Das Grauen in einer Vollmond-Nacht

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25 bis 35 Jahre alt, grobporige Haut, auffälliges Muttermal auf der Wange, sehr kurzer Bürstenschnitt: Mit diesem Phantombild fahndete die Polizei im Jahr 2004 nach dem Vergewaltiger.

Münchens rätselhafteste Kriminalfälle: Ein Vergewaltiger schlägt immer wieder zur Wiesn zu.

Die Frage ist nicht, ob er wieder zuschlägt. Die Frage ist nur: Wann und wo? Jedes Jahr zur Wiesn-Zeit rechnen die Fahnder des Kommissariats 15 für Sexualdelikte mit einem Mann, der als sogenannter „Hochkaräter“ seit sieben Jahren äußerste Aufmerksamkeit der Münchner Polizei genießt. Dieser Vergewaltiger nämlich stellt eine ernste Gefahr für Frauen dar. Weil er seine erschreckenden Gewalt-Phantasien in einer Weise umsetzt, die nicht nur zutiefst erniedrigend sondern auch lebensgefährlich für die Opfer ist. Lange bevor die Frauen die Gefahr bemerkten, war dieser sadistische Jäger schon hinter ihnen her. Und als sie ihn dann bemerkten, war es für die Flucht zu spät.

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Er benutzt ein wohlriechendes, herbes After-Shave. Das ist das einzig Angenehme an diesem Psychopathen, der offenbar erst dann ein Mann sein kann, wenn er absolute Macht über eine Frau ausübt. Zwei Münchnerinnen hat der Menari-Täter (benannt nach einem seiner Tatorte) schon überfallen. Beide sind ihm glücklicherweise lebend entkommen – doch um welchen Preis …

Der Vollmond steht in jener Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 2001 hell über der stillen Siedlung in der Böcksteiner Straße, in der um 23 Uhr eine junge Frau (22) zu Fuß nach Hause geht. Kurz zuvor hatte sich die Auszubildende am Laimer Platz von ihren Freunden verabschiedet und war allein mit dem Bus nach Pasing gefahren. Die anderen Fahrgäste hatte sie nicht weiter beachtet. Und sie bemerkte auch nicht, dass ihr jemand folgte.

Plötzlich ist er direkt hinter ihr. Sein Arm umschlingt ihren Hals. Er presst sie so fest an sich, dass sie fast keine Luft mehr bekommt. Unter Morddrohungen zerrt der Mann sein Opfer rückwärts durch ein Gartentor auf das verwilderte Grundstück eines damals unbewohnten Hauses in der Schlad­minger Straße. Dort reißt er ihr die Kleider vom Leib und fällt über sie her. Immer wieder schlägt er ihr mit der flachen Hand ins Gesicht, quält sie sadistisch. Ihr Widerstand ist längst gebrochen. Zwei Stunden lang macht der Mann mit ihr, was er will.

Um 2 Uhr endlich steht er auf – und geht. Die Frau, die er benutzt, schwer verletzt und gebrochen hat, würdigt er keines Blickes mehr. Er hat bekommen, was er wollte. Was aus ihr jetzt wird, ist ihm völlig egal. Sie dagegen hat wahnsinnige Angst, dass er zurückkommen könnte. Es kostet sie die letzte Kraft, nach Hause zu rennen. Von dort aus ruft sie die Polizei.

Drei Jahre lang verschwindet der Mann von der Bildfläche – bis er in der Nacht zum 21. September 2004 in der Menaristraße in Kleinhadern wieder zuschlägt. Wieder ist Wiesn-Zeit. Wieder ist es ein Dienstag. Wieder ist die Stadt voller hübscher Mädchen in feschen Dirndln.

