Was tun, Herr Falkai?

Corona in München: Experte erklärt, was bei Ängsten und Problemen hilft

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Auch beim Joggen gilt Abstand halten. Sport ist eine Möglichkeit, der Eintönigkeit zu Hause zu entkommen. 

Das Coronavirus sorgt für Ängste und Probleme bei Münchnern. Doch was kann man im Ausnahmezustand tun? Ein Experte erklärt, was jetzt hilft. 

  • Das Coronavirus und die Maßnahmen in München verängstigen manche Menschen. 
  • Was kann mit seinem neuen Alltag machen? 
  • Ein Professor erklärt, was gegen die belastende Situation hilft.

München - Ausgangsbeschränkungen, Kontakte vermeiden, Homeoffice – die derzeitigen Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus können gerade für die Psyche eine Herausforderung darstellen. Wir sprachen mit Prof. Dr. Peter Falkai, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum der LMU, über die Situation. Er erklärt, warum sie auch eine Chance sein kann.

Das Thema Coronavirus ist seit Wochen allgegenwärtig. Ist das für viele Menschen belastend?

Prof. Dr. Peter Falkai, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum der LMU: Mit Sicherheit. Es löst bei vielen die Angst vor dem aus, was denn da noch kommt. Und wir wissen es ja auch nicht ganz genau. Es gibt gute und schlechte Nachrichten. Gut ist, dass das deutsche Gesundheitssystem gut vorbereitet ist. Die schlechte ist, dass wir nur den Fernseher anschalten müssen, und dann ist dieses gute Gefühl leider oft schnell weg.

Inwiefern?

Prof. Dr. Peter Falkai: Da sehen wir beunruhigende Bilder aus China und Italien. Dann sehen wir die Kanzlerin, die sich mit einer besorgten und mahnenden Ansprache an die Bevölkerung wendet. Den Ministerpräsidenten, der immer wieder betont, wie ernst die Lage ist. Da kann man schnell das Gefühl bekommen: Oh Gott, die Welt geht unter. Es ist ganz natürlich, dass derzeit viele Menschen Angst haben. Derjenige, der momentan gar keine Sorgen hat, der hat ziemlich gute Nerven.

Was kann man gegen diese Angst tun?

Prof. Dr. Peter Falkai: Natürlich kann man versuchen, sich abzulenken. Aber man kann sich auch rational fragen: Was kann mir und meiner Gesundheit wirklich passieren? Ja, es kann sein, dass ich krank werde. Aber 80 Prozent der Infizierten haben einen leichten Verlauf. Wenn ich gesund und fit bin, werde ich wahrscheinlich einen leichten Verlauf haben. Und, wie schon gesagt, leben wir in einem Land mit einem sehr guten Gesundheitssystem. Diese rationalen Gedanken können helfen.

Corona in München: „Jetzt ist plötzlich Raum, den man selbst füllen muss“

Ministerpräsident Markus Söder verhängte eine Ausgangssperre für ganz Bayern. Was machen diese Einschränkungen mit uns?

Prof. Dr. Peter Falkai: Wir sind eine globalisierte Gesellschaft, die sich gerne bewegt. Quasi eine bewegte Gesellschaft, zumindest die meisten von uns. Für viele ist es selbstverständlich, sich an einem Freitagabend zu fragen: „Wo trifft man sich?“ Es geht nicht nach Haus vor den Fernseher, sondern man sucht die Aktivität außerhalb der eigenen vier Wände. Und das läutet oft ein aktivitätsreiches Wochenende ein. Das fällt jetzt weg. Bars, Restaurants – alles zu. Und zu allem Überfluss dürfen wir uns jetzt nicht mal mehr mit Menschen draußen treffen.

Für viele sicherlich eine ungewohnte Situation...

