Ist das noch unser München? Teil 2 der Serie

Münchner Stadtbild: Architektur damals und heute unter der Lupe

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Die Stadt München zählt zu einer der schönsten.

Ist diese Stadt noch das München, das die Bürger wirklich wollen? Dieser Frage widmen wir uns in einer Serie. Lesen Sie hier in Teil 2: Das Münchner Stadtbild und seine Einflüsse.

München - München! Da denkt man an eine Mass Bier am Chinaturm, den ewigen Stenz, Lederhosn und die Frauenkirche vor Alpenkulisse. Aber auch an der Landeshauptstadt ist der Wandel der Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Wieviel München steckt eigentlich noch in München? In der großen tz-Serie „Ist das noch unser München?“ gehen wir dieser Frage auf den Grund. Die heutige Ausgabe dreht sich um das Stadtbild. Der Betriebsleiter vom Olympiaturm verrät uns, warum ihn der Blick auf München manchmal traurig macht. Der Direktor vom Münchner Stadtarchiv klärt auf, ob es eigentlich so etwas wie eine typische Münchner Bauweise gibt. Und renommierte Architekten berichten, wie man heutzutage baut und was die Herausforderungen sind.

Architekten erklären: So baut man heute

Riesige Kräne am Vogelweideplatz, eine Mega-Baustelle in der Paul-Gerhardt-Allee: In allen Ecken der Stadt werden zum Teil riesige Gebäude hochgezogen. Wie baut man heute eigentlich?

„Typisch für Neubauten ist die Sandwichnutzung: Im Sockel liegen Geschäfte oder ­Restaurants, darüber Büros, oben Wohnungen“, erklären die Architekten Moritz Auer und Stephan Suxdorf vonAuer Weber. Das Münchner Architekturbüro hat das Stadtbild bereits an vielen Stellen geprägt (Olympiagelände, ZOB, Alter Hof) und wird das auch in Zukunft tun – zum Beispiel mit dem Hauptbahnhof, der etwa ab 2022 nach ihren Plänen umgebaut werden soll. „Diese Nutzungsmischung fördert die Belebung der Quartiere – wir wohnen schließlich in der Stadt.“

Die Architekten Moritz Auer (li.) und Stephan Suxdorf vom Münchner Architekturbüro Auer Weber werden auch den neuen Hauptbahnhof (li.) gestalten

Außerdem baut man heute viel mit Flachdächern – das ergibt die für heute typische „Würfelform“ von Gebäuden. „Diese Bauweise ist Merkmal der klassischen Moderne und hat natürlich auch räumliche Vorteile: Man hat keine Schrägen und kann die volle Geschosshöhe ausnutzen“, erklärt Moritz Auer.

Den stärksten Einfluss auf das heutige Stadtbild hat noch immer die Höhenbeschränkung – so dürfen laut dem Bürgerentscheid von 2004 Wohn- und Bürogebäude in der Altstadt nicht höher sein als die Türme der Frauenkirche, also etwa 100 Meter. Daraus ergibt sich auch die größte Herausforderung für die Architekten heute: trotz Flächenmangel bezahlbaren Wohnraum schaffen. „Beim Thema Höhe müssen in Zukunft unbedingt neue Konzepte entwickelt werden“, betont Auer. „An bestimmten Stellen in der Stadt wird man massiver nach oben gehen müssen – natürlich ausgewogen und maßvoll.“

Auch die Überbauung von Straßen wie im Petuelpark werde künftig eine große Rolle spielen. Unten Autos, oben Nutzraum: „Nach diesem Vorbild könnten auch an anderen Stellen in München Flächen geschaffen werden.“

