Finanzielle Probleme wegen Corona

Schnelle Soforthilfe? Tausende Münchner machen ganz andere Erfahrungen: „Größte Angst ist, dass ...“

Julia Tiefenbacher sagt über die ausbleibende Corona-Soforthilfe: „Die Ungewissheit macht einen mürbe“
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Julia Tiefenbacher sagt über die ausbleibende Corona-Soforthilfe: „Die Ungewissheit macht einen mürbe.“

Die Corona-Pandemie hat für Selbstständige finanzielle Folgen. Mit Soforthilfen wollen Bund und Freistaat den Menschen unter die Arme greifen. Das funktioniert nur leidlich.

  • Finanzielle Soforthilfen wegen Corona sollen eigentlich unbürokratisch und schnell ausbezahlt werden.
  • In der Praxis sieht das jedoch oft anders aus. Viele Menschen warten noch oder gehen leer aus.
  • Wir haben mit Betroffenen und Verantwortlichen über die aktuelle Lage gesprochen.
  • Mehr zum Thema erfahren Sie in unserer tz-App. Wie der Download funktioniert, erklären wir in diesem Artikel.

München - Erika M. ist 66 Jahre alt und muss arbeiten. Ihre Rente reicht nicht zum Leben. „Ich habe im Monat 400 Euro.“ M. hat einen Marktstand. „Da alle Veranstaltungen bis Ende August abgesagt wurden, heißt dies für uns Marktkaufleute und auch Schausteller, dass wir totalen Verdienstausfall haben.“ 

Soforthilfe bekommt die 66-Jährige aber nicht. „Der Antrag wurde abgelehnt, weil ich Rentnerin bin. Stattdessen sollte ich einen Antrag auf Grundsicherung im Alter stellen. Aber das macht man doch als allerletztes.“ M. muss nun von ihren Ersparnissen leben.

Corona-Soforthilfen: Für München ist das Referat für Arbeit und Wirtschaft zuständig

Die Soforthilfen von Freistaat und Bund sollten unbürokratisch ausgezahlt werden. Bayern hat ein Programm mit jeweils 5000 Euro pro Solo-Selbstständigem aufgelegt, der Bund zahl weitere 4000 Euro. Betriebe erhalten insgesamt bis zu 50.000 Euro. Wenn das Geld denn bewilligt wird. Kunst- und Kulturveranstalter Raiko Schwalbe (ARTMUC) hat die 5000 Euro vom Freistaat zwar erhalten, auf das Geld vom Bund wartet er noch. „Wir haben Messen absagen müssen“, sagt Schwalbe. Die Hilfen seien dringend notwendig. „Aber ich warte seit Wochen. Andere, die die Hilfen nach mir beantragt haben, haben das Geld bereits erhalten.“

In München ist Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner zuständig für die Auszahlung der Soforthilfen.

Laut dem Wirtschaftsministerium sind bayernweit bereits 1,4 Milliarden Euro ausgezahlt worden. 180.000 Anträge sind noch in Bearbeitung. Bis dato mussten etwa 32.000 abgelehnt werden. Für München ist das Referat für Arbeit und Wirtschaft zuständig. Referent Clemens Baumgärtner (CSU) versichert auf Anfrage, seine Mitarbeiter arbeiteten im Akkord. „Wir haben das Personal auf 250 aufgestockt, es gibt zwei Schichten, und wir arbeiten auch am Wochenende.“ 30.000 Anträge seien in Papierform eingegangen, davon wurden 20 000 bewilligt. „Bei den übrigen gab es Unschlüssigkeiten oder Mängel beim Ausfüllen des Antrages.“ All diese Antragssteller hätten in der Vorwoche eine E-Mail erhalten und seien auf die Unklarheiten hingewiesen worden.

Corona München: Antrag auf Soforthilfe geht digital - und hat noch Kinderkrankheiten

Mittlerweile ist die Antragsstellung auf einen digitalen Vorgang umgestellt. Die neue App des Freistaates habe allerdings noch Kinderkrankheiten, wie Baumgärtner ausführt. Von den bislang eingegangenen 40.000 Anträgen seien bislang 8000 bearbeitet worden.

Auch die Opposition im Landtag ist verärgert über das Tempo der Auszahlungen. SPD-Wirtschaftsexpertin Annette Karl kritisiert: „Seit Wochen wird sich auf den Lorbeeren ausgeruht, dass Bayern als erstes Bundesland staatliche Hilfen für Unternehmen bereitgestellt hat. Bei der Zügigkeit der Auszahlung hapert es aber gewaltig. Hier sollte dringend zum Wohle der betroffenen Unternehmerinnen und Unternehmen nachgebessert werden.“ Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) soll am Donnerstag im Wirtschaftsausschuss über die Unterstützungsmaßnahmen der bayerischen Wirtschaft in der Corona-Krise berichten.

Soforthilfen wegen Corona: Weitet Bayern den Empfängerkreis aus?

Wirtschaftsexpertin Karl fordert, dass der Empfängerkreis für Bayerns Soforthilfen stark ausgeweitet wird. Neben traditionellen Betrieben sollten auch bisher vernachlässigte Gruppen und Wirtschaftsakteure wie die zahlreichen Solo-Selbständigen außerhalb der Künstler-Branche und Akteure in der Tourismusbranche jenseits des Hotel- und Gaststättengewerbes mitberücksichtigt werden.

Dann könnte auch Julia Tiefenbacher möglicherweise rascher geholfen werden. Die 42-Jährige ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern (10 und 7 Jahre). Tiefenbacher ist als Trainerin in der Hotellerie und Gastronomie selbstständig. Sie hatte am 19. März Soforthilfe beantragt, zuständig in ihrem Fall ist die Regierung von Oberbayern, da Tiefenbacher in Aschheim wohnt. Bis heute hat die 42-Jährige kein Geld erhalten. „Mein größte Angst ist, dass ich halt ganz rausfalle“, sagt Tiefenbacher. „Die Frage ist, bekomme ich Geld oder nicht. Die Ungewissheit macht einen mürbe.“

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