Wer viel hat, hat viel zu verlieren

Coronavirus: Ist Covid-19 nur eine Krise - oder auch eine Chance für uns?

Wie gerechtfertigt sind unsere Zukunftsängste in Zeiten der Coronapandemie? Ein Münchner Chefarzt schildert seine Sicht - und richtet einen Appell an alle Menschen hinsichtlich des Zusammenlebens.

  • Der Coronavirus stellt auch Deutschland vor eine riesige Herausforderung.
  • Der Chefarzt der Münchner Klinik Neuperlach erläutert seine Sicht der Lage.
  • Hier finden Sie die grundlegenden Fakten zum Coronavirus. Außerdem aktuelle Fallzahlen in Deutschland als Karte. Derzeit gelten folgendenEmpfehlungen* zu Corona-Schutzmaßnahmen.

München - Nach einem auch für München gefühlt ausgefallenem Winter ohne Schnee und mit viel grauem Himmel, hätten wir uns alle noch vor wenigen Wochen den Beginn des Frühjahrs 2020 anders vorgestellt. Längere, hellere und wärmere Tage, das Wiedererwachen der Natur, Hinausgehen ins Freie mit einem Sonnenbad an der Isar oder im Englischen Garten. 

Stattdessen ist seit vergangenem Freitag unsere Bewegungsfreiheit im Rahmen einer Ausgangsbeschränkung weitgehend aufgehoben. Die Gründe dafür sind hinreichend bekannt, werden aber intensiv und kontrovers diskutiert. Die Corona-Krise hat uns alle fest im Griff und stellt seit Beendigung des Zweiten Weltkrieges, gemäß Ansprache unserer Bundeskanzlerin, die größte Herausforderung für uns alle dar. 

Coronavirus als größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg?

In der Tat waren die Jahre seit dem 08. Mai 1945 mehr als gnädig zu Deutschland und sieht man von wenigen politischen Turbulenzen ab, so geht es seit fast 75 Jahren ohne Naturkatastrophen, ohne Hungersnot, ohne nachhaltige Wirtschaftskrise und ohne Krieg stetig voran. Auch die Zusammenführung von Ost-und Westdeutschland haben wir gemeistert. 

Mehrheitlich haben wir alle mehr als das, was man zum wirklichen Leben (Überleben) definitiv braucht und einige von uns noch viel viel mehr. Wir haben uns an Wohlstand, persönliches Wohlergehen und ein soziales Netz, das im internationalen Vergleich extrem kleine Maschen aufweist, gewöhnt.

Leergefegter Marienplatz: Das Coronavirus hält weltweit die Menschen in Atem.

Ob der vorhandene Wohlstand und die Lebensumstände, die erforderlich sind, um selbigen aufrecht zu erhalten, uns allen gut bekommen sind, ist ein anderes Thema. Man würde erwarten, dass eine Gesellschaft, die sozial so gut abgesichert ist wie die unsere, weniger Zukunftsängste hat und z. B. mit Krisensituationen souverän umgeht. 

Doch weit gefehlt. Das kleine Kind, das in einem afrikanischen Slum lebt, auf der Erde schläft und sich überlegt, ob es morgen etwas zu essen bekommt oder nicht, ist krisenfest, da sein Leben eine Dauerkrise darstellt. Der Erhalt von Nahrung entscheidet über Sein oder Nichtsein. Der empfohlene Mindestschutz gegen eine mögliche Corona-Infektion, nämlich regelmäßiges Händewaschen, muss entfallen. Wasser ist rationiert und Seife unerschwinglich teuer.

Corona in Deutschland: Wer viel hat, kann viel verlieren

Wer dagegen viel hat und wir alle haben mehrheitlich viel, hat auch viel zu verlieren. Nach fast 75 Jahren friedlicher Koexistenz haben wir vergessen, was richtige Krisen sein können. Wir sind nicht mehr krisenerfahren und müssen eine schnelle Lernkurve absolvieren, um zu begreifen und adäquat zu handeln. 

