„Wir wollen die Kuh vom Eis kriegen“

Angst vor MVG-Streik-Chaos: Pendler können aufatmen - vorerst zumindest

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U-Bahn, Bus und Tram -  Der Tarif-Streit geht in die nächste Runde. Droht München jetzt ein Mega-Streik?

War der Streik bei U-Bahn, Bus und Tram am letzten Donnerstag bloß ein Vorgeschmack aufs große Chaos? Der Tarif-Streit hält an. Nach Angst vor dem Mega-Streik gibt es nun eine Wende.

München - +++Update vom 19. Juni 2018+++ Bei den Tarifverhandlungen im öffentlichen Nahverkehr bahnt sich ein Waffenstillstand an. Die Arbeitgeber haben den Gewerkschaften eine Fristverlängerung gewährt. Die Gewerkschaften wiederum gehen davon aus, dass Warnstreiks bis dahin eher unwahrscheinlich sind. 

Darum ist die Gefahr von Warnstreiks gebannt

MVG-Chef Ingo Wortmann sagte gestern auf Anfrage der tz: „Wir wollen die Kuh vom Eis kriegen. Deswegen haben wir die Erklärungsfrist für die Gewerkschaften um zwei Wochen verlängert.“ Ursprünglich hätten sich die Arbeitnehmervertreter bis Dienstag, 24 Uhr, entscheiden sollen. Die Arbeitgeber hatten am Freitag ein verbessertes Angebot vorgelegt. Es sieht Gehaltssteigerungen von 3,19 Prozent ab Juni und weiteren 3,3 Prozent ab Juli 2019 vor. Gleichzeitig steigen Zuschläge, und Arbeitnehmer können die Steigerungen in Urlaubstage umwandeln. Aus Sicht der Gewerkschaften waren zentrale Forderungen gleichwohl nicht erfüllt worden, etwa nach Entlastungen im Nachtschichtdienst. „Wir haben uns darauf verständigt, dass das Ultimatum nicht mehr gilt und bei einer Sondierung eine Einigung angestrebt werden soll“, sagte Bayerns Verdi-Vize Norbert Flach. „Warnstreiks bis dahin sind eher unwahrscheinlich.“ 

Das waren die Nachrichten vom 19. Juni 2018 21.05 Uhr

Mega-Chaos droht: Steht München 24 Stunden lang still?

Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) hat im Tarifstreit zwar ein neues Angebot vorgelegt – aber ob den Gewerkschaften das reicht, ist mehr als ungewiss. In einer ersten Reaktion teilte Verdi am Montag schon mit, dass der Tarifkonflikt gerade „eskaliere“. Und der nächste Streik könnte 24 Stunden am Stück dauern!

Das ist das MVG-Angebot

Gemäß dem neuen MVG-Angebot wäre es im öffentlichen Tarif erstmals möglich, Gehalt in Urlaubstage umzuwandeln. Das Modell sieht außerdem Gehaltssteigerungen von 3,19 Prozent (1. Juni ’18 bis 30. Juni ’19) und 3,3 Prozent (1. Juli ’19 bis 31. August ’20) vor. Gleichzeitig steigen Zuschläge, etwa für Schicht- und Wechselschichtdienste. Ab dem 1. Januar 2020 könnten zudem Arbeitnehmer auf 2,5 Prozent des Gehaltszuwachses verzichten und diesen in fünf Urlaubstage umwandeln.

Von den Tarifverhandlungen sind 4000 Mitarbeiter betroffen, darunter etwa Bus-, Tram- und ­U-Bahn-Fahrer. Durch die Gehaltssteigerungen rechnet die MVG mit Mehrkosten von 3,8 Millionen Euro (2018), 8,8 Millionen Euro (2019) und 11,4 Millionen Euro im Jahr 2020. Wie viel zusätzliches Personal akquiriert werden müsse, steht freilich noch nicht fest.

Dieses Angebot sei gut, sagte MVG-Chef Ingo Wortmann gestern. Gleichzeitig richtete er mahnende Worte an die Gewerkschaften, den Bogen jetzt nicht zu überspannen. Solche Mehrkosten beim Personal könnte man nicht beliebig aus den Rücklagen bestreiten oder gar auf die Ticketpreise umlegen.

Video: Tipps gegen Streik-Stress

Wann läuft die Frist für die Gewerkschaften ab?

Die Arbeitnehmervertreter haben nun Zeit bis Dienstagabend, 24 Uhr, um das Angebot anzunehmen. Ob dies so kommt, ist derzeit noch offen. Die Gewerkschaften wollen wohl eine Fristverlängerung. MVG-Geschäftsführer Werner Albrecht will aber aus dem Flurfunk vernommen haben, dass bereits über 24-Stunden-Streiks gesprochen werde…

„Die Arbeitgeber haben ihr Angebot minimal verbessert, sind aber auf die zentralen Forderungen der Gewerkschaft nicht eingegangen“, sagte Gewerkschaftssekretär Franz Schütz. Und Verdi-Geschäftsführer Heinrich Birner ergänzt: „Weitere Streiks könnten noch abgewendet werden, wenn die Arbeitgeberseite kurzfristig zu Sondierungsgesprächen bereit ist.“ Und wenn nicht? Dann droht uns allen der Monster-Streik! 

Am Donnerstag (14. Juni) hatte Verdi zu Warnstreiks bei der MVG aufgerufen. Zwischen 4 und 8 Uhr gab es massive Einschränkungen.

Das sagen die Fahrerinnen und Fahrer der MVG

Ändern tut sich nichts: Im Fahrdienst arbeiten wir beispielsweise 39,2 Stunden in der Woche, alle andere arbeiten 38,5 Stunden. Die Chefs sagen immer, sie hätten die Probleme im Schichtdienst erkannt. Aber wirklich geändert wird nichts. Dann wird wieder für zwei Jahre irgendein Konzept erstellt, um über Probleme zu sprechen. Und am Ende heißt es, für den Fahrdienst ist kein Geld da.Heidi Rupprecht (49), seit 22 Jahren Tramfahrerin.

Es geht nicht ums Geld: Es geht uns nicht primär ums Geld, sondern um eine Entlastung. Das mit den zusätzlichen Urlaubstagen ist ja schön und gut, aber die müssen die Kollegen ja selbst zahlen. Viel wichtiger wäre es uns, dass die Nachtschichtarbeit ausgeweitet wird. Das würde wirklich helfen, denn damit könnten die Kollegen wesentlich mehr Zuschläge und Ausgleichstage anhäufen. Alfred Köhler (49), seit 25 Jahren Busfahrer

Es geht nicht ums Geld.

Unzählige Überstunden: Wir haben in den Werkstätten das Problem, dass wir Schichten nicht besetzen können, weil Handwerker fehlen. Die jungen Mitarbeiter in den Werkstätten wollen oft auch gar nicht mehr im Schichtdienst arbeiten, weil da eben die Familie im Vordergrund steht. Und bei den Fahrern wird der Druck immer mehr: 2-Minuten-Takt, Verspätungen. Wir schieben 42.000 Überstunden vor uns her. Lutz Pischel (54), seit 27 Jahren U-Bahn-Fahrer

Unzählige Überstunden.

Sascha Karowski

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