Der grausame Tod der Teenie-"Chefin" Nicole

+
Nicole (†16) war die „Chefin“ ihrer Jungs-Clique

München - Die tz zeigt exklusiv Auszüge aus dem neuen Buch des legendären Mordermittlers Josef Wilfling. Lesen Sie heute Auszüge aus dem Kapitel "Das Miststück".

Lesen Sie auch:

Wilfling zur tz: In jedem steckt ein Mörder

Münchens Ex-Chefermittler: "Meine spektakulärsten Fälle"

Er rammte den Chef mit dem Bagger in den Boden

Der mörderische Nesthocker

Sie saß auf der Lehne der massiven Holzbank und rauchte ihren Joint. Er stand unbewegt hinter ihr. Jetzt, dachte er, zog den Radmutterschlüssel aus dem Ärmel seines Parkas, holte weit aus und schlug mit aller Kraft auf den Hinterkopf des Mädchens.

Mit einem kurzen Aufschrei stürzte es rücklings von der Bank und begann zu wimmern. Er kniete sich über den zierlichen Teenager, nahm den Radmutterschlüssel quer in beide Hände und drückte ihn – das Gewicht seines Oberkörpers einsetzend – so lange nach unten, bis Augen und Zunge des Mädchens hervorquollen (...)

Um sicherzugehen, dass es auch wirklich tot war, legte er den Radmutterschlüssel zur Seite, griff in die Außentasche seines Parkas und zog ein Teppichmesser heraus. Damit schnitt er dem Mädchen von links nach rechts den Hals durch. (...)

Unter einer kräftigen Fichte legte er sie ab und lief im Schein des hellen Mondlichts zu seinem Fahrzeug, (...) um aus dem Kofferraum eine Flasche Spiritus zu holen. (...) Eine Stichflamme schoss empor, der Körper brannte. Wie von Sinnen rannte er zurück zum Auto, startete den Motor und fuhr weg.

(...) Wenn Kinder oder Jugendliche Opfer eines Verbrechens werden, herrscht mit Recht bei jeder Mordkommission Alarmstufe Rot. Es gibt nichts Schlimmeres als Kindsmorde. (...)

Aber wie kam dieses Mädchen mitten in der Nacht hierher? (...) Der Erkennungsdienstbeamte zog sich Latexhandschuhe über, (...) griff in die hintere rechte Gesäßtasche der Jeans und hielt (...) einen Personalausweis in der Hand, ausgestellt auf Nicole B., geboren 1984 in München.

Sie wohnte ganz in der Nähe. (...) Zunächst aber stand uns das Schwerste bevor, nämlich die Unterrichtung der Angehörigen. (...) Die Mutter des Mädchens brach nicht weinend zusammen(...). Die verhärmt wirkende Frau hatte ihr einziges Kind offenbar noch gar nicht vermisst. (...)

„Das hat ja mal so kommen müssen. Ich hab’ ihr immer gesagt, sie soll sich nicht so aufführen, sonst wird sie irgendwann erschlagen. Manchmal war sie schon ein arges Miststück.“

Keine Träne kullerte über die Wangen der Frau, die arbeitsunfähig war, von Sozialhilfe lebte und zumindest nach außen hin keine Trauer zu empfinden schien. Gefühle können also auch sterben oder sich ins Gegenteil verkehren, dachte ich. (...)

Nicole habe ihr nicht mitgeteilt, wohin sie gehen und wann sie zurück sein würde. (...) Mehr wisse sie nicht. Auch nicht, was sich in der Clique ihrer Tochter abspielte, nur dass Nicole

die Anführerin gewesen sei.

Ihr bester Freund? Das sei zweifellos Dennis. Ein ruhiger, schüchterner Junge, der hier in der Nähe wohne. (...)

Das Buch von Josef Wilfling: „Unheil – Warum jeder zum Mörder werden kann“ (Heyne Verlag, 19,99 Euro, 304 Seiten)

Dennis A. wohnte in einem kleinen Einfamilienhaus mit einem gepflegten Garten in einem ruhigen, gutbürgerlichen Wohnviertel. Wir läuteten, und eine junge Frau öffnete, schätzungsweise 20 Jahre alt und sehr hübsch. Sie trug ein dunkles. elegantes Kleid und sagte, sie sei gerade im Begriff, mit ihrer Mutter in die Kirche zu gehen. Hier schienen wir auf ein Stück heile Welt getroffen zu sein, schon ahnend, dass diese in einer halben Stunde zerstört sein würde. (...)
Dennis A. lag noch im Bett, als wir sein Zimmer im Obergeschoss betraten. Ob er wirklich geschlafen hatte, als wir an ihm rüttelten, war schwer erkennbar. Er sah nicht verschlafen, sondern verweint aus. Als wir uns als Kriminalbeamte auswiesen und ihn aufforderten aufzustehen, fragte er nicht nach dem Warum. Aha, dachte ich, abweichendes Verhalten (...). Er war so nervös, dass der Stoff seines Schlafanzugs an den Beinen zu flattern begann, weil ihm die Knie so zitterten. (...)

Noch bevor er antworten konnte, stand plötzlich mein Kollege neben mir. (...) Er hielt ein Paar helle Turnschuhe in der Hand.

