Was Mieter jetzt schon zahlen müssen

Genossenschafts-Schock: Wohnungen bis zu zwölf Prozent teurer

+
Am Ackermannbogen, hier das Haus „wagnis2“, will die Genossenschaft wagnis die Mieten erhöhen – aus wirtschaftlichen Gründen, wie es heißt.

Die Wohnungsbaugenossenschaft „wagnis“ erhöht die Mieten in einigen Objekten um bis zu 12,6 Prozent. Die Bewohner sind irritiert, denn gerade Genossenschaften werben schließlich mit ihrer Mietstabilität.

München - Es sind Menschen wie Maximilian Demme (72), die auf günstige Mieten angewiesen sind. Daher hat er sich für eine Mitgliedschaft bei der Genossenschaft „wagnis“ entschieden, denn die wirbt schließlich mit ihrem Bemühen, die Mieten möglichst nicht zu erhöhen. Doch jetzt kommt es für Menschen wie Maximilian Demme anders, denn „wagnis“ erhöht erstmals die Mieten – um bis zu 12,6 Prozent. „Ich hoffe, dass ich mir von meiner kleinen Rente meine Wohnung auch in Zukunft noch leisten kann“, sagt der Senior.

Per E-Mail ging die schlechte Nachricht an die wagnis-Mieter. „Vorstand und Aufsichtsrat haben beschlossen, erstmalig die Nutzungsgebühren in den Projekten wagnis1, wagnis2 (je EOF bis freifinanziert) und wagnis4 (nur freifinanziert) ab April 2019 anzupassen, um die Wirtschaftlichkeit unserer Genossenschaft langfristig sicher zu stellen“, heißt es. „Die Erhöhungen betragen zwischen 0,60 Euro und 1,40 Euro pro Quadratmeter.“

Maximilian Demme ist einer der betroffenen wagnis-Mieter. Er macht sich nun Sorgen, ob er sich die Miete künftig noch leisten kann.

Betroffen sind die Projekte wagnis1, wagnis2, und wagnis4 am Schwabinger Ackermannbogen mit rund 190 Wohnungen, einigen Cafés, Büros, einem Kiosk und dem Bewohnertreff. Dessen Chefin Heidrun Eberle hat Verständnis für die Anpassung: „Wärme, Abwasser und Müllentsorgung kosten viel Geld. Da ist es nur verständlich, dass „wagnis“ die gestiegenen Kosten auch an die Mieter weitergibt.“ Nicht betroffen sind die „wagnis“-Projekte in der Messestadt oder am Schwabinger Domagkpark.

Mietsteigerung in München: Ein Thema, das viele beunruhigt

Der exakte Grund für die Mieterhöhung bleibt unklar. Auf unsere Anfrage sagte „wagnis“-Vorstand Rut-Maria Gollan: „Es ist uns ein Anliegen, dass wir mit den Bewohnern kommunizieren. Wir entziehen uns nicht dem Dialog, aber wir wollen ihn erst mit den Mitgliedern führen und nicht über die Presse.“ Die direkt betroffenen Haushalte wurden bis Montag informiert, am kommenden Freitag gibt es eine Versammlung mit den Mietern, die sich gestern bereits im Café Rigoletto getroffen haben. „Ich arbeite im Viertel-Café und kenne die Nachbarschaft sehr gut“, sagt Sophie Schartner. „Wir haben hier viele junge Familien, aber auch Rentner. Die Mietsteigerung ist natürlich ein Thema, das viele beunruhigt.“

Die „wagnis“ ist im Jahr 2000 gegründet worden und hat bisher fünf Projekte umgesetzt. Für „wagnisART“ ist die Genossenschaft mehrfach ausgezeichnet worden, zuletzt 2018 mit dem „Ehrenpreis für guten Wohnungsbau“. Wie alle Genossenschaften arbeitet auch die „wagnis“ nicht gewinnorientiert. „Entsprechend werden die Nutzungsgebühren nicht erhöht, weil es gesetzlich möglich ist, sondern weil es eine wirtschaftliche Notwendigkeit ist“, schreibt der Vorstand weiter an die Mitglieder. Außerdem heißt es: „Selbstverständlich bewegen sich die Erhöhungen im gesetzlichen Rahmen.“ Die Erhöhung sei notwendig, da die Prüfungen durch den Verband „in den letzten Jahren wiederholt Hinweise auf ungünstige wirtschaftliche Kennzahlen“ enthalten haben sollen. Zuletzt sei 2017 „konkret eine Erhöhung der Nutzungsgebühren angeraten“ worden.

So funktioniert‘s bei den Genossenschaften

Wenn jemand Mitglied bei einer Wohnbaugenossenschaft werden möchte, zahlt er zunächst einen bestimmten Beitrag ein. Dieser Beitrag wird abhängig von der Wohnungsgröße berechnet und bei einer Kündigung des Nutzungsvertrags wieder ausbezahlt. Monatlich zahlt der Mieter dann noch ein Nutzungsgeld (=Miete). Dieses fällt in der Regel nur so hoch aus, dass anfallende Kosten für Instandhaltung, Verwaltung oder Mietausfälle gedeckt werden können. Momentan gibt es in München etwa 50 Wohnungsbaugenossenschaften. In den vergangenen rund zehn Jahren wurden laut Auskunft der Stadt etwa 1000 Wohnungen neu gebaut, über 3000 befinden sich in unterschiedlichen Stadien der Planung. Um diese Wohnform zu fördern, werden in den Gebieten Grundstücke in einem Umfang von 20 bis 40 Prozent der Gesamtflächen an Baugemeinschaften und Wohnungsbaugenossenschaften vergeben.

Wie sieht München 2040 aus? In unserer Serie schauen wir in die Zukunft der Stadt. Hier dreht sich alles um die Wohnsituation.

Judith Bauer

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Emotionaler Brief der Münchner Polizei zum 2. Jahrestag des S-Bahn-Dramas von Unterföhring
Emotionaler Brief der Münchner Polizei zum 2. Jahrestag des S-Bahn-Dramas von Unterföhring
Eigenbedarf oder Lüge? Gericht entscheidet nun über Sabines Zukunft
Eigenbedarf oder Lüge? Gericht entscheidet nun über Sabines Zukunft
Diebe schlagen im Nobelrestaurant zu - Sie hatten es aufs Geld des Kellners abgesehen 
Diebe schlagen im Nobelrestaurant zu - Sie hatten es aufs Geld des Kellners abgesehen 
“Antisemitischer Terror ist kein Biermotiv“: Heftiger Vorwurf gegen Münchner Brauerei
“Antisemitischer Terror ist kein Biermotiv“: Heftiger Vorwurf gegen Münchner Brauerei

Kommentare