„Fast jeder besitzt zu viel“

Professionelle Aufräum-Trainerin gibt Ihnen wertvolle Tipps

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Eine Frau, viele Handgriffe: Maja Dvorak packt bei den Einsätzen bei ihren Kunden selbst kräftig mit an.

Maja Dvorak ist eine echte Fleißbiene: Mit ihrem Aufräumservice machte die heute 43-Jährige ihre Leidenschaft zum Beruf. Die Nachfrage nach den Künsten der Expertin ist groß. Ein Interview.

Schon als Kind liebte es Maja Dvorak, die Krimskrams-Schublade ihrer Oma aufzuräumen. Nach Jurastudium und einigen Bürojobs machte sie ihre Leidenschaft zum Beruf. Seit drei Jahren bietet sie mit ihrem Unternehmen „Aufräumfreuden“ Hilfe beim Ausmisten und Strukturieren an. Dabei hat die 43-Jährige schon so einiges erlebt.

Wer räumt schon gerne auf? Und dann noch hauptberuflich?

Maja Dvorak (lacht): Mir hat es schon immer Spaß gemacht, Struktur in Sachen zu bringen.

Wie kommen die Kunden zu Ihnen?

Dvorak: Vor allem über meine Internetseite. Mittlerweile auch über Mund-zu-Mund-Propaganda. Ich bin selbst erstaunt, dass der Bedarf so groß ist.

Wer sucht Ihre Hilfe?

Dvorak: Unterschiedlichste Menschen von 20 bis 80 Jahren, mit völlig unterschiedlichen Themen. Vielen fehlt einfach eine Idee, wie sie Struktur in ihre Dinge bringen. Und dann gibt es natürlich diejenigen, die sich ganz schlecht von Dingen trennen können.

Wo fängt man da an?

Dvorak: Viele haben einen konkreten Wunsch, ein bestimmtes Zimmer aufzuräumen oder den Kleiderschrank. Ist es insgesamt chaotisch, überlegt man gemeinsam, was man als Erstes angeht. Ich fange gerne im Keller oder Speicher an.

Warum?

Dvorak: Das Potenzial fürs Aussortieren ist da am größten. Vieles wurde lange nicht benutzt. Da fällt es den Leuten meist leichter, sich zu trennen. Und ein aufgeräumter Keller hat den Vorteil, dass man dort endlich Dinge unterbringen kann, die da auch hingehören.

Zum Beispiel?

Dvorak: Ich hatte mal Kunden, da standen die großen Reisekoffer in der Wohnung rum, weil im Keller kein Platz mehr war.

„Bei einigen ist die Hemmschwelle anzufangen sehr hoch“

Warum schaffen so Viele das nicht allein?

Dvorak: Ein stressiger Berufsalltag oder einfach fehlende Zeit. Gerade bei Familien mit Kindern ist das oft der Fall. Häufig berichten mir Kunden, dass sie es allein versucht haben, aber die Dinge nur von A nach B verschoben und nach kurzer Zeit frustriert aufgegeben haben. Bei einigen ist die Hemmschwelle anzufangen sehr hoch – insbesondere, wenn sich die Dinge über Jahre angesammelt haben. Mancher befindet sich auch in einer schweren Lebenssituation. Da fehlt einfach die Kraft, eine größere Aufräumaktion allein zu stemmen.

Erlaubt der Zustand der Wohnung Rückschlüsse auf die Person?

Dvorak: Mit Pauschalisierungen tu ich mich schwer. Ich denke schon, dass da etwas Wahres dran ist an den in so manchen Ratgebern beschriebenen Ordnungstypen. Manche Kunden sind zum Beispiel so perfektionistisch, dass sie die Unordnung gar nicht angehen können, weil sie ihre eigenen Ansprüche nie erfüllen können. Die blockieren sich selbst. Oft vermischen sich in einer Person die verschiedenen Eigenschaften und Marotten. Vieles verändert sich auch im Laufe der Zeit, sodass ich ungern von bestimmten Typen spreche. Manchmal sieht es am Ende der Woche wegen des Alltagsstresses wild aus – aber in kurzer Zeit ist wieder aufgeräumt.

Ordnung ist Maja Dvoraks ganzes Leben.

Gibt es ein Ordnungssystem, das für alle passt?

Dvorak: Nein. Das muss immer für den jeweiligen Menschen, seine Bedürfnisse und Lebenssituation passen. Aber es gibt natürlich hilfreiche Grundsätze wie „gleiche Sachen am gleichen Ort“. Zum Beispiel Bürosachen in einem Schrank. Oder Klopapier immer in einer Schublade. So behält man den Überblick. Und kauft nicht Sachen nach, die noch da sind.

