Ein Wohlstandsphänomen

Debatte um Schulschwänzer: Ist der Polizeieinsatz übertrieben oder sinnvoll?

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Zahlreiche Schulschwänzer wurden zuletzt am Münchner Flughafen festgenommen.

Mehrere Anzeigen gegen die Eltern von Schulschwänzern kurz vor Ferienbeginn haben eine Debatte ausgelöst. Von der eine Seite gab‘s Lob, von der anderen Kritik.

München – Am Ferienbeginn bietet sich für alle Urlauber in schöner Regelmäßigkeit das gleiche Bild. Kilometerlange Staus auf den Autobahnen in den Süden, lange Schlangen an den Schaltern der bayerischen Flughäfen. Dazu ein kräftiger Aufschlag bei den Angeboten für Pauschalreisen. Da klingt es durchaus verlockend, den Familienurlaub einen Tag früher als alle anderen beginnen zu lassen. Günstig und stressfrei. Wäre da nicht die Schulpflicht.

Die Meldung der Polizei, dass vor Beginn der Pfingstferien an den Flughäfen in Nürnberg und Memmingen rund 20 Familien mit Schulschwänzern erwischt wurden und deshalb Anzeige bei den zuständigen Landratsämtern wegen einer Ordnungswidrigkeit gestellt wurde, hat eine lebhafte Debatte ausgelöst. Ein wichtiges Signal, loben die einen. Haben wir keine anderen Sorgen, fragen die anderen.

Kritik kommt von Elternseite: „Die Polizei einzuschalten, ist doch etwas übertrieben“, sagte der Vorsitzende des Bundeselternrats, Stephan Wassmuth. Und auch Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sagt: „Generell ist es sinnvoller, das Gespräch mit den Eltern zu suchen.“

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Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands und Schulleiter an einem Deggendorfer Gymnasium, ist da anderer Meinung. „So eine Anzeige ist hundertmal wirksamer als die Gespräche, die wir ja ohnehin führen“, sagt er. Es sende die Botschaft an die Eltern, dass sich nicht jeder seine eigenen Regeln machen könne. „Denn das ist leider ein Trend in unserer Gesellschaft, das jeder nur auf seinen eigenen Nutzen schaut.“

Es handelt sich um ein Wohlstandsphänomen

Seiner Erfahrung nach sind es nicht primär die finanziell schwächer gestellten Familien, die ihre Kinder schon ein oder zwei Tage vor Ferienbeginn mit in den Urlaub nehmen. „Für mich ist das ein Wohlstandsphänomen.“ Bei vielen gehe es bei einem früheren Urlaubsstart gar nicht so sehr um das gesparte Geld, sondern primär um den Komfort des stressfreien Reisens. „Die Großfamilie, die jeden Euro umdrehen muss, um ihre Verwandten zu besuchen, ist da meiner Erfahrung nach eher die Ausnahme.“ So oder so würden die Eltern mit dem bewussten Schulschwänzen aber ein schlechtes Beispiel abgeben – nicht nur für ihre eigenen Kinder, sondern auch für die Schulgemeinschaft, die sich fairerweise an den offiziellen Ferienstart hält. Mit einem triftigen Grund, etwa bei einer Hochzeit im engeren Familienkreis, gebe es ohnehin die Möglichkeit, eine Befreiung vom Unterricht zu beantragen.

Immer wieder hört Meidinger das Argument, dass am letzten Schultag sowieso kaum mehr unterrichtet werde. Er bestreitet das. Die Lehrer würden sich bemühen, auch diese Zeit sinnvoll zu nutzen. Martin Löwe, Vorsitzender des Bayerischen Elterverbands, ist einer derjenigen, die schon lange anmerken, dass am letzten Schultag nicht nur das Klassenzimmer aufgeräumt oder Filme geschaut werden sollten. „Aber es konterkariert natürlich unsere Bemühungen, wenn dann am letzten Schultag mehrere Schüler fehlen. Und die Tendenz zeigt, dass das immer häufiger vorkommt.“ Deshalb hält er es für richtig, wenn die Polizei hier und da mal einschreitet – „im Sinne der Fairness“.

„Die Schule ist keine Institution, zu der man die Kinder nach Belieben hinschickt“

So sieht das auch der Bayerische Realschullehrerverband und der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband. „Die Schule ist keine Institution, zu der man die Kinder nach Belieben hinschickt“, betont BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Auch die Mehrheit der Deutschen hält die Polizeikontrollen für angemessen, wie eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Zeitung „Die Welt“ ergab.

Einen gesonderten Auftrag oder zusätzliches Personal, um gezielt an den Flughäfen zu kontrollieren, gab es übrigens nicht, wie das Innenministerium auf Nachfrage betont. Aber wenn es den Polizisten, die die Passkontrollen durchführen, eben auffalle, dann seien auch Ordnungswidrigkeiten zu ahnden. Ob sich für die betroffenen Eltern der günstigere Flug nun tatsächlich gelohnt hat, oder ob sie ein Bußgeld zahlen müssen, entscheiden jetzt die jeweiligen Landratsämter.

Dominik Göttler

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