“

„Kommt zu spät“ - Alexander Miklósy wünschte sich lange Zeit ein Kind

Sind auch ohne Kind glücklich: Alexander Miklósy (li.) und Walter Pretz. Arc

Alexander Miklósy (68) und Walter Pretz (62) leben seit mehr als dreißig Jahren zusammen, seit zwölf Jahren sind sie verpartnert. „Die Sitzung beim Notar hatte damals allerdings eher etwas von einem Hauskauf als von einer feierlichen Eheschließung“, erinnert sich Miklósy. Trotzdem sind die Männer froh, ihre Gemeinschaft damals offiziell eingetragen zu haben. Als Zeichen ihrer Liebe tragen beide einen Ring. „Den haben wir uns im Beisein unserer Familien mit Blick auf die Michaelskirche angesteckt“, erzählt Miklósy. Früher haben sich die Beiden lange Zeit ein gemeinsames Kind gewünscht. Mittlerweile sei der Zug jedoch abgefahren. Mit über 60 würde man schließlich kein Kind mehr adoptieren. Auch wenn die Ehe für alle für Miklósy und Pretz „leider ein paar Jahre zu spät kommt“ und ihr Leben nicht mehr allzu groß verändern wird, freuen sich die beiden für alle, die künftig von den neu gewonnenen Rechten profitieren werden. Außerdem sei es höchste Zeit gewesen, dass alle, die sich lieben, offiziell heiraten dürfen, meint Miklósy.

„Wir wollen noch mal ganz groß feiern“ - Der Münchner Grünen-Politiker Hermann Brem und sein Partner Jürgen Petrasch

Seit 10 Jahren zusammen: Der Grünen-Politiker Hermann Brem (re.) und sein Partner Jürgen Petrasch.

Für Hermann „Beppo“ Brem (55) war der Freitag in zweierlei Hinsicht ein Erfolg – beruflich wie privat. Dass die Ehe für alle kommt, schreibt er vor allem dem beharrlichen Drängen seiner Partei zu, Brem ist Vorsitzender der Grünen in München. Und auch betrifft ihn die Gesetzesänderung persönlich: Brem ist seit zehn Jahren mit einem Mann liiert – und kann ihn bald auch ganz offiziell seinen Ehemann nennen. „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich das noch erlebe“, sagt der Münchner Grünen-Politiker gestern unserer Zeitung nachdem der Bundestag die Ehe für alle beschlossen hat. „In meiner 30-jährigen schwulen Biografie ist das ein unglaublicher Moment. Endlich haben wir die Gleichstellung erreicht.“ Die Diskriminierung Homosexueller endgültig abzuschaffen, sei lange fällig gewesen.

Brem und sein Partner Jürgen Petrasch (50), Einkäufer in einer großen Bank, leben seit sechs Jahren in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. „Sobald es möglich ist, wollen wir zum Kreisverwaltungsreferat gehen und es umtragen lassen“, sagt Brem. Umtragen, das soll heißen, aus der Lebenspartnerschaft eine anerkannte Ehe machen. „Und dann wollen wir noch mal ganz groß feiern!“ In Feierlaune waren am Freitag viele Münchner, also wurde spontan für den Abend ein Radlcorso vom Rindermarkt durch die Stadt organisiert, mit anschließender Kundgebung am Gärtnerplatz. Brem sagt: „Die Idee war: Wir wollten feiern wie Fußballfans nach einem gewonnen Spiel. Denn die Entscheidung war ja letztlich eine Teamleistung von ganz vielen Menschen, Verbänden, Politikern und Einzelpersonen.“

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