Alkohol, Drogen oder Selbstüberschätzung

Mit Verkehrserziehung im Schockraum Unfälle verhindern

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Mit einem Präventionsprojekt sollen Unfälle von Jugendlichen, die durch Alkoholkonsum oder riskantes Verhalten verursacht werden, verhindert werden (Archivbild).

Haidhausen - Von einer Sekunde auf die andere ist nichts mehr, wie es war: Verkehrsunfälle sind eine der häufigsten Todesursachen, auch bei Jugendlichen. Chirurgen wollen Schüler nun durch Aufklärung und Abschreckung für Gefahren im Straßenverkehr sensibilisieren.

Der 16-jährige Deniz liegt auf dem Asphalt, ein Sanitäter legt ihm eine Halskrause an. Samt Trage kommt er in den Rettungswagen und später in den Schockraum. Per Ultraschall untersucht ein Arzt im Klinikum rechts der Isar seinen Bauchraum auf innere Verletzungen. Deniz geht in die 10. Klasse des Münchner Asam-Gymnasiums und nimmt mit seiner Klasse am Unfallpräventionsprogramm „Party“ der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) teil.

„Party“ steht für „Prevent Alcohol and Risk Related Trauma in Youth“ - sinngemäß: Präventionsprojekt gegen Unfälle von Jugendlichen, die durch Alkoholkonsum oder riskantes Verhalten verursacht werden. Deniz ist froh, als er die Halskrause abnehmen und von der Trage runter darf. „Man kann die Umgebung gar nicht wahrnehmen mit der Halskrause, man sieht die Menschen drum herum nicht, nur den Himmel, das ist ein komisches Gefühl“, sagt er.

So realitätsnah wie möglich soll das Programm Schülern an einem Vormittag die drastischen Folgen schwerer Unfälle im Straßenverkehr nahebringen und sie zu vernünftigem Handeln animieren. Und zwar ganz ohne erhobenen Zeigefinger, denn das bringe nichts, sagt Uli Schmucker von der Akademie der Unfallchirurgie, einer DGU-Tochter. „Das geht sonst hier rein und da wieder raus.“ Bundesweit bieten inzwischen rund 30 Kliniken solche Aktionstage für Schüler an.

Alkohol, Drogen oder Selbstüberschätzung

Mehr als 17.000 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 24 Jahren verunglückten laut bayerischem Landesamt für Statistik 2014 auf den Straßen im Freistaat. Oftmals waren Alkohol, Drogen oder Selbstüberschätzung mit im Spiel. Solche Unfälle soll das Projekt verhindern. „Schon eine kleine Unaufmerksamkeit genügt, das eigene oder das Leben anderer zu zerstören“, sagt Marc Beirer, Assistenzarzt im Uniklinikum.

Vom Rettungswagen in den Schockraum, auf die Intensivstation und später auf die normale Krankenstation. In wenigen Stunden lernen die Schüler alles hautnah kennen. „Sie sollen das nicht nur sehen und wieder vergessen, sondern sich wirklich gut vorstellen können, wie es im Ernstfall abläuft“, sagt Beirer.

Wie sich dieser Ernstfall anfühlt, hat der 17-jährige Marold am eigenen Leib erfahren - auch wenn er sich an die Zeit zwischen Rettungswagen und Aufwachraum nicht erinnern kann. „Wie viel Uhr ist es und wo bin ich?“, waren seine ersten Gedanken, als er nach der einstündigen Operation wieder zu sich kam.

Er war mit einem Kumpel, einem Fahranfänger, auf dem Weg zur Berufsschule, als das Auto bei nasser Straße ins Rutschen kam und gegen einen Baum prallte. Die Feuerwehr holte den eingeklemmten und schwer verletzten Schüler aus dem Wrack. Oberschenkelbruch lautete die Diagnose.

Noch im Rollstuhl sitzend erzählt Marold den anderen Jugendlichen nun eineinhalb Wochen später eindringlich vom Unfall, von seinen Gedanken, Gefühlen und Schmerzen. Noch immer ist sein Kreislauf von dem großen Blutverlust, der OP und dem vielen Liegen geschwächt. Das Laufen muss er langsam wieder üben, zum Muskelaufbau muss er in die Reha.

Sekunden können das Leben verändern

„Das sind Sekunden, die so einen Unfall verursachen, und der Weg, der danach kommt, ist ein ganz langer Weg“, sagt Moritz Crönlein, der behandelnde Arzt. „Bis alles wieder hergestellt ist, wird es wahrscheinlich drei Monate dauern.“ Dabei sei der Patient eigentlich noch mit einem „blauen Auge“ davongekommen, betont der Mediziner.

Ob er Alpträume habe, will eine Schülerin von Marold wissen. Die hat er zum Glück nicht, aber er werde immer mal wieder in die Situation des Unfalls zurückgeworfen, sagt er. „Das beschäftigt einen schon.“ Auch vor der nächsten Autofahrt habe er Bammel.

Den Schülern gehen die Schilderungen nahe. Für Ardit sind sie Motivation, künftig noch aufmerksamer und vorsichtiger zu sein. „Wenn man langsamer fährt, kommt man ein paar Minuten später an, aber diese Minuten sind dann nicht so viel wert, wie wenn man einen Unfall baut und für sein Leben lang Folgen daran trägt“, findet der 16-Jährige.

dpa

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