Im Netz der Judenhasser

Extremisten-Hetze gegen prominente Münchner - Knobloch und Herrmann warnen

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Charlotte Knobloch im Visier der perfiden Propaganda.

Prominente Gesichter aus aller Welt werden bei einem extremistischen Internetportal Opfer von Hetze. Wir haben uns mit Charlotte Knobloch über die jüngsten Vorkommnisse unterhalten.

München - Der Hass ist sorgfältig verschlagwortet: Nach Ländern, Branchen und Hetz-Kategorien können Nutzer auf „Judas.watch“ angebliche „Verräter“ suchen. Die extremistische Internetseite listet auf, wer sich gegen Weiße ausspreche, für Flüchtlinge, und überhaupt wer alles vom „jüdischen Einfluss“ gesteuert sei. Juden werden auf der Seite mit einem Davidstern gekennzeichnet. Was hat es auf sich mit dieser perfiden Propaganda im Internet?

„Ich finde diese Liste extrem bedenklich“, sagt Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, im Gespräch mit uns. „Wer sich für Toleranz und Miteinander einsetzt, wird Ziel von solchen Anfeindungen.“ Der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke zeige, „welche Gefahr von gewaltbereiten Rechtsextremen ausgeht“.

Mehrere Dutzend Bayern stehen auf der Liste, so wie OB Dieter Reiter: Er habe sich für ein Pegida-Lokalverbot eingesetzt. Stadtrat Marian Offman ist mit Davidstern gelistet: Er habe Flüchtlinge willkommen geheißen und an der Schwulenparade CSD teilgenommen. Kardinal Reinhard Marx: Er habe AfD und Pegida angegriffen und gesagt, ein Katholik könne nicht Ausländerfeind sein. Sogar Liedermacher Hans Söllner ist betroffen, wegen Widerworten gegen die FPÖ.

Die deutsche Seenot-Kapitänin Carola Rackete ist mit Bild und Kurzbiografie dabei, auch weite Teile der Bundesregierung, die Spitzen von FDP, Grünen, Linken. Fotos und Pfeile zeigen angebliche Verbindungen auf.

Hass im Netz: „Es wird zu wenig unternommen“

Harmlos? Nur Einschüchterung? Oder die Vorstufe zu Todeslisten? Nach dem antisemitischen Übergriff auf einen Rabbiner in Schwabing redet auch München über Bedrohungen. Die für Judas.watch zuständige Berliner Polizei sieht indes keine konkrete Gefahr. Sammellisten seien in der Szene üblich, das gehe „in der Regel grundsätzlich nicht mit einer unmittelbaren bzw. konkreten Gefährdungslage für die Betroffenen einher“, sagten die Beamten dem ARD-Magazin „Report München“.

„Angriffe auf unsere liberale Gesellschaft“: OB Dieter Reiter.

Eine Seite sperren zu lassen, ist erst nach Gerichtsurteilen möglich. Der Anbieter sitzt im Ausland, laut ARD in der Ukraine. Münchens SPD ruft nach Ermittlungen. Auch Knobloch fordert aktiveres Handeln der Behörden: Es werde „zu wenig unternommen“ gegen Hass im Netz. „Es ist abstoßend, wie hier aus der vermeintlichen Anonymität des Netzes heraus gehetzt wird“, sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). „Dass jüdische Menschen mit einem Davidstern besonders gekennzeichnet sind, ist perfide und erinnert an dunkelste Tage der deutschen Geschichte.“ Jüdisches Leben stehe in Bayern unter dem besonderen Schutz der Sicherheitsbehörden, so der Minister.

Die Judenhasser sind nicht die Einzigen mit umstrittenen „Watch“-Portalen. „Jouwatch“ aus dem AfD-Dunstkreis beleuchtet kritische Medienmacher. Die AfD sammelt seit einigen Tagen auf „Blick nach links“ Straftaten und angebliche Netzwerke links von ihr. Hamburgs AfD hatte zudem ein Meldeportal eröffnet, auf dem Lehrer denunziert werden sollten, die kritisch über sie reden. Das ging jedoch nach hinten los: Tausende Lehrer machten sich mit Satire-Einträgen auf dem Portal über die Partei lustig. 

München-OB Reiter bittet: Mischt euch ein!

Was ist da los mitten in München? Ein Rabbiner und seine Söhne werden in Schwabing angegriffen, in der Isarvorstadt findet ein Münchner Jude Davidstern-Schmierereien an seiner Hauswand. Jetzt ruft Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) seine Stadtbürger auf: Mischt euch ein gegen Antisemitismus! „Es ist der Auftrag einer verantwortungsbewussten, liberalen, respektvollen und demokratischen Stadtgesellschaft, das nicht hinzunehmen“, sagt Reiter. Angriffe auf Juden seien Angriffe auf unsere liberale Gesellschaft. Er ruft die Bürger auf, „sich einzumischen, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung beleidigt, diskriminiert oder angegriffen werden“.

Christian Deutschländer

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