Prof. Dr. Peter Falkai: Klar. Gemessen an dem, was wir sonst alles tun, ist das eine deutliche Einschränkung. Viele von uns sind extrovertiert, leben vom „Input von außen“. Es ist eben nicht mehr so, dass wir uns gemütlich hinsetzen, ein Buch lesen oder einen Spieleabend machen. Jetzt ist da plötzlich ein Raum, den man selbst füllen muss. Deswegen fühlen viele Menschen in dieser Situation eine Art der Einsamkeit.

Derzeit sind auch keine wirklichen Prognosen möglich, wie lange die Maßnahmen in Kraft bleiben. Macht diese Unvorhersehbarkeit die Situation zusätzlich schwer?

Prof. Dr. Peter Falkai: In jedem Fall. Viele meiner Patienten fragen mich auch immer wieder, wie lange das Ganze dauern wird. Das lässt sich derzeit eben nicht sagen. Es kommen einige Ungewissheiten zusammen und das macht zusätzlich Angst. Räumliche Enge ist vor allem für Menschen mit psychischen Erkrankungen schwierig. Das erfordert eine intensive Betreuung. Ein gesunder Mensch kann das besser kompensieren. Generell gilt aber: Wir Menschen sind soziale Wesen und brauchen den sozialen Kontakt, weil er uns guttut.

Corona in München: „Es hilft ein klarer Tagesablauf“

Plötzlich mit dem Partner und der Familie daheim „eingeschlossen“ zu sein – auch das birgt sicherlich Konfliktpotenzial.

Prof. Dr. Peter Falkai: Definitiv. Gerade, wenn Eltern zurzeit im Homeoffice und die Kinder gleichzeitig zu Hause sind, braucht es einen klaren Tagesablauf. Aber das ist sehr ähnlich wie die Situation im Familienurlaub. Wenn man hier bis um 12 Uhr schläft und sich dann langsam aus dem Bett quält, dann ist der Tag oft schon halb gelaufen. Steht man aber früh auf und nimmt sich Aktivitäten für den Tag vor, ist man sehr viel ausgeglichener und auch glücklicher.

Gilt das auch für Menschen, die alleine im Homeoffice sind?

Prof. Dr. Peter Falkai: Ja, auch hier hilft ein klarer Tagesablauf, um nicht träge oder antriebslos zu werden. Man sollte sich beispielsweise klare Arbeitszeiten festlegen. Auch kann es helfen, sich am Morgen wie für die Arbeit fertig zu machen, sich ordentlich anzuziehen und sich eben nicht im Schlafanzug oder in der Jogginghose an den Schreibtisch zu setzen. Man muss gerade in solchen Situationen das Gefühl für Aktivität behalten. Und sich eben Dinge vornehmen. Vielleicht auch Sachen, die man schon längst hätte machen können.

Corona in München: „Mit einer positiven Einstellung an die Sache rangehen“

Kann die derzeitige Situation also auch als Chance verstanden werden?

Prof. Dr. Peter Falkai: Natürlich. Das kann das Buch oder der Film sein, den man schon längst lesen beziehungsweise sehen wollte. Oder man räumt den Keller auf, macht die Steuererklärung. Es ist wichtig, den Tag zu füllen und zu strukturieren, sich selbst Aufgaben zu stellen. Das ist nicht immer einfach und wird nicht immer gelingen. Aber es ist eine Chance, sich nicht nur Impulse von außen, sondern eben auch von innen zu holen. Und eben wieder mehr miteinander zu tun.

Was würden Sie den Menschen, die sich Sorgen machen, gerne mitgeben?

Prof. Dr. Peter Falkai: Wir Menschen können unseren Stimmungspegel modellieren. Und wir können versuchen, mit einer positiven Einstellung an die Sache heranzugehen. Wenn man denkt, es ist alles schrecklich, dann fühlt man sich auch schnell so. Es ist doch so: Wir leben hier im Paradies. Jetzt wird es etwas schwerer. Aber davon sollten wir uns nicht unsere positive Lebenseinstellung nehmen lassen.

Interview: Lisa-Marie Birnbeck

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