„Es gibt kein einheitliches Vorgehen“

Sie wird getestet, aber Er soll nur Hausmittel einnehmen: Münchner Paar erlebt das totale Corona-Chaos

Coronavirus - Abstrich im Hinterhof
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Während die Frau - wie die hier auf dem Symbolbild - beim Hausarzt abgestrichen wurde, schickte man den Mann erst später zum Testzentrum an der Theresienwiese.

Ein Paar, ein Haushalt, Husten, Fieber, Geschmackssinnverlust - doch wie unterschiedlich KVB und Ärzte mit zwei Münchnern mit SARS-CoV-2-Symptomen umgegangen sind, ist verblüffend.

  • Ein Münchner Paar hat am eigenen Leib erlebt, wie unterschiedlich die Vorgehensweise von KVB und Ärzten bei Patienten mit Coronavirus*-Symptomen ist.
  • Beide wurden völlig unterschiedlich versorgt bzw. auch das Coronavirus in München getestet.*
  • Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) sagt: „Es gibt kein einheitliches Vorgehen.“

München - Los ging es bei dem Münchner (34, Name der Redaktion bekannt) am Donnerstag (2. April) vor fast drei Wochen. Erst war da Husten, der immer stärker wurde. Am Wochenende kam Fieber über 39 Grad dazu. „Ich konnte kaum aus dem Bett aufstehen, weil ich so erschöpft war“, erzählt er. Seine Freundin (19), mit der zusammenlebt, hat auch Covid-19-Symptome, allerdings ganz milde: sehr leichtes Fieber, außerdem konnte sie nichts mehr schmecken und riechen.

Corona-Tests in München: Er soll Hausmittel einnehmen, sie wird getestet

Der 34-Jährige erreicht seinen Hausarzt nicht und meldet sich bei der 116117, der Nummer des Bereitschaftsdienstes der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). Er werde nicht getestet und auch nicht untersucht, so die Auskunft. Die Begründung: Er war in keinem Risikogebiet, hatte keinen Kontakt zu einer infizierten Person und gehöre auch nicht zur Risikogruppe. „Ich sollte mich aber mit meinen bekannten Hausmitteln selbst versorgen und vorsichtshalber jeglichen Kontakt zu anderen Leuten meiden.“ Obwohl es ihm schlecht ging, hatte er Verständnis: „Das kann ich auch soweit verstehen, dass sie angesichts der Lage strenger triagieren.“

Münchner bekommt keinen Corona-Test - obwohl er starke Symptome hat

Am Montag dann kontaktieren beide ihre Hausärzte. Die 19-Jährige bekommt sofort einen Termin und wird in der Praxis abgestrichen. Der Arzt des 34-Jährigen reagiert hingegen völlig anders - obwohl dieser viel stärkere Symptome hat: „Er hat mir lediglich gesagt, ich soll mir Grippemittel in der Apotheke holen und kann mir eine Krankschreibung für zwei Tage abholen.“ 

Am Nachmittag dann ruft allerdings die KVB zurück und lädt den Münchner für den nächsten Tag nun doch zu einem Test an der Drive-In-Teststation an der Theresienwiese ein.  

Kein Corona-Test: Derweil wird bei Freundin SARS-CoV-19 nachgewiesen

Noch bevor dieser Test durchgeführt wird, bekommt seine Freundin am Dienstag ihr Ergebnis: positiv. Sie dürfe nicht mehr das Haus verlassen, das Gesundheitsamt werde sie kontaktieren, so der Hausarzt.

Am Nachmittag fährt der 34-Jährige zur Theresienwiese. Als er an der Reihe ist, nimmt ein Mitarbeiter den Abstrich im Mundraum vor, „eher im vorderen Bereich links und rechts“. Nicht im Rachenraum, wie üblich. Bei seiner Freundin wurde auch die Schleimhaut in der Nase abgestrichen. An der Theresienwiese nicht. Einen Tag später das Ergebnis: negativ.

Corona-Tests in München: Quarantäne geht weiter

Ein paar Tage später verordnet das Gesundheitsamt (RGU) offiziell Quarantäne für die 19-Jährige und ihren Freund. Sie leben ja in einem Haushalt. Die Quarantäne ist nach wie vor in Kraft - die junge Frau ist nicht symptomfrei. Ihr Hausarzt testet sie immer wieder, sie muss zwei negative Tests vorlegen, um die Quarantäne beenden zu dürfen. 

„Mich haben sie letzte Woche noch einmal getestet, weil mein negativer Test für mich bedeutet, dass ich weitere zwei Wochen Quarantäne einhalten müsste, sobald die Quarantäne für meine Freundin offiziell endet“, erzählt der Münchner. 

Schließlich hätte er sich in dem zurückliegenden Zeitraum bei seiner Freundin anstecken können. So die reine Theorie. Der Test sei auch wieder negativ gewesen. „Das war allerdings zu erwarten, da ich ja schon längere Zeit symptomfrei bin.“

Corona-Tests in München: KVB sagt, es gibt kein einheitliches Vorgehen

Das Vorgehen in Sachen Corona-Tests ist in München durchaus verwirrend.* „Es gibt kein einheitliches Vorgehen, da hier die behördliche Schiene und die Schiene der KVB und der niedergelassenen Ärzte zu trennen sind. Es gibt drei Möglichkeiten, wie ein Test angeordnet bzw. empfohlen werden kann“, teilt Dr. Axel Heise von der KVB in einer schriftlichen Stellungnahme mit. 

So veranlassen Hausarzt oder KVB, wenn der Patient die 116117 angerufen hat, Tests. „Unsere Disponenten an der 116117 sind angewiesen, die Patienten ausschließlich entsprechend den Empfehlungen des RKI (Robert-Koch-Instituts) zu einem Test zu schicken, schließlich ist das RKI die oberste Infektionsschutzbehörde in Deutschland, wenn auch nur in beratender Form.“ 

Corona-Tests: „Nur Erkältungssymptome“ reichen nicht aus

„Nur Erkältungssymptome zu haben“, reiche demnach nicht aus für einen Abstrich. „Offenbar erhielt der Mann ja nach dem positiven Ergebnis der Frau wie vom Flussschema des RKI vorgesehen einen Termin, sodass hier ja offensichtlich alles richtig gelaufen ist“, so Heise. Hausärzte haben sich an das Schema des RKI zu halten, seien in Diagnose und Therapie aber frei.

Theresienwiese als Corona-Testzentrum: Mitarbeiter würden täglich gebrieft

Zur Vorgehensweise des Abstrichs an der Theresienwiese äußert sich Heise so: 

„Die Ärzte an der Theresienwiese arbeiten im Auftrag der KVB unter der organisatorischen Hoheit des RGU. Es gibt von uns eine klare Anweisung an alle Ärzte, im Rachen abzustreichen, da nur dort die entsprechende nachweisfähige Virenzahl aufgenommen werden kann. Zudem gibt es jeden Morgen ein Briefing für alle Beteiligten, in dem ebenfalls auf diesen Punkt noch einmal explizit hingewiesen wird.“ 

Und kommt zu dem Schluss: „Die Schlussfolgerung, die Frau ist positiv, dann muss der Mann auch positiv sein und wenn nicht, dann ist beim Test etwas falsch gelaufen, ist unserer Ansicht nach daher reine Spekulation.“

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