Gewalt im Einsatz 

Wenn die Retter zu Opfern werden

„Der beste Eigenschutz ist der Rückzug“, sagen Chef Peter Aicher und Michel Belcijan von der Aicher Ambulanz.

Rettungskräfte werden immer wieder Opfer von Übergriffen. In München ist es nicht ganz so gravierend wie in anderen Städten. Die Gewerkschaft sieht trotzdem Anlass zum Handeln.

München - Sie wurden getreten, gebissen und geschlagen, von verbalen Attacken mal ganz zu schweigen: 19 verletzte Mitarbeiter in den Jahren 2015 und 2016, von denen vier länger krank waren als acht Tage – das ist die Bilanz der Aicher Ambulanz. Beim zweitgrößten Münchner Rettungsdienst arbeiten 700 Mitarbeiter in neun Wachen, rund 400 davon aktiv im Rettungsdienst. Mangelnder Respekt ist auch hier ein Thema: „Von den 19 Verletzten hatten vier Schürfwunden, zwei Schädelverletzungen und sechs verletzte Finger. Drei wurden gewürgt und vier hatten Wunden am Oberarm“, berichten Geschäftsführer Peter Aicher und Betriebsleiter Michel Belcijan.

Meist sind es Patienten, die unberechenbar reagieren: „Wir haben es oft mit alkoholisierten, dementen oder psychisch kranken Menschen in Ausnahmesituationen zu tun. Auch mit Patienten, die Angst vor Uniformen haben, kein Deutsch verstehen oder es nicht ertragen, von Frauen angefasst zu werden.“

Studie zeigt: mehr als 4000 Übergriffe in einem Jahr

Diesen Eindruck stützt auch die neue Studie der Hamburgerin Janina Lara Dressler. Sie hat für ihre Doktorarbeit bundesweit Feuerwehrleute und Rettungskräfte zu dem Thema befragt – mit erschreckendem Ergebnis. Aus den vier Städten Berlin, Hamburg, Köln und München hat Dressler mehr als 4000 Fälle von Übergriffen allein für das Jahr 2014 zusammengetragen. „Es sind deutlich mehr und gravierendere Fälle, als wir erwartet haben“, sagt Dressler. In München nahmen 478 Rettungskräfte an der Studie teil, 162 wurden 2014 Opfer körperlicher Gewalt – also etwa jeder Dritte. Im Jahr 2014 gab es laut Studie 435 Fälle, in denen eine Rettungskraft geschubst, geschlagen oder getreten wurde, 200 Mal wurde ein Helfer mit Waffe, Stein oder Feuerwerkskörper attackiert.

Immer wieder kommt es zu tätlichen Übergriffen auf Rettungskräfte. Erst kürzlich beklagte ein Feuerwehr-Sprecher den fehlenden Respekt gegenüber Helfern, nachdem ein Feuerwehrmann an Silvester mit einer Rakete beschossen worden war.

Tobias Thiele, Sprecher der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft, ist froh, dass es jetzt erste belegbare Zahlen gibt, die das Ausmaß der Gewalt gegen die Retter aufzeigen. Thiele berichtet, dass in den vergangenen fünf Jahren der Respekt gegenüber Rettungskräften immer mehr verloren gegangen sei. „Das ist ein gesellschaftliches Problem.“ Viele Bürger, die die Feuerwehr als Teil des Staatswesens missverstünden, reagierten aggressiv, wenn die Retter kommen. Das fange schon bei kleinen Kindern an. Früher hätten sie den Feuerwehrkräften im Auto zugewunken, jetzt zeigten viele den Stinkefinger.

Neue Maßnahmen ergriffen

Siegfried Maier, Vorsitzender der Landesgruppe Bayern, hofft, dass jetzt mehr Kollegen zur Anzeige bringen, wenn sie bei einem Einsatz angegriffen werden. Ein Formular auf der Internetseite der Gewerkschaft soll das vereinfachen. Daran liegt Maier umso mehr, als er davon ausgeht, dass es eine große Zahl nicht gemeldeter Vorfälle gibt.

Kabel1-Video: Wie Retter in Gefahr geraten

Die Angst führt zuweilen dennoch zu heftigen Reaktionen: Beim BRK in Nürnberg haben sich 40 Mitarbeiter auf eigene Kosten schusssichere Westen gekauft. Auch bei der Aicher Ambulanz wurde das diskutiert. Michel Belcijan: „Wir wollen und können es unseren Mitarbeitern nicht verbieten. Wir sind aber der Ansicht, dass der beste Eigenschutz immer noch der Rückzug ist.“

Auch im Bund ist die zunehmende Gewalt gegenüber Rettungskräften ein stetes Thema. So befinden sich die Innenminister der Länder regelmäßig in Diskussion, ob eine härtere Bestrafung bei Attacken auf Helfer gerechtfertigt ist.

Videos: snacktv/Merkur.de

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare