So groß ist der Anteil an der Bevölkerung

Flüchtlinge in München - die Wahrheit: Neue Zahlen zur Migration

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Heute sind die Contehs aus Sierra Leone Münchner. Ihren Asylanträgen wurde stattgegeben. Ihr Dank macht sich besonders an einer Person fest: Rawan Chartouni (2.v.li.) von der Inneren Mission.  Barbara Likus (2.v.re) ist ihre Chefin. 

43,1 Prozent der Münchner haben einen Migrationshintergrund. Das geht aus dem Integrationsbericht hervor, der in der kommenden Woche im Stadtrat präsentiert werden soll. Fazit der Verwaltung: Es gibt Verbesserungspotenzial.

München - Gülseren Demirel muss lachen. Auf die Frage, ob sie sich gut integriert fühle, sagt die Grünen-Stadträtin: „Auf jeden Fall, manchmal bin ich sogar schon etwas überintegriert – vor allem in Sachen Zeitmanagement und Pünktlichkeit.“ Die 53-Jährige ist im Stadtrat eine Ausnahme – freilich nicht weil sie pünktlich ist, sondern weil sie als gebürtige Türkin eine kommunale Volksvertreterin mit Migrationshintergrund ist. Deren Anteil ist von der Amtsperiode 2008 bis 2014 von 11,3 Prozent auf nun 8,7 Prozent gesunken. Das geht aus dem aktuellen Integrationsbericht hervor. Darin heißt es: „Die politische Partizipation bleibt ein Dauerthema mit viel Entwicklungspotenzial.“

Laut Bericht lebten Ende vergangenen Jahres 1.526.056 Menschen in München. 1.104.224 sind Deutsche, 236.547 davon mit Migrationshintergrund. Zusammen mit den 421.832 Ausländern ergibt das einen Anteil von 43,1 Prozent von Münchnern mit Migrationshintergrund. Die Zahl der Ausländer setzt sich zusammen aus 213.784 Bürgern aus der Europäischen Union und 208.048 Angehörigen von Nicht-EU-Staaten, darunter etwa 8000 Flüchtlinge. Deren Integration ist in einem eigenen Gesamtplan geregelt, der jüngst vom Stadtrat verabschiedet wurde.

Der Bericht erscheint in seiner dritten Auflage und gibt daher aber auch Einblick in die Entwicklung der Integration von Migranten seit dem Jahr 2013. Für die Verwaltung ist das Papier auch eine Handlungsempfehlung. Die Integration läuft vielfach gut, etwa in den Bereichen Bildung und auf dem Arbeitsmarkt. Aber es gibt Potenzial für Verbesserungen.

Engagement: 53 Prozent der Deutschen mit Migrationshintergrund sind sozial oder bürgerschaftlich engagiert. Bei den Ausländern 49 Prozent. Im Bereich politisches Engagement jedoch sieht es nicht ganz so gut aus. Das gilt nicht nur für den Stadtrat. Eine Erhebung in zwei Bezirksausschüssen hat ergeben, dass der Anteil der Mitglieder mit Migrationshintergrund bei fünf beziehungsweise zwölf Prozent liegt.

Schulische Bildung: Von 2012 bis 2016 ist der Anteil der Kinder unter drei Jahren mit Migrationshintergrund in den Kindertageseinrichtungen zwar von 32,5 Prozent auf 35,2 Prozent gestiegen. Ihr Anteil an der Bevölkerung liegt jedoch erheblich höher. Bei den Drei- bis Fünfjährigen waren 2016 immerhin schon 49,5 Prozent in Einrichtungen untergebracht (bei einem Bevölkerungsanteil von 58 Prozent).

Die Übertritte ausländischer Schüler auf die Mittelschule sanken seit dem Jahr 2005/06 von 53,1 auf 39,3 Prozent. Die auf das Gymnasium stiegen von 26,3 auf 33,6 Prozent. Die Zahl der Schüler mit Mittelschulabschluss ist von 2011 bis 2016 von 20,6 auf 17,9 Prozent gesunken. Dafür haben sie beim mittleren Abschluss aufgeholt und mit einem Anstieg von 32,8 auf 41,9 Prozent die deutschen Schüler überholt. Mit dem Abitur verlassen mittlerweile 13,9 Prozent ausländische Absolventen die Schule.

Arbeitswelt: Von 2013 bis 2016 stieg die Anzahl versicherungspflichtig beschäftigter Ausländer um 27,8 Prozent auf rund 175 000 Angestellte. Der Anstieg des Fachkräfte-Zuzugs hält an, von 2014 bis 2016 hat sich der Wert auf 1958 verdoppelt. Die Zahl ausländischer Arbeitsloser sank von 2013 bis 2017 auf 14 727.

Kurse: Beim Sprach-Vorkurs, der seit 2013 allen Kindern offen steht, ist die Teilnehmerzahl bis 2015/16 um 27 Prozent gestiegen: von 3510 auf 4526. Die Anzahl der Kinder, die eine Übergangsklasse besuchen, ist in drei Jahren um 35,7 Prozent auf 1565 gestiegen. Die Zahl derjenigen, die zu einem Integrationskurs zugelassen wurden, ist von 2013 bis 2016 um 54 Prozent auf über 10 000 gesteigen. Insgesamt wurden 2016 in München mit 492 Kursen ein Sechstel der Kurse in Bayern angeboten.