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Um dem Wohnungsmangel gerecht zu werden, wird heute auch an Stellen gebaut, die früher allein wegen der Lärmbelastung undenkbar gewesen wären – etwa im Hirschgarten oder an der Paul-Gerhardt-Allee in Pasing, wo Wohngebäude direkt an Bahngleisen liegen. „Die architektonische Herausforderung liegt dann darin, mit dem Grundriss eine hohe Wohnqualität zu schaffen – etwa, indem alle Schlafräume zur lärmabgewandten Seite liegen“, erklärt Stephan Suxdorf. Auch zweischichtige Fassaden werden immer wichtiger. In der Trappentreustraße an der Donnersbergerbrücke entsteht von Auer Weber gerade ein zehngeschossiges Bürohaus. „Mit der Doppelfassade aus Glas kann man dann wie in einem Wintergarten die Fenster öffnen – trotz einer Lärmbelastung von 80 Dezibel.“

Die (un)typische Münchner Architektur

Die gotische Frauenkirche, die Glyptothek im Renaissance-Stil, die barocke Theatinerkirche: Für Sehenswürdigkeiten wie diese ist München überall bekannt. Bis auf ihre Lage in München haben sie allerdings nicht viel gemeinsam. Doch gerade dieser Mix ist typisch für die (un)typische Münchner Architektur! „Eine eigene Münchner Bauweise gibt es nicht“, erklärt Dr. Michael Stephan, Direktor vom Münchner Stadtarchiv.

„Hier kommen Einflüsse aus verschiedenen Ländern zusammen – so haben wir etwa ein Klein-Athen am Königsplatz, Klein-Italien am Odeonsplatz und französische Gotik mit der Frauenkirche in der Altstadt.“ Hier die prägnantesten Einflüsse im Detail.

Frankreich

Nymphenburg entstand nach französischem Vorbild

Das Barock-Zeitalter ist mit Frankreich am stärksten verknüpft, das Zentrum des Absolutismus. Das beeinflusst auch München – das Neue Schloss Schleißheim und Nymphenburg sind die prächtigsten Zeugnisse. Nymphenburg übertrifft in der Spannweite mit 632 Metern sogar Versailles! „Aus Frankreich haben sich viele Architekten Bauweisen abgeschaut“, sagt Dr. Michael Stephan. Die Frauenkirche wurde 1468 bis 1488 von Jörg von Halspach errichtet – mit ihrem spätgotischen Stil könnte sie auch in Paris stehen. Typisches Zeichen der französischen Bauweise sind die nach oben strebenden Pfeiler im Inneren. Sowohl die Backsteinfassade als auch die Innenausstattung sind im Vergleich zu anderen gotischen Bauwerken allerdings eher schlicht.

Griechenland

Die Glyptothek am Königsplatz wurde 1830 fertiggestellt

König Ludwig I. war ein glühender Verehrer der griechischen Kultur, entdeckte schon als junger Mann seine Leidenschaft für antike Kunstwerke. „Diese Begeisterung hat sichtbare Spuren in München hinterlassen“, sagt Dr. Michael Stephan. Markantestes Beispiel: die Gestaltung des Königsplatzes mit Antikensammlung, Glyptothek und den Propyläen, die München als „Isar-Athen“ in der ganzen Welt bekannt machte. Seine Sammlung griechischer und römischer Skulpturen wollte Ludwig I. mit der Öffentlichkeit teilen und beauftragte den Bau einer Glyptothek. Leo von Klenze erschuf 1815 einen Platz im Stile eines antiken Forums, den Königsplatz. An dessen Nordseite entstand bis 1830 die Glyptothek. Das 1862 fertiggestellte Tempeltor ist nach dem Vorbild der Propyläen der griechischen Akropolis entstanden. „Mit den Propyläen besitzt München heute das einzige bedeutende Denkmal für den griechischen Freiheitskampf.“

Italien

Vorbild für die Feldherrnhalle (oben) ist die Loggia dei Lanzi in Florenz (unten)

Auch Italiens jahrtausendealte Kultur beeinflusst unsere Stadt: So baute Friedrich von Gärtner 1841 bis 1844 im Auftrag König Ludwigs I. die Feldherrnhalle am Odeonsplatz nach dem Vorbild der Loggia dei Lanzi in Florenz. Zudem haben viele italienische Künstler und Architekten bei der Stadtgestaltung mitgemischt. „Bestes Beispiel für die Italienisierung Münchens ist die Theatinerkirche“, sagt Dr. Michael Stephan. Ab 1662 wurde sie zum Dank für die Geburt des Thronfolgers Max Emanuels errichtet. Baumeister war ursprünglich der aus Bologna stammende Agostino Barelli – wegen heftiger Auseinandersetzungen zwischen Barelli und dem Bauleiter übernahm Enrico Zuccalli 1674 die künstlerische Leitung. Friedrich Sustris (1540-1599) aus Venedig baute die Michaelskirche für die Jesuiten. Auch viele Straßenschilder zeugen noch vom Einfluss italienischer Künstler und Baumeister – etwa die Viscardigasse hinter der Feldherrnhalle, die an Giovanni Antonio Viscardi (plante unter anderem den Bürgersaal und die Dreifaltigkeitskirche) erinnert.

Er hat den Arbeitsplatz mit der besten Aussicht

Ulrich Bodammer (58) ist seit 17 Jahren Betriebsleiter am Olympiaturm. Das bedeutet: Er hat den Durchblick. Denn er sieht aus 291 Metern Höhe ganz genau, wie sich die Stadt verändert hat: „Manchmal macht mich die Aussicht richtig wehmütig!“

Ulrich Bodammer (58) arbeitet seit 17 Jahren als Betriebsleiter am Olympiaturm. Der ist mit 291 Metern das höchste Bauwerk der Stadt. 

Wie im Falle des Radstadions neben dem Olympiastadion, das vor zwei Jahren abgerissen wurde. Und wo noch vor kurzem die alten Institutsgebäude des Zentralen Hochschulsports standen, sind nun Baugruben ausgehoben. „Schade, dass man diese Gebäude nicht so gepflegt hat, dass sie bestehen konnten – immerhin steckt hier Geschichte dahinter. Es ist immer traurig, wenn ein Stück Stadt verschwindet.“

Mit Frau und Tochter (14) wohnt er in einer 90-Quadratmeter-Dienstwohnung im Nebengebäude. „Ich habe im Wechsel mit zwei Kollegen 24-Stunden-Schichten. Wir müssen im Notfall schnell da sein – etwa, wenn es einen Feueralarm gibt.“ Auch am Turm gibt es täglich zu tun, zum Beispiel Aufzüge kontrollieren oder den Drehantrieb vom Restaurant ölen. Mit dem Aufzug ist Bodammer in 30 Sekunden oben: ‚„Zu Fuß brauche ich zehn Minuten. So fit wie das SEK bin ich noch nicht – die schaffen das im Training in drei Minuten.“ Wenn Zeit ist, macht Bodammer auch gern mal Fotos. Kein Wunder: „Gerade bei schönem Wetter ist die Sicht bis in die Berge einfach unbezahlbar.“

Was ihm vor allem auffällt: „Die Stadt rückt immer näher an den Park! Der Olympiapark selbst hat sich kaum verändert, aber an den Rändern tut sich einiges.“ Vieles sei in den vergangenen Jahren abgerissen worden –etwa die alten Industriegebäude und das Bundeswehrgelände Richtung Ackermannstraße. „Früher haben hier die Reisebusse zu den Bayernspielen geparkt“, sagt Bodammer. Doch nicht alles sei negativ. Die größte positive Veränderung war für ihn die BMW-Welt, die 2003 bis 2007 erbaut wurde. „Sie ist ein richtiger Anziehungspunkt geworden. Und auch von der Architektur her ansprechend: Hier hat man sich was einfallen lassen.“ Und bei allem Wandel: Das typische Antlitz der Stadt sei gleich geblieben. Dafür sorge schon die Regel, dass innerhalb des Mittleren Rings kein Gebäude höher sein dürfe als die Frauenkirche. „Der Optik tut es gut, ich hoffe, dass es so bleibt.“ Denn gerade fallen ihm wieder viele Kräne auf: „Wahrscheinlich eine politische Sache: Wegen des Niedrigzinses bauen jetzt alle.“

Lesen Sie hier die anderen Folgen unserer Serie „Ist das noch unser München?“:

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