„Das ist Blut, wenn ich mich nicht täusche. Ganz frisch“, meinte er lapidar. Ich schaute kurz auf die hellgrauen Schuhe und dann ins Gesicht des Jungen. (...)

Der Junge begann hemmungslos zu weinen, fiel auf die Knie und umklammerte meine Beine, so dass ich schon fürchtete, er könnte mich zu Fall bringen. (...)

„Sie war so gemein. Ich hab es nicht mehr ausgehalten und sie totgemacht.“ (...)

So kam die Wahrheit nach und nach ans Licht, wobei den größten Beitrag Andrea, die Freundin des Täters, leistete – um sie ging es nämlich letztendlich.

Die kleine hübsche Nicole hatte es tatsächlich geschafft, eine Clique um sich herum zu versammeln, die ausschließlich aus Jungs bestand. Mädchen duldete sie nicht, wollte konkurrenzlos bleiben. (...) Später habe ich mich gefragt, wie dieses blutjunge Mädchen dieses ausgeprägte Selbst- und Machtbewusstsein entwickeln konnte.(...) Sie war absolut empathielos und eiskalt.

Dennis A. (..) war kein hübscher Junge. (...) Wohl deshalb hatte er kein Glück bei Mädchen. (...) Plötzlich geschah ein Wunder. Vier Wochen vor der Tat lernte Dennis in einer Disco tatsächlich ein Mädchen kennen, Andrea. (...) Die hübsche Gymnasiastin (...) mochte diesen schüchternen, höflichen und wohlerzogenen Jungen. (...) Dennis bekam den ersten Kuss seines Lebens. Was seine „Chefin“ Nicole beobachtete und was ihr missfiel. Auch wenn sie nichts sagte (...)

Dennis A. schwebte in den nächsten Wochen im siebten Himmel. Er war bis über beide Ohren verliebt, und Andrea erwiderte seine Zuneigung, hatte schon bei ihm übernachtet. (...)

Dann beging Dennis einen entscheidenden Fehler: Er führte Andrea in die Clique ein. (...) Nur eines hatte er vergessen. Mit Nicole gab es eine Chefin, die noch immer die Fäden im Hintergrund zog, auch wenn sie immer wieder beteuerte, sie würde sich über sein Glück freuen. Deshalb kümmerte sie sich ganz besonders um Andrea, wenn die Clique zusammentraf. (...) Dennis beobachtete dies mit Argwohn. Es gefiel ihm nicht, dass Nicole seine Freundin immer mehr vereinnahmte. (...)

Inzwischen waren die beiden immer häufiger zusammen, und es bestand für ihn nicht der geringste Zweifel, dass Nicole alles daran setzte, ihm die Freundin auszuspannen (...) – weil sie Dennis für sich alleine wollte. Sie gönnte ihm keine Freundin, er hatte nur für sie da zu sein. Und sie duldete es nicht, dass jemand aus ihrer Clique ausscherte, eigene Entscheidungen traf.

Dennis (...) litt wie ein Hund, beschloss, Nicole zu töten. In der Tatnacht lockte er sie aus dem Haus, indem er sie um eine Aussprache unter vier Augen bat, am alten Treffpunkt am Waldrand (...).

Der wahre Fall: Aus der Haft schrieb der Täter an Nicoles Mutter

Als sich Nicoles bester Freund Dennisverliebte, hatte sie etwas dagegen. Da lockte er sie auf eine Eisstockbahnund erschlug sie mit einem Radmutterschlüssel. Anschließend zündete er das Mädchen im Wald an

Schreckliche Schreie und heller Feuerschein machten zwei Partyheimkehrer in der Nacht zum 27. April 1996 im Waldstück Lochhamer Schlag nahe der Großhaderner Straße in Gräfelfing (Landkreis München) auf ein schauriges Verbrechen aufmerksam. An einen Baum gelehnt finden Polizisten um 3.50 Uhr nahe der Eisstockbahn die verbrannte Leiche der 16-jährigen Nicole B. Die Ermittlungen führen rasch zu ihrem besten Freund Dennis A. (Name geändert), der zu Nicoles Burschen-Clique gehörte, deren Anführerin sie war. Aus der Haft schrieb er einen Brief an Nicoles Mutter: „Ich würde am liebsten sterben, damit sie wieder leben könnte.“

Dennis wurde zu sieben Jahren Jugendhaft verurteilt, kam nach vier Jahren wieder frei.

In seinem Buch schreibt Josef Wilfling: „Er fand den Weg zurück ins Leben und in die Liebe, allerdings nicht mehr mit Andrea. Vor allem seine wunderbare Familie half ihm bei diesem Neuanfang.“

Die spektakulärsten Verbrechen Münchens

Die spektakulärsten Verbrechen Münchens

Auch interessant

Meistgelesen

31-Jähriger am ZOB niedergestochen: Neue Details
31-Jähriger am ZOB niedergestochen: Neue Details
Die Stadt der Zuagroasten: Was Neu-Münchner anzieht
Die Stadt der Zuagroasten: Was Neu-Münchner anzieht
Ganz schön schräg: Palme löst Polizeieinsatz auf Odeonsplatz aus
Ganz schön schräg: Palme löst Polizeieinsatz auf Odeonsplatz aus

Kommentare