„Ich schäme mich in Grund und Boden“

Münchner Flüchtlingshelferin warnt: Bitte nicht pauschalisieren

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Flüchtlinge vor der Bayernkaserne in München. 

München - Eine Münchner Flüchtlingshelferin spricht über das Frauenbild arabischer und afrikanischer Flüchtlinge und warnt vor Fremdenhass und Vorurteilen. 

Die Debatte um Flüchtlinge in Deutschland wurde zuletzt durch den Mord an einer Studentin in Freiburg weiter aufgeheizt. Nun hat sich eine Flüchtlingshelferin aus München zu Wort gemeldet. In einem Interview mit Focus Online erklärt die Frau, die nicht namentlich genannt werden möchte, wie sie bei ihrer Arbeit in einem Flüchtlingsheim mit den Bewohnern über sensible Themen wie ihr Frauenbild, Sexualität und die aktuellen Debatten spricht.

„Ich rede mit den Flüchtlingen viel über die Vorfälle. Sie finden das alle schrecklich und können das überhaupt nicht verstehen“, erklärt die Münchnerin. „Gerade Afghanen sagen, sie schämen sich für ihre Leute.“ Deswegen appelliert sie deutlich: „Man darf jetzt nicht alle Flüchtlinge in einen Topf werden.“

Die Feindseligkeit, mit denen manche Mitmenschen mit Flüchtlingen begegnen, erschreckt die Frau zutiefst: „Letztens war ich mit einigen unserer Jungs in der U-Bahn. Eine Frau ist eingestiegen, eine Station gefahren und dann wieder ausgestiegen. Plötzlich dreht sie sich um und ruft in Richtung der Afrikaner, mit denen wir unterwegs waren: ‚Ihr seid alle Vergewaltiger!‘ Das war eine ganz normale Frau um die 40! Da schäme ich mich in Grund und Boden.“

„Wenn sie respektlos sind, sind sie einfach schlecht erzogen“

Dass junge Männer aus dem afrikanischen oder arabischen Raum oft einen zu offensiven Eindruck machen, wenn sie Frauen ansprechen, liegt an kulturellen Unterschieden, erklärt die Helferin: „Diesen langsamen Kennenlernprozess kennen die Männer aus ihren Ländern nicht, da geht alles relativ schnell.“ Teilweise sind die Missverständnisse auch sprachlich bedingt. „Im afghanischen Wortschatz etwa gibt es Ausdrücke wie ‚Ich hab‘ dich lieb‘ gar nicht. Es gibt nicht diese Abstufungen, wenn man Zuneigung ausdrücken will. Die Jungs gehen häufig in Gruppen auf Mädchen zu und sagen: ‚Ich liebe dich, ich liebe dich‘. Und die Mädels finden das natürlich blöd. In dem Moment ist das aber erst mal ein Signal, dass sie ein Mädchen sympathisch finden und es kennenlernen wollen.“

Dazu kommt, dass deutsche Frauen auf Flüchtlinge einen sehr offenen Eindruck hinterlassen: „Sie verstehen nicht: Da liegt eine Frau oben ohne am Eisbach in München, aber reagiert pampig, wenn ich sie anspreche. Ich erkläre ihnen dann, dass das keine Einladung für Sex ist, sondern ein Ausdruck der Freiheit ist, sich so zu kleiden, wie sie möchte.“

Eine Entschuldigung für schlechtes Benehmen sind diese kulturellen Unterschiede aber auf keinen Fall, betont die Helferin: „Das bedeutet nicht, dass die Männer Frauen gegenüber respektloser sind. Wenn sie respektlos sind, sind sie ganz einfach schlecht erzogen. Das ist genauso wie bei deutschen Jungs.“

Lieber erstmal einen Kaffee trinken 

Bei ihrer Arbeit in der Erstaufnahmeeinrichtung wurde die Frau selbst schon häufig nach ihrer Telefonnummer gefragt. „Und ich habe geantwortet: Nein, weil ich das nicht will. Da muss man selbstbewusst sein und ganz klare Ansagen machen“, erklärt sie.

Die jungen Männer müssen besser über die deutsche Kultur und Lebensweise aufgeklärt werden, fordert die Helferin. Sie selbst führt solche erklärenden Gespräche: „Ich sage immer: Jungs, ihr müsst Geduld haben. Man kann hier nicht direkt eine Frau heiraten, man muss vielleicht erst mal einen Kaffee trinken.“

mm/tz

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