So steht es um den öffentlichen Nahverkehr

In Zeiten des Coronavirus: Warum wird in München nicht desinfiziert wie in China? 

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Coronavirus - China

In Deutschland sind nach wenigen Wochen mehr als 1000 Infizierte gemeldet. Rund ein Drittel davon in Bayern. Dennoch sind Bilder wie aus Asien hier nicht zu sehen. 

  • Das Coronavirus* verbreitet sich auch in Deutschland weiter. 
  • Die Politik hält an der Eindämmungsstrategie fest. 
  • Doch wie steht es um die Desinfektion in der U-Bahn - und ist sie überhaupt notwendig?

München - Martialisch aussehende Trupps in Schutzanzug und Atemschutzmaske laufen durch Züge und pumpen sie mit Desinfektionsmitteln voll. So ist es in Südkorea oder China aus. Doch ob S- und U-Bahn, Bus oder Tram – in München ist die Reinigungspraxis trotz Coronavirus* unverändert: Desinfiziert wird kaum, zumindest nicht täglich.

Nicht jeder versteht das: Das Landratsamt Fürstenfeldbruck hat bereits Anfang vergangener Woche den MVV aufgefordert, die Hygieneregeln zu verschärfen. Der Nahverkehrsexperte der Behörde, Hermann Seifert, hatte Bilder aus Südtirol gesehen, wo die Haltestangen in Zügen und Bussen mit Desinfektionsmitteln abgewischt werden. „Wir hätten gerne eine Empfehlung des MVV für alle Busunternehmen“, sagt Seifert. Schließlich habe der Verkehrs-Dachverband VDV schon 2009 einen Pandemie-Eventualplan herausgegeben, in dem eine Flächendesinfektion empfohlen wird – damals ging es um den Schutz vor der Grippe.

Coronavirus in München: Deshalb wird der öffentliche Nahverkehr nicht desinfiziert

Tatsächlich hat der MVV reagiert, aber nicht so, wie es Seifert vorschwebte. Für die knapp 50 Busunternehmen, die im MVV-Gebiet fahren, gab es eine Empfehlung, neuralgische Flächen „regelmäßig“ und besonders intensiv zu reinigen – wobei „regelmäßig“ nicht definiert wird. Mehrmals täglich sei das sicher nicht möglich, „sonst müssten wir Busse aus dem Verkehr rausnehmen“, sagt MVV-Sprecherin Franziska Hartmann. Auch der Einsatz viruzid wirksamer Desinfektionsmittel ist nicht vorgeschrieben. Nach Rücksprache mit dem MVV-Betriebsarzt bezüglich des Coronavirus* sei man zu dem Schluss gekommen, „dass eine Desinfektion in Massenverkehrsmitteln nicht die Wirkung hat, die diesen Aufwand rechtfertigt“.

Ähnlich ist es bei der Münchner MVG mit ihren U-Bahnen, Bussen und Trambahnen: „Das Desinfizieren von Massenverkehrsmitteln, die unentwegt von Tausenden Menschen genutzt werden, ist nicht effektiv“, teilt Sprecher Matthias Korte mit. Es böte medizinisch-infektiologisch keinen Vorteil.

Die S-Bahnen, so versichert eine Sprecherin, würden täglich durch Unterwegs-Reiniger gesäubert. „Sie entfernen grobe Verschmutzungen und wischen die Haltestangen und Trennscheiben.“ Allerdings werden nicht täglich alle Züge so gereinigt – nur eben die, in denen die Reiniger gerade unterwegs sind. Mindestens alle drei Tage werde jede S-Bahn im Werk Steinhausen intensiv geputzt, alle 30 Tage gebe es eine „umfassende Nassreinigung“.

Coronavirus: Münchner Verkehrsbetriebe verzichten auf flächendeckende Desinfektion

Damit unterscheiden sich die Münchner Verkehrsunternehmen nicht von anderen Verkehrsbetrieben in Großstädten weltweit. Beim Hamburger HVV wird ebensowenig täglich desinfiziert wie bei den Berliner Verkehrsbetrieben, wo die Idee, Desinfektionsmittel an Bahnhöfen zu verteilen, immerhin „geprüft“, aber „aus diversen Gründen verworfen“ worden sei, wie ein Sprecher im Tagesspiegel zitiert wird. „Wie oft sollen wir bei 1,5 Millionen Fahrgästen pro Tag in der U-Bahn die Haltestellen desinfizieren?“, heißt es kritisch.

Die großen Verkehrsbetriebe haben die Wissenschaft* auf ihrer Seite. „Eine Desinfektion von Flächen im öffentlichen Raum ist grundsätzlich nicht sinnvoll“, erklärt das Bayerische Landesamt für Gesundheit (LGL) auf Anfrage unserer Zeitung. Hauptübertragungsweg von SARS-CoV-2 sei di e Tröpfcheninfektion*, das heißt der direkte Mensch-zu-Mensch-Kontakt. „Eine Übertragung durch kontaminierte Flächen sei zwar nicht ausgeschlossen, aber „nach derzeitigem Wissensstand noch nicht nachgewiesen“.

Coronavirus München: Deshalb sieht es in der Münchner U-Bahn nicht aus wie in China

Doch es gibt Ausnahmen: Der Rhein-Neckar-Verkehr (RNV) in Mannheim desinfiziert seit März täglich. „Es ist machbar, es schadet nicht, es ist ein vertretbarer Aufwand“, sagt ein RNV-Sprecher. Allerdings: Es wird nicht einfach der Fahrgastraum mit Desinfektionsmitteln eingenebelt, sondern nur Haltegriffe und Druckknöpfe abgewischt. Keine südkoreanischen Verhältnisse also auch in Mannheim – und erst recht nicht in München! 

Coronavirus in München: Die vollständige Antwort LGL:

Die vollständige Stellungnahme des Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL): „Eine Desinfektion von Flächen im öffentlichen Raum ist grundsätzlich nicht sinnvoll. Oberflächen, die angefasst werden, werden ständig rekontaminiert, so dass eine Desinfektion, die nur eine begrenzte Zeit wirkt, keinen wirksamen Schutz vor Infektionen darstellt. Rückstände von Flächendesinfektionsmittel können außerdem die Haut irritieren, weshalb man sie nur sehr gezielt im medizinischen Bereich einsetzt, wo der Nutzen überwiegt. Eine Übertragung von Infektionserregern durch Flächen von öffentlichen Verkehrsmitteln sind mit einer konsequenten Umsetzung von einfachen Basishygienemaßnahmen wie z. B. die Vermeidung des Handkontakts mit Mund, Augen oder Nase und das häufige Händewaschen zu verhindern. Der Hauptübertragungsweg von SARS-CoV-2 ist die Tröpfcheninfektion, d.h. über direkten Mensch-zu-Mensch-Kontakt. Eine Übertragung durch kontaminierte Flächen ist zwar prinzipiell nicht ausgeschlossen, ist nach derzeitigem Wissensstand jedoch noch nicht nachgewiesen worden. Darüber hinaus sind Coronaviren aufgrund ihrer Struktur nicht sehr stabil in der Umwelt.

Video: Merkel ruft zu Solidarität in Coronavirus-Krise auf

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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