Influenza-Alarm: Viren-Explosion in München

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München - Auf München rollt eine neue Influenza-Welle zu. Die so genannte echte Grippe, die vor allem für Kinder und Senioren lebensgefährlich werden kann, breitet sich in der Stadt und auch im Umland immer mehr aus.

Noch in dieser Woche könnten die Neuerkrankungen explosionsartig zunehmen, befürchtet Professor Georg E. Vogel. Der 65-Jährige gilt als einer der weltweit renommiertesten Experten auf dem Gebiet der Influenza-Forschung.

„Gerade beim Faschingsfinale kommen viele Menschen eng miteinander in Kontakt. Dadurch steigt die Ansteckungsgefahr massiv“, warnt Professor Vogel in der tz.

In seiner Nymphenburger Praxis geben sich die Grippe-Kranken derzeit die Klinke in die Hand. Binnen zweier Tagen hat der Infektiologe neun Patienten positiv auf Influenza-Viren gestestet (siehe Bericht gleich rechts): „Eine solche Häufung habe ich in den vergangenen zehn Jahren nicht erlebt. Wir haben beide Virustypen nachgewiesen – sowohl A als auch B“, so der Professor.

Der lebensrettende Pieks: Diese Risikogruppen sollten sich gegen Grippe impfen lassen

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Auch das Münchner Gesundheitsamt bestätigt eine Zunahme der Neuerkrankungen. In der vergangenen Woche sind 28 Fälle gemeldet worden. Dieser Wert sei noch vergleichsweise gering, erläutert der Leiter der Abteilung Gesundheitsschutz, Jürgen Zühl. In Spitzenzeiten bekomme die Behörde schon mal 100 Meldungen pro Woche. Allerdings könne die jüngste Steigerung der Fallzahl durchaus auf den Ausbruch einer neuen Influenza-Welle hindeuten. Zühl zur tz: „Im vergangenen Jahr war die Grippe-Welle zu dieser Zeit bereits in der Stadt.“ Dass sie München auch heuer erwischt, ist hochwahrscheinlich. Das Problem des Gesundheitsamts: „Wir können nicht genau vorhersagen, wann die Welle kommt und wie heftig sie ausfallen wird.“

Influenza ist eine tückische Erkrankung. „Sie überfällt den Körper rasend schnell“, erläutert der Infektiologe Vogel: „Die Patienten können innerhalb von ein, zwei Stunden schwer erkranken. Sie sollten sofort zum Arzt gehen. Es kann fatale Folgen haben, die Influenza auf die leichte Schulter zu nehmen.“ Kinder seien besonders gefährdet, weil ihr Immunsystem noch nicht ausgereift ist. Erst am vorvergangenen Sonntag war in Trier ein viereinhalbjähriges Kind an den Folgen einer Influenza gestorben.

Behandelt wird die Virusgrippe vor allem mit dem Medikament Tamiflu. Es gibt auch eine Impfung gegen die Erkrankung, die inzwischen von allen Krankenkassen bezahlt wird. „Ich kann jedem nur dringend raten, sich impfen zu lassen“, betont Professor Vogel gegenüber der tz. „Wir haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Todesfälle auf Grund von Influenza erlebt. Wären die Opfer geimpft gewesen, könnten sie heute noch leben.“

„Meine Tochter war klinisch tot“

Er geht abends mit der Influenza ins Bett, wacht morgens mit ihr auf – und manchmal beschäftigt ihn die Virusgrippe sogar nachts. Georg E. Vogel (65) ist ein Getriebener im positiven Sinne, hat sich ganz der Bekämpfung und Erforschung dieser Krankheit verschrieben.

Seine Triebfeder ist ein dramatisches persönliches Erlebnis, das inzwischen 17 Jahre zurückliegt. Damals war Vogels Tochter Chiara bereits klinisch tot, der Papa konnte sie erst im allerletzten Moment ins Leben zurückholen. Hinterher stellte sich heraus, dass Chiara am Influenza-Virus erkrankt war.

„Unsere Kleine war gerade mal sechs Monate alt. Ich habe die Bilder immer wieder vor Augen. Bis heute. Wenn ich daran denke, schüttelt es mich“, berichtet Vogel. Der schlimmste Moment im Leben des Professors: Seine Frau Claudia schaut nachts nach dem Baby. Chiara – eben noch kerngesund – liegt leblos in ihrem Bettchen. Die Pupillen weit aufgerissen, das Gesicht blauschwarz verfärbt. Kein Puls mehr. „Ich hatte panische Angst“, erzählt Vogel nachdenklich.

Geistesgegenwärtig greift der Mediziner seine Tochter an den Füßen. Hebt sie in die Höhe – mit dem Kopf nach unten. Schlägt ihr mit der Faust in den Rücken. Plötzlich hustet Chiara. Wasser, das sich in der Lunge gesammelt hatte, fließt aus ihrem Mund. Das kleine Herz fängt wieder an zu schlagen. Gott sei Dank. Heute hat sie keinerlei Beschwerden mehr, die 17-Jährige macht bald ihr Abitur.

Nach der Gratwanderung zwischen Leben und Tod stellt Vogel seine Tochter erneut auf den Kopf. Diesmal allerdings nur bildlich gesprochen.

Die Untersuchungen bringen ans Licht, dass Vogels Tochter den Influenza-Virus in sich trägt – ein Wendepunkt im Leben des Mediziners. „Wenn Chiara damals nicht überlebt hätte, wären wir nie mehr glücklich geworden. Dieses Erlebnis hat sich in meinen Kopf eingebrannt. Ich will so viele Eltern wie möglich davor bewahren, dass sie ihr Kind verlieren.“

Derzeit erforscht Vogel, ob die Influenza-Viren möglicherweise auch für viele Fälle des plötzlichen Kindstods verantwortlich sein könnten.

Mit seiner Leidenschaft fürs Helfen hat der Infektiologe übrigens längst auch seinen 20-jährigen Sohn Georg Rudolf angesteckt: „Er studiert Medizin“, berichtet der Papa stolz. Auch der Junior kann sich glücklich schätzen: Welcher angehende Arzt hat schon ein wandelndes Medizin-Lexikon im Wohnzimmer.

So funktioniert der Schnelltest

Bei der Influenza-Diagnose hat die Medizin gewaltige Fortschritte gemacht. Inzwischen lässt sich das Virus mit immer besseren Schnelltests nachweisen. Vogel und sein Team verwenden ein hochmodernes Gerät, das eine US-Firma entwickelt hat. „Wir setzen es als erste Praxis in Europa ein“, sagt der Professor.

Und so funktioniert’s:

Zunächst macht ein Mitarbeiter einen Abstrich. Dazu wird dem Patienten vorsichtig ein langes Wattestäbchen in die Nase geschoben. Kitzelt ein bisschen, tut aber nicht weh.

Die Probe kommt in ein Reagenzgläschen mit einer speziellen Flüssigkeit.

Dann wird das Gemisch auf einen Objektträger geträufelt – das ist eine Art Minikassette.

Der Mitarbeiter schiebt den Objektträger in das elektronische Analysegerät. Es testet die Probe auf beide Virustypen A und B.

Nach gut zehn Minuten druckt das Gerät ein Ergebnisprotokoll aus. Darauf steht, ob beide Tests positiv oder negativ ausgefallen sind.

Andreas Beez

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