Die aktuelle Ausgangsbeschränkung in Bayern wird von Seiten der Politik und der Bevölkerung kontrovers diskutiert. Man lässt sich eben nicht gern in seiner Bewegungsfreiheit einschränken und mit Verboten ist das in einer Wohlstandsgesellschaft und einer Demokratie sowie im Hinblick auf die Rechtsprechung so eine Sache. 

Inhaltlich ist die Ausgangsbeschränkung in Bayern der richtige Schritt. Weltweit wird fieberhaft geforscht, um mehr über das Coronavirus zu erfahren. Aktuell wissen wir jedoch zu wenig über Sars-CoV-2, um eindeutig sagen zu können, wie man der Pandemie effektiv begegnen kann. 

Was wir jedoch wissen, ist, dass wir uns alle zusammen in der Einschätzung hinsichtlich der Gefährdung, die durch das Virus ausgeht, geirrt haben. Das gilt für Politik, das Robert Koch Institut, namhafte Virologen sowie für uns alle. Irren ist menschlich und deshalb werden uns jetzt weder Versäumnisvermutungen noch Schuldzuweisungen weiterhelfen. 

Wir brauchen aber zum einen Zeit, um uns ausreichend medizinisch für den „worst case“ vorbereiten zu können und wir müssen auch jede Chance ergreifen, um die weitere Ausbreitung der Pandemie zu verhindern oder einzudämmen. 

In diesem Zusammenhang erinnert der Vorwurf mancher Politiker, dass Bayern im Alleingang mit schwerwiegenden Maßnahmen vorangeprescht sei, an vorgezogenes Wahlgeplänkel und herbeigesehnten Populismus. Sind wir so wenig krisenfest, dass wir vergessen haben, dass unsere Regierung für unser Wohlergehen und damit auch unsere Gesundheit mitverantwortlich ist? 

Wenn ein Politiker in der aktuellen Situation eine ggf. für uns alle wesentliche Entscheidung verspätet trifft, wird man ihm im Nachhinein Versäumnisse vorwerfen. Entscheidet er prospektiv im Sinne unseres persönlichen Schutzes, hält man das ggf. für übertrieben oder Panikmache. Wären Sie zur Zeit gern Politiker? 

Covid-19 als Herausforderung für eine positive Krisenbewältigung

Die vergangenen Wochen und die bevorstehenden sind für uns alle eine echte Herausforderung. Familien müssen sich reorganisieren. Entweder sind alle zuhause und müssen sich im Sieben Tage - 24 Stunden-Rhythmus mit Home-Office, „Schulunterricht“, Studium und Hausarbeit arrangieren und Alleinerziehende müssen ihren Alltag irgendwie zu meistern versuchen. 

An vielen Stellen hört man, dass sich Menschen zusammentun, dass sie sich aushelfen und unterstützen, dass sie sich in der Kinderbetreuung abwechseln und ein vertrauensvolles Miteinander praktizieren. Das ist positive Krisenbewältigung und dafür gibt es noch zahlreiche andere Beispiele. 

Vielleicht sollten wir die aktuelle Situation nutzen, um über verschiedene Punkte unserer menschlichen Koexistenz intensiver im Familienverbund zu reflektieren. Wann hatten wir in den vergangenen Jahrzehnten einmal soviel Zeit dazu wie in diesen Tagen und Diskussionsstoff gäbe es genügend. 

Es sollte uns allen bewusst sein, dass wir trotz Krise unverändert mehrheitlich in einer Komfortzone leben, auch wenn viele von uns derzeit berechtigte Existenzängste haben. Die Politik macht sich Gedanken für die Zeit in und nach der Krise. Dafür sollten wir dankbar sein und das auch einmal zum Ausdruck bringen. 

Es ist zwar vornehme Pflicht eines Landes in Krisensituationen seine Bürger nachhause zu holen, das muss man sich aber erst einmal leisten können. Die Zahl der in einer Nicht-Ferienzeit weltweit verstreuten Deutschen ist immens und deren Rückholung nicht nur logistisch sondern auch finanziell eine echte Herausforderung

Corona-Krise: Deutschlands unantastbarer Rettungsschirm

In ganz Europa existiert derzeit kein „wirtschaftlich geplanter Rettungsschirm“ in dem Ausmaß wie in Deutschland. Es bleibt deshalb zu hoffen, dass keine Existenzen vernichtet werden. Das entbindet uns aber nicht von der Verantwortung, z. B. den Pandemiefall in regelmäßigen Abständen zu simulieren, um ggf. für den nächsten Ernstfall besser gerüstet zu sein. 