Diskriminierung: Laut einer Befragung des Bundes, die laut Verwaltung auch für München Rückschlüsse zulässt, hat ein Drittel der Teilnehmer Diskriminierungserfahrung gemacht. Mit 50,4 Prozent liegt der Wert bei Migranten am höchsten. In der Arbeit wird Diskriminierung am häufigsten erlebt (48,9 Prozent). Dem folgt der Bereich „Öffentlichkeit oder Freizeit“ mit 40,7 Prozent.

Münchner Schicksal - Safiullah Husaini hofft auf Bleiberecht

„An jeder Ecke standen Menschen mit Maschinengewehren“, erzählt Safiullah Husaini. Der 25-Jährige fürchtete um sein Leben, als er vor drei Jahren beschloss, aus Afghanistan zu fliehen und nach Deutschland zu kommen. Einen Großteil der Strecke legte er zu Fuß zurück, kleinere Abschnitte fuhr er mit dem Auto, das ihm ein Schlepper organisiert hatte. 4000 Euro kostete ihn die Reise in ein unbekanntes Leben.

Geld, das Husaini nicht hat. Damals genauso wenig wie heute. Seit einer Woche arbeitet der 25-Jährige bei der Deutschen Post. „Ich bin für die Kartonagen zuständig“, erzählt er. Ob ihm der Job gefällt? Husaini überlegt eine Weile, dann schüttelt er den Kopf. Schließlich sagt er: „Ich wäre lieber Mechaniker.“ Damit sich sein Traum vom Schweißen, Löten und Reparieren erfüllt, lernt der Afghane seit mehreren Monaten Deutsch. „Es gefällt mir in München“, sagt er, „ich werde alles dafür tun, um hier bleiben zu dürfen.“

Im Moment ist Husaini nur geduldet. Sollte er kein dauerhaftes Bleiberecht bekommen, will er sich einen Anwalt nehmen. „Ich kann nicht zurück in meine Heimat – das wäre Selbstmord.“

Mohammad S. findet ohne Papiere keinen Job 

„Persönliche Gründe“ haben Mohammad S. (Name geändert) im Jahr 2014 nach München geführt. Der 21-Jährige kam in einer Zeit in Deutschland an, in der die Grenzen noch nicht kontrolliert wurden. In seinen Taschen hatte der Nigerianer nur das Nötigste. Was ihm fehlte, waren Papiere. Mohammad S. besitzt keinen Ausweis, keinen Reisepass, keinen Führerschein. „In Afrika braucht man so etwas nicht“, sagt er. Heute weiß er, dass in Deutschland andere Regeln gelten. Deshalb hat er beschlossen, Deutsch zu lernen und sich um einen Ausbildungsplatz zu bemühen.

Mohammad S. sagt, dass er gerne in München bleiben und hier arbeiten würde. „Aber ohne Papiere bekomme ich leider keinen Job.“ Mohammad bewarb sich in Supermärkten und versuchte, als Schweißer Fuß zu fassen. Einmal hätte es fast geklappt. Der Nigerianer wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen und schrieb sogar einen Test. Doch dann funkte die Gemeinde dazwischen, in der der 21-Jährige gemeldet ist. „Ich weiß nicht, was ich noch machen soll“, sagt er, „ich will einfach nur hier bleiben und arbeiten, aber die Behörden machen es mir schwer.“

Sanja Hristova unterrichtet „Deutsch für Flüchtlinge“ im Eine-Welt-Haus

Dreimal pro Woche unterrichtet Sanja Hristova (29) Deutsch am Eine-Welt-Haus an der Schwanthalerstraße. Zu ihren Schülern zählen Flüchtlinge aus aller Welt: Afghanistan, Nigeria, Somalia. Die Männer und Frauen, die Hristovas Unterricht besuchen, sind bislang alle nur geduldet. „Die Geflüchteten wissen, dass die Sprache oftmals ihre einzige Eintrittskarte ist.“ Die Eintrittskarte in ein besseres Leben. Denn: „Wer nichts versteht, kann sich nicht verständigen“, sagt Hristova, „und wer sich nicht verständigen kann, tut sich schwer, einen Job zu finden.“

Sanja Hristova will ihren Schützlingen helfen, sich in München zurechtzufinden, Fuß zu fassen in einem fremden Land, in einer fremden Stadt. Die 29-Jährige weiß aus Erfahrung, wie der Start in ein neues Leben gelingt. Sie selbst stammt aus Mazedonien. Vor fünf Jahren kam sie zum Studieren nach München: Italianistik mit Nebenfach Deutsch als Fremdsprache ist auf ihrem Studentenausweis zu lesen. Mittlerweile steht sie kurz vor dem Abschluss. Die Deutschkurse im Eine-Welt-Haus sieht sie als Chance. Für sich und die Geflüchteten.

„Ich sammle Erfahrungen im Unterrichten“, sagt sie, „und gebe mein Wissen weiter.“ 15 Euro bekommt Hristova für eine Deutschstunde, die im Eine-Welt-Haus 150 Minuten lang dauert. „Das ist wenig“, weiß die Studentin, aber: „Wenn meine Schüler wiederkommen, ihre Hausaufgaben erledigen und von Stunde zu Stunde besser werden, dann ist das weitaus mehr wert.“ Das Einzige, was die 29-Jährige an ihrem Job kritisiert, ist die Größe der Kurse. „Wären die Gruppen kleiner, kämen wir viel schneller ans Ziel – aber dafür braucht es mehr Lehrer.“

Lesen Sie auch: Besonderes Projekt: So will die MVG von Flüchtlingen profitieren

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