Mit Zuversicht durch die Krise

Leben mit der Angst im Nacken: So meistern Münchner aus Risikogruppen in Corona-Zeiten ihren Alltag

Bei Menschen, die zu einer der Risikogruppen gehören, wächst angesichts der Corona-Krise die Unsicherheit. Betroffene berichten, wie sie jetzt ihren Alltag meistern.

  • Bei Menschen, die zu einer der Risikogruppen gehören, wächst angesichts der Corona-Krise die Unsicherheit.
  • Wie meistern sie in diesen schwierigen Zeiten ihren Alltag?
  • Wir haben bei Münchner Bürgern und Prominenten nachgefragt.

München - Mit jedem Tag, an dem die Zahl an Corona-Patienten steigt, wächst auch die Beklommenheit, die Unsicherheit, die Angst. Besonders betroffen ist die sogenannte Risikogruppe – Menschen jenseits der 50 und Menschen mit Vorerkrankungen. Wie geht man mit dieser Bürde um? Wie lebt es sich mit der Angst im Nacken? Und wie schwer wiegen die Folgen, die ein Leben auf Abstand mit sich bringt? Wir haben bei Münchner Bürgern und Prominenten nachgefragt.

Fredl Fesl

Coronavirus in München: Risikopatient in Voll-Quarantäne

Fredl Fesl(72) ist kein ängstlicher Mensch, aber beim Thema Corona vergeht ihm jeder Spaß: „Den Virus darf ich mir auf keinen Fall einfangen. Dann wird’s eng“, berichtet der Humorist, der seit vielen Jahren an Parkinson leidet und Medikamente nehmen muss. „Daher bin ich auch in Voll-Quarantäne.“

Seinen Bauernhof in der Nähe von Pleiskirchen (Landkreis Mühldorf) verlässt der Urbayer seit Wochen nicht. Nur seine Ehefrau Monika fährt alle paar Tage zum Einkaufen. „Und danach desinfiziere ich mich komplett“, erklärt sie. Und Fredl? „Ich sitz bei dem schönen Wetter am liebsten auf der Terrasse und schau den Bäumen beim Blühen zu, den Bienen beim Summen.“ Ein bisserl einsam sei das manchmal schon, aber die Kinder will das Ehepaar derzeit lieber nicht besuchen. „Das wäre einfach zu gefährlich.“ Zu Ostern legte Fesl seinen Enkerln in Burghausen daher nur einen Geschenkkorb vor die Haustür. „Dann haben wir uns kurz durchs Fenster zugewunken und verabschiedet“, erzählt Monika.

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Geburtstag am Zaun: Unerträglich, findet Petra Neumayer.

Coronavirus-Risikopatienten berichten: Erzwungene Trennung

„Es ist unerträglich“, sagt Petra Neumayer, „es bricht mir das Herz, meinen Vater am Zaun stehen zu sehen, weinend, vier Meter von seiner geliebten Frau entfernt.“ Margot M. (84) leidet an Alzheimer, lebt seit gut eineinhalb Jahren im Heim. Dort darf die Münchnerin derzeit keinen Besuch mehr empfangen. Ein Schock, vor allem für ihren Ehemann (88), der nach wie vor alleine lebt. „Mein Vater akzeptiert die Regelungen“, erzählt Petra Neumayer. Trotzdem sei die Situation alles andere als leicht. „Ich hoffe sehr, dass es bald ein paar Lockerungen gibt.“ Denn, so Neumayer, „wenn sie mich fragen, werden die Menschen im Heim gerade regelrecht entmündigt – es kann und darf nicht sein, dass unsere Senioren derart in ihrer Freiheit eingeschränkt werden.“ Mein Vater und ich würden meine Mutter so gerne noch einmal lebendig in den Arm nehmen“, sagt Neumayer, „und ich finde, wir haben ein Recht darauf“.

Hildegard Engelhardt: Nie ohne Mundschutz.