Wie hoch ist der Anteil an unnützen Dingen, die man so aufhebt?

Dvorak: Schwer zu schätzen. Grundsätzlich haben wir fast alle zu viel. Im Keller stehen nach meiner Erfahrung zu rund 60 Prozent Dinge, die wir nicht mehr brauchen.

Warum heben wir so viel auf?

Dvorak: Weil Dinge noch gut sind. Weil es irgendwer irgendwann noch brauchen könnte. Oft hat es auch emotionale Gründe. Die Studienunterlagen, die Ski, die man zehn Jahre nicht benutzt hat, Hobbys, die man nicht mehr ausüben kann, was dann mit einer gewissen Wehmut oder Traurigkeit einhergeht. Aber es lohnt sich nach meiner Erfahrung, sich mit den Dingen – und damit ein Stück weit mit dem eigenen Leben – auseinanderzusetzen. Auch wenn das nicht immer leicht ist. Wir stoßen beim Aufräumen auf nicht umgesetzte Pläne, geplatzte Träume oder so manch unangenehme Selbsterkenntnis. Wenn sie es schaffen loszulassen, sind meine Kunden meist sehr erleichtert. Dann ist auch wieder Platz für Neues. Aber ich setze natürlich niemanden unter Druck. Die Entscheidungen müssen aus jedem selbst heraus kommen.

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Sie stöbern in den privatesten Sachen der Leute. Ist das manchmal peinlich?

Dvorak: Klar tauchen da manchmal Dinge auf, die man vielleicht gar nicht sehen will (lacht). Aber ich bin da absolut diskret. Und gerade, weil es so persönlich ist, holen die Leute oft lieber jemanden von außen. Der Ehepartner oder eine andere nahestehende Person wird vielleicht schneller ungeduldig und sagt: ,Hau weg das Zeug‘.

Wer ist ordentlicher, Männer oder Frauen?

Dvorak: Das ist ziemlich ausgewogen.

Leute kommen einfach mit ihrer Ablage nicht mehr hinterher

Was war der längste Einsatz, den Sie hatten?

Dvorak: Der dauerte etwa ein dreiviertel Jahr. Nicht täglich, aber immer wieder. Da ging es nicht nur ums Aufräumen, sondern auch ums Sortieren von Post und Unterlagen. Das habe ich öfter, dass ich auf hohe Stapel oder sogar Kisten von Unterlagen mit teils ungeöffneter Post stoße, weil die Leute einfach mit ihrer Ablage nicht mehr hinterher kommen.

Gehört das zu den häufigsten Fehlern?

Dvorak: Ja. Ich würde es aber eher Problemfelder nennen. Zur Unordnung trägt bei, dass sich viele Leute keine Gedanken machen über Dinge, die in ihre Wohnung kommen. Werbepost, Flyer, Geschenke – man sollte immer bewusst entscheiden, was man aufhebt und was man sofort weggibt. Für Dinge, die bleiben, am besten gleich einen Platz finden. Stattdessen werden Stapel gebildet und Entscheidungen vertagt.

Das schlimmste Erlebnis bisher?

Dvorak: Als ein Angehöriger gestorben war, ich mit den engsten Verwandten vor dessen Hinterlassenschaften stand. Und diese eigentlich noch gar keine Kraft hatten, sich damit auseinanderzusetzen.

Und das schönste Erlebnis?

Dvorak: Eigentlich immer, wenn die Arbeit erledigt ist und man gemeinsam viel geschafft hat. Dann geht es den Kunden meist viel besser als vorher und sie fühlen sich wieder wohl in den eigenen vier Wänden. Da stellt sich oft so eine Klarheit ein. Viele freuen sich über den neu verschafften Überblick und die dadurch gewonnene Lebenszeit.

Wie bringt man Kindern Ordnung nahe?

Dvorak: Am besten mit gemeinsamen Ritualen von klein auf. Zum Beispiel immer abends aufräumen, bevor man ins Bett geht. Regeln sind auch wichtig. Zum Beispiel: Erst etwas wegräumen, bevor man etwas Neues spielt. Und das Zimmer muss kindgerecht sein. Für kleine Kinder sind zur Aufbewahrung von Spielzeug zum Beispiel Boxen geeignet, an die sie gut rankommen. Bilder, die den Inhalt symbolisieren oder verschiedene Farben erleichtern das Zuordnen. Wichtig ist, dass alles seinen Platz hat. Das muss man ihnen von klein auf nahe bringen. Von selbst kommt das selten. Es hilft nichts zu sagen, räum dein Zimmer auf, wenn Kinder nie gelernt haben, wie das geht. Und natürlich sind Vorbilder enorm wichtig. Eltern sollten also mit gutem Beispiel vorangehen!

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