So hatte China seit der SARS-Epidemie 2002/2003 wiederkehrende andersartige Infektionsausbrüche zu beklagen und im Rahmen der zunehmenden Öffnung der Welt dürfte eine Ausbreitung auf andere Länder zukünftig schwer zu verhindern sein. 

Wie schnell aufgrund einer Erkrankung Globalität in die Abschottung und Isolation führen kann, erleben wir zur Zeit. Die „Öffnung“ der Welt wie sie in den vergangenen Jahren stattgefunden hat, wird niemand ernsthaft rückgängig machen wollen und können. Gerade deshalb müssen sich die Länder verständigen wie ggf. im Wiederholungsfall mit Pandemien umzugehen ist. 

Die EU hat in den vergangenen Wochen eindrucksvoll demonstriert, was sie im Katastrophenfall bisher nicht ist, eben eine Union. „Jedes“ europäische Land hat für sich selbst entschieden wie es mit der Corona-Krise umgeht. In diesem Zusammenhang müssen wir überlegen, inwieweit wir bei eventuellen Krisenfällen zukünftig von anderen Ländern weiter abhängig sein möchten. 

Coronavirus in Zeiten finanzieller Schieflage vieler Kliniken

Schutzkittel, Atemmasken, lebenswichtige Medikamente im eigenen Land zu produzieren oder zumindest im Katastrophenfall für 1 Jahr für uns alle vorzuhalten muss genauso thematisiert werden wie die Frage, ob das aktuelle Vergütungssystem für unsere Krankenhäuser und die damit verbundene kleingesparte Daseinsfürsorge noch den Erfordernissen entspricht. 

2/3 der deutschen Großkliniken befinden sich mittlerweile in finanzieller Schieflage. Ein Sprichwort sagt: „Gesundheit ist nicht Alles, aber ohne Gesundheit ist Alles Nichts“. Übertragen heißt das, wenn wir die Pandemie nicht in den Griff bekommen, müssen wir uns über das Danach auch keine Gedanken mehr machen.

Es wär wichtig, diesbezüglich nationalen Konsens herzustellen und auf das zu hören, was die Fachleute zu sagen haben. Eine Demokratie muss verschiedene Meinungen hören und auch akzeptieren. Entscheidungen sollten aber auf Grundlage fundierter Kenntnisse fallen – hier haben wir in verschiedenen Bereichen Nachholbedarf. 

Wenn uns unsere Autowerkstatt mitteilt, dass die Bremsen unseres Fahrzeuges defekt sind und damit eine Gefahr für unser Leben darstellen, wird selbstredend jeder vernünftig Denkende den Reparaturauftrag erteilen. 

Was die Coronavirus-Pandemie mit Grippeschutz zu tun hat

Spricht man Menschen aber z.B. darauf an, ob sie Grippe-geimpft sind, kommen zahlreiche Gegenargumente, warum die Impfung unterlassen wurde. Eine Krankheit durch eine Impfung zu verhindern oder abzuschwächen kann lebensrettend sein. Die demographische Entwicklung zeigt, dass wir in Deutschland immer mehr ältere und betagte Menschen haben. 

In der aktuellen Situation scheint es, was die Corona-bedingten Todesfälle angeht, gerade diese Gruppe besonders zu treffen. Das hat sicher viele Gründe. 

Wenn ein älterer Mensch aber gerade eine schwere Influenza-Infektion hinter sich bringen musste (da z.B. nicht geimpft), sind seine Chancen sich effektiv gegen eine weitere zeitnahe schwere Infektion zu behaupten, deutlich geringer. Wir benötigen deshalb auch in Anbetracht der zunehmenden Zahl älterer Menschen eine Diskussion, wie wir diese Gruppe zuhause oder in Pflegeinrichtungen besser schützen können. 

