Tempel am Viktualienmarkt

Traumwelt in Rot: Gastro-Legende eröffnet neues Lokal

+
Umrahmt von Fotos einstiger Gäste steht Kay Wörsching hinter der Theke des Café Marimba.

Münchner Gastro-Legende Kay Wörsching hat ein neues Lokal am Viktualienmarkt eröffnet. Hat die Traumwelt in Rot Star-Potential?

München - Wer hier hereinkommt, sieht erst einmal Rot, dann Gold und dann ihn: Kay Wörsching. Gut gelaunt und tiefenentspannt steht die Gastro-Legende in ihrem neuen Lokal hinterm Tresen und schenkt Champagner für die Gäste aus. Erst am vergangenen Freitag hat Wörsching das Café Marimba im Gärtnerplatzviertel eröffnet. Nicht still und heimlich, aber leise, ohne großes Schickimicki-Brimborium, das man von ihm hätte erwarten können. Denn Kay Wörsching war einmal der Wirt der Stars.

„Kay’s Bistro“: Hier traf sich der Jetset

Mit „Kay’s Bistro“, seinem 1976 eröffneten Restaurant am Viktualienmarkt, avancierte Wörsching zu Münchens erstem Promi-Gastronomen. 29 Jahre lang gaben sich dort der europäische Jetset und Hollywoodstars die Klinke in die Hand. Von Tina Turner und Zsa Zsa Gabor über Liza Minelli, Whitney Houston und Mick Jagger bis zu Kaiserin Soraya und Hildegard Knef. Den Hype um seine Gaststätte hatte, zwei Wochen nach der Eröffnung, Gina Lollobrigida ausgelöst. Ein Spezl von Wörsching führte die Italo-Filmdiva auf ein Schmankerl in dessen Lokal. „Die Lollo kannte damals wirklich jeder“, erzählt Wörsching. „Die stand plötzlich im bodenlangen Zobel in meinem Lokal und alle Leute hörten auf zu essen und starrten sie mit offenem Mund an.“ Als am selben Abend auch noch Chansonnier Gilbert Bécaud und Schauspieler Eddie Constantine völlig unerwartet bei Wörsching einkehrten, nutzte dieser die Sternstunde, griff zum Telefon und rief einen befreundeten Pressefotografen an. Am nächsten Tag erklärte die tz „Kay’s Bistro“ zu Münchens neuem In-Lokal.

Von da an befeuerte sich der Erfolg zunehmend selbst. „Kay’s Bistro“ wurde Kult. Entertainerin Gloria Gray, die in einem Apartmenthaus neben dem Lokal wohnte, hatte hier ihre ersten Auftritte. Leonard Bernstein klimperte zweimal im Jahr auf dem weißen Flügel, den Wörsching der amerikanischen Sängerin Peggy March abgekauft hatte. Sogar die luxusverwöhnte Fashion-Elite ließ es sich nicht nehmen, während der Münchner Modewoche bei Wörsching vorbeizuschauen. Karl Lagerfeld, Gianni Versace und sogar die öffentlichkeitsscheue Jil Sander kamen, um für ein paar Stunden unbeschwertes Amüsement zu genießen, bevor sie wieder nach Hamburg, Mailand und Paris flogen.

„Glück“ habe er gehabt, kommentiert Wörsching den Höhenflug seines Lokals. Dann hält er kurz inne und schiebt noch den „Fleiß“ hinterher. „Wir haben bis zum Umfallen gearbeitet“ erinnert sich Wörsching. Wir, das sind er und Achim Neumann, die Liebe seines Lebens. Noch heute sind die beiden ein Paar und teilen sich die Arbeit auf. Wörsching ist für alles Organisatorische zuständig – Mitarbeiter, Dienstpläne, Wareneinkauf. Neumann hält den kreativen Part, kümmert sich um die Inneneinrichtung, Dekoration und Musik. Als dritte Säule des Erfolgs kam noch die Qualität des Essens hinzu. „Kay’s Bistro erhielt im Gault-Millau immer eine sehr hohe Bewertung“, gibt Wörsching zu Protokoll. Sogar Feinkost-König Gerd Käfer kam des Öfteren zum Schlemmen vorbei. Käfers Witwe, PR-Lady Uschi Ackermann, schmiss anlässlich der deutschen Markteinführung des ersten Damendufts von Modeunternehmer Bijan Pakzad aus Beverly Hills eine ultraschicke Party in Kay’s Bistro, zu der Mister Bijan dann auch persönlich erschien. Mehr Glamour geht nicht.

„Ohne Achim hätte ich das alles nicht machen können, wir haben uns immer gut ergänzt“, würdigt Wörsching den Einsatz seines Partners, der sich bis heute im Hintergrund hält. Knapp 30 Jahre lang standen sie jeden Tag im Laden, bis 5 Uhr in der Früh, auch an Sonntagen, denn das Bistro hatte täglich geöffnet. „Dann düst man nach Hause, schläft bis 12 Uhr, geht duschen, erledigt ein paar Einkäufe und sperrt den Laden am Abend wieder auf“, beschreibt Wörsching seinen damaligen Alltag.