Corona-Risikopatientin aus München: Nur noch mit Maske

Hildegard Engelhardt geht seit ein paar Wochen nur noch mit Maske aus dem Haus. „Ich hab zwar keine Angst vor dem Virus“, erzählt sie, „aber ich bin schon so oft in meinem Leben schlecht beinand gewesen – das muss mit 89 einfach nicht mehr sein.“ Seit ihr Mann gestorben ist, lebt die Münchnerin allein. Um ihre Einkäufe kümmern sich die Nachbarn. „Ich werd ganz wunderbar versorgt“, sagt Engelhardt. Man müsse die Dinge einfach nehmen, wie sie sind. Gejammert habe sie in ihrem ganzen Leben noch nicht. „Ich bin streng evangelisch erzogen worden“, erzählt sie. „Der Herrgott gibt’s, der Herrgott nimmt’s – mal früher und mal später.“

Rudolf Seidl lässt keine Angst aufkommen,

Rollstuhlfahrer über Corona-Zeit>: „Einfach aussitzen“

Seit 47 Jahren sitztRudolf Seidl (61) nach einem Unfall im Rollstuhl. Das Leben habe ihn gelehrt, sich nicht unterkriegen zu lassen, weiterhin Humor zu haben und „schwierige Situationen einfach auszusitzen“ erzählt er. Darum könne ihm auch die Corona-Krise nichts anhaben. „Ich mach einfach genau so weiter wie bisher.“ Einkaufen, arbeiten, zweifacher Familienvater sein – Seidls Leben verläuft in geregelten Bahnen. Für alles, was der Sozialpädagoge nicht alleine bewerkstelligen kann, hat er persönliche Assistenten. Die gingen „ganz bewusst mit dem Thema um“. Handschuhe sind im Hause Seidl seit sechs Wochen Pflicht. Ebenso regelmäßiges Händewaschen und Mundschutz. Angst vor dem Virus habe er nicht, erzählt er. Was ihn allerdings traurig stimmt: „Leider hat die Regierung bei ihren Bonus-Zahlungen all die lieben Menschen vergessen, die uns Tag für Tag ein selbstbestimmtes und selbstständiges Leben ermöglichen.“

Marianne Koch zieht’s an die frische Luft.

Corona-Risikopatienten aus München: Sorgen teilen

Marianne Koch war einer der herausragenden Filmstars der deutschen Nachkriegszeit. Anfang der 70er- Jahre entschloss sich Marianne Koch allerdings dazu, noch einmal umzusatteln und Medizin zu studieren. Heute lebt die 88-Jährige gemeinsam mit ihrem Hund Bessie am Starnberger See. Einmal pro Woche steht Marianne Koch körperlich angeschlagenen, einsamen und verunsicherten Menschen im Rahmen einer Gesundheitssendung des Bayerischen Rundfunks Rede und Antwort. „Ich weiß, wie belastend die Situation für viele ist“, berichtet die Expertin, „da sind Sorgen, Ängste, die geteilt werden müssen.“ Und Stress, der abgebaut werden will. Um sich selbst fit zu halten, geht die Medizinerin jeden Tag mit ihrem Bessie vor die Tür. Der aufgeweckte Welsh Corgi sei „ein hervorragender Motivator“.

Richard Süßmeier setzt auf Mundschutz.

Coronavirus in München: Zuversichtlich bleiben

„Wenn ich irgendwann mal ein bisserl Zeit übrig hab“, dachte sich Gastronom und Wiesn-Urgestein Richard Süßmeier vor vielen Jahren, „dann fang ich an zu lesen“. Vor allem die Zeitgeschichte hat es dem 89-Jährigen angetan. Schließlich sei er ja selbst eine Art Zeitzeuge. „Was ich schon alles miterlebt hab“, sagt Süßmeier und lacht, „da kann mir doch so ein unsichtbares Virus nichts anhaben!“ 89 Jahre – „manchmal frag ich mich, wo die Zeit hin ist“, sagt Süßmeier. „Ich bin ganz schön alt geworden, aber in all der Zeit Gott sei Dank kein Griesgram.“ Es ist die Zuversicht, die Freude am Leben, die Richard Süßmeier beweglich hält. Körperlich und im Kopf. „Es hilft ja nix“, sagt der Münchner. Wenn er vor die Haustür geht, setzt er sich eine bunte Maske auf. Denn mit Mundschutz, da ist sich Süßmeier sicher, zieht das Coronavirus einfach vorbei, „weil es einen nicht erkennt“.

Corona-Risikopatient: Der „Bulle“ bleibt fit

Franz Rothhat sich durch seine kraftvolle Spielweise beim FC Bayern während der 70er- Jahre den Spitznamen „Bulle“ eingehandelt. Heute, rund 40 Jahre später, hält sich der Fußballer durch lange Spaziergänge fit. „Bewegung ist das A und O für einen gesunden Körper“, weiß der 74-Jährige. „Und auch der Kopf freut sich über ein paar Stunden an der frischen Luft.“ Die Decke sei ihm während der Krise noch kein einziges Mal auf den Kopf gefallen. Schließlich gebe es immer was zu tun. Maskenpflicht und Ausgangsbeschränkungen seien zwar eine Umstellung, meint der Sportler, „aber wenn sich jeder dran hält, haben wir alle gewonnen.“

Josef Stöcher hatte die Gefahr im Haus.

Corona-Risikopatient aus München: Zum Glück negativ

Seit 13 Jahren lebt Josef Stöcher mittlerweile im Altenheim – selbstbestimmt, in einer eigenen Wohnung mit Balkon und Blumenstraße. Dass er sein Zuhause eines Tages nur noch in Ausnahmefällen verlassen darf, obwohl er sowohl körperlich als auch geistig absolut fit ist, hätte sich der 95-Jährige vor ein paar Wochen noch „nicht einmal im Traum vorstellen können“. Die Krise verlangt uns allen einiges ab, erzählt Stöcher. Irgendwann habe sich fast niemand mehr aus dem Haus getraut – „obwohl wir einen wunderschönen Park vor der Nase haben“. Vor ein paar Tagen ist dann der Ernstfall eingetreten. „Das, wovor sich jeder im Haus gefürchtet hat“: Ein Bewohner wurde positiv getestet. „Seitdem steht der gesamte dritte Stock unter Quarantäne“, erzählt Stöcher. Aber seit Donnerstag herrscht Erleichterung: „Wir sind alle negativ – jetzt kann der außergewöhnliche Alltag wieder weitergehen.“

Irmgard Römisch fühlt sich allein gelassen.

Coronavirus in München: Wie im Gefängnis

Für Irmgard Römisch fühlt sich die Krise an „wie ein Gefängnis“. Ich bin eigentlich niemand, der schnell jammert, erzählt die 70-Jährige, „aber ich weiß langsam echt nicht mehr weiter.“ Ich kann ja nicht mal mehr zum Einkaufen gehen, berichtet Römisch, denn ohne Maske kommt man momentan nirgends mehr rein. „Und die 40 Euro, die so ein 20er-Pack kostet, hab ich nicht.“ Früher, erzählt die Seniorin, hätte sie sich einfach selbst eine Maske genäht, aber das machen ihre Augen „nicht mehr mit“. Das Schlimmste an der Situation sei die Einsamkeit, „die von Tag zu Tag unerträglicherer wird“. Meine zwei Töchter“, erzählt Römisch, leben beide in der Türkei. Zu ihrem Sohn habe sie schon seit Jahren keinen Kontakt. „Wenn man nicht mehr aus der Wohnung kommt, dann ist man komplett abgeschnitten von der Welt – das tut weh.“

Christina Oberthür will zuversichtlich bleiben.

Risikopatienten in der Corona-Zeit: Anfangs voller Panik

Vor acht Jahren bekam Christina Oberthür eine schreckliche Diagnose: Multiple Sklerose, MS. Eine Krankheit, die das zentrale Nervensystem angreift und zu Lähmungserscheinungen führt. „Ich habe große Angst davor, mich mit dem Coronavirus zu infizieren“, sagt die 37-Jährige. Denn sie weiß: Ihr Körper könnte im Ernstfall eine weitere Krankheit nur sehr schwer verkraften. Dennoch: Trübsal blasen kam für die Münchnerin nie infrage. „Ich kann mich noch ganz genau an den 20. März erinnern“, erzählt Oberthür. „Ich war gerade auf dem Heimweg. Die Berge im Rückspiegel, die Nachricht von den baldigen Ausgangsbeschränkungen im Ohr. „Ich war so voller Panik“, erinnert sich die 37-Jährige, „dass ich daheim stundenlang durch die Wohnung gelaufen bin“. Auf und ab, hin und her, bis ihre Fitness-Uhr 20 Kilometer anzeigte. Mittlerweile, erzählt sie, habe sie sich an die Situation gewöhnt. Vor allem der Zusammenhalt in der Gesellschaft mache ihr Mut. Ihre Schwester kümmert sich um den Einkauf, und auch ihre Nachbarn unterstützen sie, wann immer es geht. „Ich bin wirklich dankbar“, sagt Oberthür, dass ich so ein tolles Umfeld habe. Das macht die Situation um einiges erträglicher.“

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