Arbeit der Nachlasspfleger

Immer mehr Münchner sterben einsam

Zerstrittene Familien, keine Kinder, ein Leben in Abgeschiedenheit: Immer mehr Menschen in München sterben einsam. Eine traurige Situation - auch für die Nachlasspfleger.

Wenn ganz am Ende niemand da ist, wird Sylvia Mednansky tätig. In fremden Wohnungen begutachtet sie persönliche Erinnerungsstücke und stöbert in den Dokumenten anderer Leute. Sie kümmert sich um das, was Menschen hinterlassen, die ohne Angehörige und oft auch ohne sonstige Nahestehende sterben. Die 55-Jährige ist Nachlasspflegerin in München. Ihr Eindruck ist: „Immer mehr Menschen sterben wirklich einsam.“

Das legen auch Zahlen der Stadt München nahe. Wenn sich niemand um die Beerdigung kümmert, wird der Verstorbene „von Amts wegen bestattet“ - und ist damit ein Fall für die örtlichen Behörden. 1219 Todesfälle landeten so im Jahr 2013 bei Sigrid Diether, die beim Referat für Gesundheit und Umwelt für die Städtischen Friedhöfe zuständig ist. Die Zahl hat im Laufe der vergangenen Jahre zugenommen, seit rund drei Jahren ist sie etwa gleichbleibend hoch. „Wir rechnen mit einer weiteren Zunahme“, sagt eine Sprecherin.

Familie als Institution stirbt aus

Über die Gründe könne man nur spekulieren, erklärt Diether. Die Bevölkerung werde immer älter, die Menschen lebten weiter entfernt voneinander, viele hätten keine Kinder. In Bayern gab es im Jahr 2013 nach Angaben des Landesamtes für Statistik 40 Prozent mehr Alleinstehende als noch vor 20 Jahren - etwa 40 Prozent davon sind älter als 60 Jahre. Besonders oft leben sie in Großstädten. „Die Familie als Institution stirbt aus. Oft sind keine Kinder da und niemand sonst, der den Alten nahe steht“, sagt eine Sprecherin des Münchner Gesundheitreferats.

Sylvia Mednanskys Erfahrung zeigt: Nicht nur ältere Menschen müssen den letzten Weg alleine gehen. „Wir verwalten auch die Nachlässe von 40-Jährigen. Viele davon sind alkoholabhängig, psychisch krank oder verwahrlost“, sagt die Nachlasspflegerin. „Besonders die Fälle, in denen gar kein Besitz mehr da ist, nehmen zu.“ Den Hauptgrund sieht auch Mednansky in den Familienstrukturen: „Heute kümmert man sich weniger umeinander als früher, vor allem in der Stadt.“

Suche nach möglichen Erben

Nachlasspfleger werden von Nachlassgerichten beauftragt. Ihre Aufgabe ist es, im Interesse möglicher Erben zu handeln. Sie durchforsten Archive, Akten und die Register der Standesämter nach meist weit entfernten Verwandten der Verstorbenen. Oft wenden sich Vermieter an sie, dann müssen die Nachlasspfleger sich um die Räumung der Wohnung des Toten kümmern.

Auch die Kommunalbeamten machen sich auf die Suche nach Hinterbliebenen, etwa mit Anzeigen in Tageszeitungen. Meist werden sie bei Angehörigen fündig, die mit dem Toten zerstritten waren oder ein mögliches Erbe ausschlagen wollen. Nahe Verwandte sind auch dann verpflichtet, für die Beerdigung aufzukommen. In 746 Fällen war etwa die Münchner Behörde im Jahr 2013 erfolgreich - die restlichen 473 Verstorbenen wurden von Amts wegen bestattet.

Eine solche Beerdigung sei zwar einfach gehalten, aber es handele sich keineswegs um eine Armutsbestattung, betont die Abteilung. Oft kann die Beisetzung vom Geld des Verstorbenen bezahlt werden, andernfalls kommt die Stadt dafür auf. Die Kosten liegen bei rund 3000 Euro.

Dass ihr Kunde gestorben ist, merken Banken und Sparkassen oft erst daran, dass per Post versendete Kontoauszüge zurückkommen. Sie sperren dann das Konto. Fristen gebe es keine, sagt Sabine Gegg vom Sparkassenverband Bayern. „Doch wir sind natürlich auch dahinter, dass bald ein Erbe gefunden wird“, sagt sie. Darum frage man öfter beim Nachlasspfleger nach.

Fälle können Jahre dauern

Mednansky und ihr Kollege Bertram Rudolf wissen, dass die Suche Jahre dauern kann. „Letzte Woche haben wir einen Fall aus dem Jahr 1992 abgeschlossen“, sagt Rudolf. In 20 Jahren habe sie nur in 2 Fällen keinen Erben gefunden habe, sagt Mednansky. Dann geht der Besitz - vom Fotoalbum bis zum herrschaftlichen Anwesen - an das jeweilige Bundesland. In 1123 Fällen ist der Freistaat so 2013 nach Angaben des Landesamtes für Finanzen zum Erben geworden, etwa 4,5 Millionen Euro hat das Land damit eingenommen - die Ausgaben nicht verrechnet.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl dieser Staatserbschaften stark gestiegen, einen Zusammenhang zur demografischen Entwicklung sieht das Amt jedoch nicht. Denn meistens gibt es zwar Angehörige. Die schlagen das Erbe aber aus Angst vor Schulden aus.

Manche hatten keine Chance im Leben

„Man darf nicht allzu empfindlich sein, aber natürlich gehen uns unsere Fälle nahe. Ich sehe oft, wie jemand keine Chance hatte im Leben. Bis zuletzt“, sagt Nachlasspfleger Rudolf. „Wir sehen Dinge, die die Menschen eigentlich verstecken wollten.“ Da war etwa der Mann, der die Toilettenspülung mit Regenwasser betrieb, erzählt er. Nicht aus Umweltschutz, sondern weil die Wasserrechnung zu hoch war.

Oder die Frau, die alle Heizkörper in ihrer Wohnung abmontierte, um zu sparen. Große Erbfälle und wertvolle Funde sind selten, dafür sind Verwahrlosung, Armut und zugemüllte Wohnungen eher die Regel. „Schlimm ist es, wenn die Leiche erst nach Tagen entdeckt wird“, sagt Mednansky. „Der Geruch zieht bis in die letzte Ecke des Schrankes und man muss fast alles wegwerfen.“

Doch ihr Beruf, sind sich die Nachlasspfleger einig, sei spannend wie der eines Detektivs. „Wir sehen das echte Leben“, sagt Mednansky. Was ihr am besten gefällt? Wenn sie einen Erben findet, der sich wirklich freut und von dem verstorbenen Verwandten gar nichts wusste. Es ist ihr Beitrag dazu, zerbrochene Familien zusammenzubringen.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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