Telefonat aus der Geisterstadt

Coronavirus breitet sich aus - Münchnerin berichtet aus Wuhan: Zusammenreißen, „nicht in Panik zu verfallen“

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Coronavirus - China

Coronavirus: Silja Zhang stammt aus München. Die Radiologin lebt seit acht Jahren in Wuhan, das seit dem 23. Januar eine Geisterstadt ist. Wir haben mit ihr telefoniert.

  • DasCoronavirus hält aktuell die ganze Welt in Atem
  • 2592 Covid-19-Todesfälle alleine in China sind bereits registriert
  • Silja Zhang ist gebürtige Münchnerin und wohnt seit achte Jahren in Wuhan

Wuhan - Wuhan, elf Millionen Einwohner: Hier fahren keine Autos, die Fußgängerzonen sind leer, die Supermärkte geschlossen. Seit dem 23. Januar ist die chinesische Metropole eine Geisterstadt. Die Gesundheitsbehörde in Peking hat bisher 2592 Covid-19-Todesfälle in China gemeldet, seitdem hier das Coronavirus* auf einem Fischmarkt ausgebrochen ist. Wir haben mit Silja Zhang, 36, telefoniert. Die Radiologin stammt aus München. Sie lebt seit acht Jahren in Wuhan.

Frau Zhang, wissen Sie, wie lange Wuhan abgeriegelt bleiben wird?

Silja Zhang: Wir haben gehört, dass die Quarantäne mindestens bis zum 10. März gehen wird. 30 Tage haben wir jetzt hinter uns. Die Regeln sind in der Zeit schärfer geworden. Alle Supermärkte sind geschlossen, wir dürfen gar nicht mehr vor die Tür. Mein Mann und ich bekommen als Ärzte von der Klinik Gemüse und Reis in Rationen zugeteilt. Anderen Bürgern wird das Essen vor die Tür gestellt. Es reicht, aber es ist nicht viel. Lebensmittel sind ziemlich knapp.

Gehen Sie und Ihr Mann arbeiten?

Zhang: Mein Mann ist Orthopäde, er geht einmal die Woche arbeiten. Es gibt ja immer noch Patienten mit Knochenbrüchen, die versorgt werden müssen. Ich werde noch bis zum 10. März zu Hause bleiben. Sonst habe ich mich immer um Patienten aus dem Ausland gekümmert – aber die sind ja jetzt alle ausgeflogen worden.

Coronavirus breitet sich aus - Münchnerin berichtet aus Wuhan: „Virus viel infektiöser als wir dachten“

Wissen Sie, wie es momentan in den Kliniken für Coronavirus-Patienten aussieht?

Zhang: Ja, wir haben täglich Kontakt zu unseren Kollegen. Diejenigen, die jetzt 30 Tage gearbeitet haben, sind langsam am Ende ihrer Kräfte. Es gibt zwar weniger Neuinfizierte. Trotzdem sind die Kliniken immer noch völlig überlastet. Schutzkleidung und Atemmasken werden knapp. Gestern ist ein junger Kollege am Virus gestorben.

Wann haben Sie das letzte Mal Ihre Wohnung verlassen?

Zhang: Vor 12 Tagen. Vorher habe ich wenigstens mal den Müll rausgebracht. Es ist aber alles ganz gut organisiert. Wir müssen den Müll nur vor die Tür stellen, dann wird er abgeholt. Für unser Haus gibt es eine Chat-Gruppe, da wird gefragt, wer was an Lebensmitteln braucht: Es gibt Gemüse und Reis, manchmal auch Obst. Man muss mit der Antwort schnell sein, bevor alles weg ist. Aber dann wird im Laufe des Tages das Essen vor die Tür gestellt. Alles, was irgendwie Kontakt mit der Außenwelt hatte, desinfizieren, kochen oder waschen wir.

Finden Sie es übertrieben, dass Sie die Wohnung gar nicht verlassen dürfen?