Auch die Studentin (20) hat an diesem Abend Spaß gehabt auf der Wiesn, gegen 23.30 Uhr verabschiedet sie sich von den Freunden und fährt mit U-Bahn und Tram heim nach Kleinhadern. Auch sie achtet nicht auf die anderen Fahrgäste. Fünf Minuten nach Mitternacht läuft sie in der Menaristraße ahnungslos an einem Gebüsch vorbei. Nur noch wenige Schritte trennen sie von ihrer Haustür. Plötzlich hört sie Schritte hinter sich. Eine kräftige Hand hält ihr den Mund zu. Sie wird zu Boden gerissen und zwischen die Sträucher geschleppt. Wieder bringt der Mann sein Opfer mit Morddrohungen zum Schweigen. Er verbietet ihr, ihm ins Gesicht zu sehen. Darum ist auch in diesem Fall die Täterbeschreibung später eher dürftig. Wieder reißt er seinem Opfer mit einem kräftigen Ruck das Dirndl herunter – so fest, dass vom Stoff nur noch Fetzen bleiben.

Die Studentin unternimmt einen verzweifelten Fluchtversuch. Zur Strafe schlägt und würgt der Täter die junge Frau so extrem, dass sie fast ohnmächtig wird und keinen Widerstand mehr wagt.

Eine halbe Stunde lang dauert ihr Martyrium. Dann sieht sie eine Chance, zu fliehen. Nackt und laut schreiend rast sie los, schlägt in Todesangst am nächsten Haus mit der flachen Hand auf sämtliche Klingeln. Ein Pärchen lässt sie herein, hüllt sie in eine Decke, ruft die Polizei. Das Weiß ihrer Augäpfel ist dunkelrot von geplatzen Äderchen. So fest hat der Täter sie gewürgt.

Trotz Großfahndung kann der Täter entkommen. Aber diesmal hat er Fehler gemacht. Auf den Dirndl-Fetzen sichern Gerichtsmediziner seine DNA. Fortan kann er sich nie mehr sicher fühlen vor einer Entdeckung. Schon nach dem ersten Fall im Jahr 2001 sagte Dezernatsleiter Harald Pickert: „Diesen Mann müssen wir finden. Und zwar schnell. Denn er wird es wieder tun.“ Er hat Recht behalten.

Die Opfer haben nach Kräften versucht, die Polizei zu unterstützen. Sie haben Hunderte Fotos bekannter Sexualtäter angesehen. Sie haben wieder und wieder in ihrer Erinnerung nach jedem noch so abscheulichen Detail gekramt und Stunden mit den Phantombildzeichnern des Landeskriminalamtes verbracht. Mit professioneller Unterstützung haben sie versucht, dieses schockierende Erlebnis zu verarbeiten und wieder ein normales Leben zu führen. Doch selbst der beste Psychiater kann die Erinnerung nicht löschen. Und auch nicht die Angst.

Der Täter trug eine Lederhose

Er könnte ein Oktoberfest-Tourist gewesen sein oder dort auch gearbeitet haben – zum Beispiel in einem Festzelt oder bei den Schaustellern. Dafür spricht sein Wiesn-Outfit (Kniebund-Lederhose) und auch die Tatsache, dass er in München bisher ausschließlich zur Oktoberfest-Zeit auftrat. 900 Handzettel hat die Polizei verteilt.

Der Täter scheint sich im Münchner Westen auszukennen, spricht aber österreichischen oder Südtiroler Dialekt. Darum bat die Münchner SoKo Menari auch die österreichischen, die italienischen und die Schweizer Kollegen um Hilfe bei der großangelegten Fahndung. Seit Jahren hält die Kripo im In- und Ausland Ausschau nach ähnlichen Fällen. Die wichtigste Spur ist jedoch die Täter-DNA, die beim zweiten Fall gesichert wurde. Sie wird seit dem Jahr 2004 in allen verfügbaren europäischen Datenbanken immer wieder mit den neuesten Spuren verglichen – solange, bis irgendwann der Treffer fällt. Auf den Täter sind 3000 Euro ausgesetzt. Die Polizei (Kommissariat 15, Tel: 089/2910-0) bekam damals rund 70 Hinweise, darunter auch einige aus dem Rotlicht-Milieu.

Quelle: tz

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