Sie haben in der Zeit gut verdient, bewohnten in Grünwald ein Haus neben Mode-Zampano Rudolph Moshammer, doch „aus Geld und Statussymbolen mache ich mir nicht sonderlich viel, ich habe keinen Porsche, keine Segeljacht und kein Grundstück am Ammersee und trage lediglich eine Plastikuhr“, sagt Wörsching. Geld habe er vor allem für Reisen ausgegeben. New York, Miami, Los Angeles, Las Vegas – immer vier Wochen am Stück, immer im August, da blieb das Bistro geschlossen – Sommerpause. Auf die Frage, welchen Luxus er sich privat gönnt, fällt ihm spontan nichts ein.

Wörsching ist ein echtes Münchner Kindl. Sohn eines Arztes und einer Ärztin, Studienabbrecher, Alter geheim. Er liebt die Menschen, zeigt aufrichtiges Interesse an ihren Geschichten, spielt sich nicht in den Vordergrund. Er wirkt kein bisschen eitel, und vielleicht ist auch das ein Grund, warum die Stars, bei denen Eitelkeit zum Berufsethos gehört, so gerne zu ihm kamen. Weil er ihnen nicht Show stahl.

Die Erfolgsgeschichte von „Kay’s Bistro“ endete 2005, als eine angekündigte Verdoppelung der Miete und 29 Jahre Nachtschicht am Stück eine Entscheidung forderten. Aufhören oder weitermachen? Weder noch. Wörsching machte sein Bistro zu und eröffnete in der Karstadt-Filiale am Stachus seine Champagneria. „Ich kann nicht nichts tun“, begründet er den Schritt.

Der Laden „camp“, das Publikum „classy“

Als sich nun die Möglichkeit bot, den Laden an der Utzschneiderstraße 8 zu mieten, zögerte Wörsching nicht lange. Dass sein neues Lokal an derselben Straße liegt wie sein legendäres Bistro, sei „reiner Zufall“, sagt er. Das Café Marimba sei auch nicht der Versuch, „Kay’s Bistro“ unter neuem Namen wieder aufleben zu lassen. Wörsching ist sich bewusst, dass so ein Erfolg immer auch an den Zeitgeist geknüpft ist. Er weiß sich zwischen seinen Mitbewerbern realistisch einzuordnen, wenn er selbstbewusst sagt: „Wir sind nicht cool.“ Nicht cool, aber „camp“. So lautete auch das Motto der diesjährigen Mode-Gala des New Yorker Metropolitan Museums. Der Begriff bezeichnet die stilistische Überzeichnung des Künstlichen, teils auch garniert mit einem Augenzwinkern. Man könnte es auch schlicht Kitsch nennen.

Schlicht: Die Front des Café Marimba an der Utzschneiderstraße.

Café Marimba - das neue Lokal von Kay Wörsching

So sitzt man im Marimba nicht in kubischen Designersesseln, sondern auf gemütlichen Erbstücken mit Barock-Anleihen, schlürft an der Theke unter Kristalllüstern Schampus mit pürierten Himbeeren, umgeben von goldfarbigen, verschnörkelten Bilderrahmen. Wer mag, dem serviert Wörsching Kaffee und Kuchen, gefüllte Croissants und Butterbrezn. Geöffnet ist das Café Marimba von Montag bis Samstag, von 11 bis 21 Uhr.

Das Publikum: Leute, die Kay’s Bistro noch persönlich erlebt haben, Stammgäste aus seiner Champagneria, denen er von seinem neuesten Projekt erzählt hat, ein paar Neugierige, die aus den Medien von der Eröffnung erfahren haben, und ein Pärchen, das den Sonnenplatz vor der Tür zufällig für sich entdeckt hat. Der Laden „camp“, das Publikum „classy“ – diese Kombination gibt dann doch noch eine Antwort darauf, was heute möglicherweise der größte Luxus für Kay Wörsching und das Leben in dieser Stadt ist: das Privileg, nicht cool sein zu müssen.

Gemütlicher Kitsch: Im Wörschings neuem Café kann man auch auf einem Sofa Platz nehmen.

Darum sollte jeder Münchner unsere Stadtviertel-Seiten auf Facebook kennen

Welches ist Ihr Münchner Viertel? Sendling? Ramersdorf? Moosach? Das Westend? Wir haben Stadtviertel-Seiten auf Facebook gegründet, auf denen wir alles Wichtige, Aufregende und Schöne und Ihre Liebe zu diesem einen Viertel mit Ihnen teilen.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Emotionaler Brief der Münchner Polizei zum 2. Jahrestag des S-Bahn-Dramas von Unterföhring
Emotionaler Brief der Münchner Polizei zum 2. Jahrestag des S-Bahn-Dramas von Unterföhring
Eigenbedarf oder Lüge? Gericht entscheidet nun über Sabines Zukunft
Eigenbedarf oder Lüge? Gericht entscheidet nun über Sabines Zukunft
Betrüger terrorisieren Münchnerin am Telefon: Die reagiert schlau - und lockt Täter in Falle
Betrüger terrorisieren Münchnerin am Telefon: Die reagiert schlau - und lockt Täter in Falle
Prügel-Vorwurf gegen Till Lindemann: Der Attackierte spricht - und erzählt andere Geschichte 
Prügel-Vorwurf gegen Till Lindemann: Der Attackierte spricht - und erzählt andere Geschichte 

Kommentare