Was die Wenigsten von uns wissen dürften ist die Tatsache, dass im November 2007 dreitausend Beamte aus sieben Bundesministerien, dem Kanzleramt und sieben Bundesländern den Fall einer landesweiten Epidemie simuliert haben. Man ging in dieser Situation von dem Szenario einer Pandemie durch einen Erreger aus Asien aus. 

Für solche Extremfälle haben wir im Berliner Innenministerium eine sogenannte Koordinierungsstelle für kritische Infrastrukturen. Diese als „Kost Kritis“ abgekürzte Einrichtung soll in Krisenzeiten dafür sorgen, dass unser aller Leben weiter funktioniert. Dafür brauchen wir Strom, Wasser, eine Heizung zu Hause und in diesen Tagen definitiv ein funktionierendes Internet. 

Coronavirus: Pflege und Medizin sind im ambulanten und stationären Bereich extrem gefordert.

Darüber hinaus müssen die Sektoren Lebensmittelversorgung, Geldverkehr etc. weiter geregelt sein. Die „Kost Kritis“ hatte in den vergangenen 13 Jahren wenig zu tun, das hat sich durch die Corona-Krise aber schlagartig geändert. Es wäre wichtig, auch zukünftig Krisensituationen zu simulieren, um im Sinne unserer gesundheitlichen und soziologischen Integrität auch im Ernstfall ausreichend vorbereitet zu sein. Es würde traurig stimmen, wenn der Hinweis auf die staatliche Pandemieübung vor 13 Jahren dazu führen würde, auch von medialer Seite aus der Politik Versäumnisse vorzuhalten. Die Intention dieses Beitrages ist eine gänzlich andere.

Corona-Krise: Wie kann man sie bewältigen? Eine Frage mit Brisanz

All diese Diskussionen könnten, falls sie Ergebnisse zeitigen, mit erheblichen Kosten verbunden sein. Wir alle sind gefordert, darüber nachzudenken, in welchem Umfang wir bereit sind, uns auf medizinische Krisensituationen vorzubereiten und uns dafür abzusichern. Die Frage hat Brisanz. Man muss kein Wirtschaftsfachmann sein, um sich vorstellen zu können, was wirtschaftlich nach hoffentlich überwundener Krise auf uns zukommt. Dann werden unter Umständen die oben aufgeführten Sachverhalte schnell auf Eis gelegt, weil sie nicht mehr erste Priorität haben. Doch diesbezüglich sollten wir zuversichtlich auf unser kollektives Gedächtnis vertrauen.

Eine Pandemie ist zwar ein Katastrophenfall, mit anderen Katastrophen wie beispielsweise dem jüngst stattgehabten Erdbeben in Zagreb oder einem Tsunami aber nicht gleichzusetzen. Woran liegt das? Ein Tsunami spielt sich in einem zeitlich vorgegebenen Rahmen ab, wann eine Pandemie zu Ende geht, ist schwer vorherzusagen. 

In diesen Zeiten sind Pflege und Medizin im ambulanten und stationären Bereich extrem gefordert und alle, die in diesem Zusammenhang an vorderster Front stehen, freuen sich über ein diesbezügliches Lob, das in Nichtkrisenzeiten für diese Berufsgruppen selten geworden ist. Sie sind es aber nicht allein, die dafür Sorge tragen, dass nicht Alles zum Stillstand kommt. 

Es sind wir alle, diejenigen, die von zu Hause aus ihren Job tun, diejenigen die in Bäckereien, Metzgereien, Lebensmittelbetrieben, bei der Polizei, der Müllabfuhr oder an anderen wichtigen Schaltstellen tätig sind, ohne die es aktuell nicht funktionieren könnte und würde. 

Eine mögliche Übersetzung für Corona ins Deutsche ist das Wort Kranz. In einem Kranz sind viele Äste eng miteinander verschlungen, damit letztlich das Bild eines schönen Kranzes entstehen kann. Begreifen wir die Corona-Krise als Chance, dass wir uns darauf besinnen, dass es, wenn wir all das Gute mobilisieren, dass in jedem Einzelnen von uns steckt, gemeinsam schaffen werden, diese schwierige Zeit zu meistern. 

Prof. Dr. Klaus-Dieter Palitzsch, München

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Rubriklistenbild: © dpa

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