Zhang: Nein, man versucht nur, die Kontrolle zu bekommen. Die letzte Woche sind wir immer einen Schritt hinterhergehinkt, die Ausbreitung war rasant. Das Problem sind die Superspreader: So nennen wir Virusträger ohne Symptome. Es reicht schon, wenn so einer im Aufzug den Knopf drückt – daran kann sich der Nächste schon anstecken. Das Virus ist viel infektiöser, als wir dachten. Wir hatten zwischenzeitlich auch das Problem, dass manche Infizierte zuhause bleiben mussten, weil es nicht genug Betten in den Kliniken gab, die haben dann Familienmitglieder angesteckt. Jetzt haben wir das Gefühl, dass mehr Kontrolle da ist, auch wenn es unangenehm ist. Es gibt jetzt auch Auffanglager – umfunktionierte Modehäuser und Sportanlagen. Da werden Leute in Quarantäne gebracht, bei denen noch geprüft werden muss, ob sie infiziert sind.

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Gibt es Menschen, die trotzdem rausgehen?

Zhang: Wenn jemand rausgeht, wird derjenige nicht bestraft. Aber es gibt viele Kontrollen an den Hauseingängen, die bei den Bewohnern auch Fieber messen. Und die raten den Menschen dann dringend, schnell wieder in die Wohnung zu gehen. Es gibt einige Leute, vor allem ältere, die überzeugt sind, dass sie den Frühsport brauchen – und die vielleicht die Gefahr nicht erkennen.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Ein Mann reicht Gemüse über die Absperrung. So soll die Virus-Ausbreitung gestoppt werden.

Zhang: Ich mache viel Sport. Und ich habe viele Hobbys, mit denen ich mich den Tag über beschäftige, zum Beispiel Malen und Zeichnen. Ich koche auch gern, aber da muss man mit der geringen Auswahl schon sehr kreativ werden. Man versucht sich halt irgendwie abzulenken. Wir leben in einer 100-Quadratmeter-Wohnung, da haben wir ausreichend Platz. Aber wir haben zwei Hunde, und das macht es schwierig. Zum Glück haben wir ein zweites Badezimmer – wir haben die beiden jetzt trainiert, da ihr Geschäft zu verrichten. Das ist nicht optimal, aber es geht schon.

Wenn man sich gar nicht aus dem Weg gehen kann – belastet das nicht die Beziehung?

Zhang: Ich hatte am Anfang Bedenken. Aber früher haben wir uns wegen der Arbeit tagelang nur für ein bis zwei Stunden gesehen. Jetzt haben wir gesagt, dass wir uns in den letzten 30 Tagen wahrscheinlich mehr gesehen haben als in unserer ganzen Beziehung. Bei Paaren, bei denen es kriselt, kann es sicher explodieren. Aber wir genießen es eigentlich, Zeit zusammen zu verbringen. Am Anfang hatte mein Mann Schwierigkeiten sich aufzurappeln, überhaupt aufzustehen. Aber das hat sich gelegt. Es ist wichtig, dass man seinen Tagesablauf strikt plant: Wir stehen um halb sieben auf, machen Frühstück und die Wäsche und schlafen mittags höchstens eine Stunde. Wir bleiben immer aktiv und machen zwei bis drei Stunden Sport, das ist ganz wichtig.

Coronavirus breitet sich aus - Münchnerin berichtet aus Wuhan: „Weil man einen Kampf kämpft“

Wie fühlen Sie sich?

Zhang: 95 Prozent der Zeit geht es mir ganz ruhig. Aber manchmal gibt es kurze Phasen, wenn mein Mann nach Hause kommt und erzählt, wie es draußen aussieht – da muss ich mich zusammenreißen, um nicht in Panik zu verfallen. Ich habe viele Patienten und Freunde gehabt, die das kaum aushalten. Klar, es ist unangenehm. Weil man einen Kampf kämpft, bei dem man den Gegner nicht richtig kennt. Aber man darf nicht vergessen: Die Wohnung ist warm, trocken und wir haben genug zu essen.

Haben Sie überlegt, sich mit nach Deutschland ausfliegen zu lassen?

Zhang: Nein, ich könnte meine Kollegen und meinen Mann hier nicht allein lassen. Nur weil ich einen anderen Pass habe, kann ich in Sicherheit sein und die nicht? Das ist für mich nicht richtig.

Die internationale Ausbreitung des Coronavirus hat mittlerweile auch Folgen für die deutsche Wirtschaft. Bundeswirtschaftsminister Altmaier will handeln. 

Das Coronavirus beherrscht seit Wochen die Schlagzeilen - auch in München. „Der Verrückte Eismacher“ hat jetzt mit viel Ironie reagiert - mit einer irren Idee.

Interview: Kathrin Braun

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