Berufung statt großes Geld

Mann macht jetzt einen Job, den viele nicht verkraften könnten

+
Er macht den Tod angenehmer: Seit elf Jahren arbeitet Michael Bohner als Krankenpfleger in der Klinik für Palliativmedizin des Krankenhauses Barmherzige Brüder.

Früher hat er einen Supermarkt geleitet. Vor über zehn Jahren hat Michael Bohner seinen gut bezahlten Job aufgegeben, um sich einer berührenden Aufgabe zu widmen.

  • Michael Bohner war früher stellvertretender Filialleiter eines Supermarkts.
  • Dann entschied er sich für einen anderen Lebensweg.
  • Nun arbeitet er seit elf Jahren als Krankenpfleger in der Palliativmedizin des Krankenhauses Barmherzige Brüder in München.

München – Am Ende haben viele ein leichtes Lächeln im Gesicht. „Wenn jemand stirbt, ist sein Gesichtsausdruck meistens entspannt“, erzählt Michael Bohner, Zwei-Tage-Bart, offener Blick. Der 41-Jährige hat schon viele Tote gesehen. 

Er ist seit elf Jahren Krankenpfleger in der Klinik für Palliativmedizin des Krankenhauses Barmherzige Brüder in München – und Tröster und Mutmacher in den letzten Lebenstagen. „Für die Patienten, die zu uns kommen, gibt es keine Chance auf Heilung “, sagt er. „Sie haben einen langen Leidensweg hinter sich.“ Viele sind an Krebs erkrankt, andere leiden an Herz-, Lungen- oder neurologischen Krankheiten.

München: Supermarktleiter gab Job auf - um sich um den Tod zu kümmern

Elf Doppel- und zehn Einzelzimmer gibt es in der Klinik. Sie sind in hellen Farben gehalten, die meisten haben einen Zugang zur Terrasse. Vor ein paar Türen steht eine Engelsfigur mit einer Blume und einem Teelicht. In diesen Räumen ist in den vergangenen 24 Stunden jemand entschlafen, wie Michael Bohner das Sterben lieber nennt. „Die Menschen entgleiten dem Leben“, sagt er. Ziel der Palliativmedizin ist, dass sie dabei keine Schmerzen oder Atemnot haben: „Unser Behandlungserfolg ist, wenn der Patient friedlich sterben kann.“

Ursprünglich hatte Bohner einen anderen Lebensplan. Er war stellvertretender Filialleiter in einem Nürnberger Supermarkt, als er Mitte 20 an einem Führungskräfteseminar teilnahm. Dort sollte er eine Grabrede über sich selbst schreiben – und kam ins Grübeln. Sind Erfolg und Reichtum wirklich das, was er im Leben will? Nein. 

Video: Wissenschaftler rätseln, warum mehr Männer als Frauen an Brustkrebs sterben

Münchner arbeitet auf Palliativstation: „Konnte gut mit dem Tod umgehen“

„Ich wollte nicht als Unternehmer wahrgenommen werden“, sagt er, „sondern durch eine nette, menschliche Art in Erscheinung treten.“ Michael Bohner ging nach Berlin und machte ein freiwilliges soziales Jahr in einer Suppenküche. „Zum ersten Mal war ich mit mir im Reinen“, erzählt er. Und er wusste, dass er in einem sozialen Beruf seine Berufung findet.

Es folgte ein Praktikum auf einer Wachkomastation. „Da habe ich gemerkt, dass ich gut mit dem Tod umgehen kann.“ Bohner entschied sich für eine Pflegeausbildung und hatte dabei auch einen Einsatz in der Palliativklinik. Dort blieb er. Die Arbeit ist zwar manchmal belastend, aber er kann damit umgehen. „Ich gehe hier raus und bin im Freizeitmodus“, sagt er.

München: Auf anderen Klinikstationen fehle es oft an Zeit

Der 41-Jährige ist ein positiver Mensch, der beim Reden oft lacht – das hilft bei seinem Beruf. „Am besten ist es, mit einem guten Gefühl auf die Patienten zuzugehen“, sagt er. „Ich versuche, sie ganz normal und menschlich zu behandeln.“ Auf anderen Klinikstationen fehle es oft an Zeit. 

Hier nicht: „Wir kümmern uns um Körper, Geist und Seele.“ Die Zeit verläuft auf der Palliativstation anders: Manchmal scheint sie stillzustehen, manchmal rast sie viel zu schnell. „Wie lange dauert es noch?“ ist eine Frage, die Michael Bohner öfters hört. Er hat keine Antwort darauf. 

„Meiner Erfahrung nach sterben 60 Prozent unserer Patienten innerhalb von zehn bis 15 Tagen“, sagt er. „Manche stabilisieren sich aber auch wieder so weit, dass sie noch etwas vom Leben haben.“ Einige könnten noch einmal nach Hause oder in ein Hospiz.

Der Tod kommt schleichend. Die Patienten verlieren den Appetit und ihr Interesse am Alltag, sie werden müder, ihre Gliedmaßen werden kälter, einige träumen von Verstorbenen. Manche sind komatös, andere geistig fit. Mit dem Wissen, dass das Ende naht, gehen alle anders um.

München: Die besonderen Wünsche der Sterbenden werden hier am Ende erfüllt

„Manche sind zutiefst traurig, manche kämpfen und manche sind erstaunlich positiv“, sagt Bohner. „Einige bereuen es auch, zu viel gearbeitet und zu wenig gelebt zu haben.“ Das Sterben ist so individuell wie das Leben.

Michael Bohner zeigt einen Ordner. Das Abschlussbuch. „Die Angehörigen können darin eine Seite für den Verstorbenen erstellen“, erklärt er. „Es ist sehr berührend.“ Sterbebilder, Urlaubs- und Familienfotos aus alten Zeiten, Zeichnungen von Kindern und viele Erinnerungen stecken darin. Manchmal bedanken sich die Angehörigen für die Zeit in der Klinik für Palliativmedizin – und dafür, dass dort nicht alles traurig ist. Sie hätten viel gelacht, schreibt die Familie eines Verstorbenen, und Prosecco getrunken und den Mann mit dem Hund überrascht. 

Derartige letzte Wünsche versucht das Team zu erfüllen. „Einmal haben wir das Pferd von einer Patientin hergeholt“, erzählt Bohner. „Manche können auch nicht sterben, bevor sie einen Angehörigen nicht noch einmal gesehen haben.“

Palliativstation in München: Traurige Geschichten kommen nicht selten vor

Der 41-Jährige erinnert sich an ein Mädchen, zehn oder elf Jahre alt. „Sie ist auf dem Bett von ihrem Opa gesessen, bis er gestorben ist“, erzählt er. Auch ein junger Mann ist ihm im Gedächtnis geblieben. „In der Sterbephase ist er noch einmal aufgewacht“, sagt er. Die letzten Worte an die Ehefrau: „Mach dir keine Sorgen, es ist alles gut.“

Ob er denkt, dass es nach dem Tod weitergeht? „Was danach kommt, weiß keiner“, sagt Michael Bohner und überlegt kurz. „Aber ich glaube, dass wir keine Angst haben, wenn es soweit ist. Es wird gut sein.“

Ein kleines Wunder spielte sich kürzlich in München ab: Eine junge Münchnerin stürzt tödlich mit ihrem Fahrrad - doch ihr Retter holte sie zurück ins Leben.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Lauter Knall weckt Anwohner in Münchner Nobel-Viertel: Unbekannte zünden Luxus-Autos an - Polizei hat Verdacht
Lauter Knall weckt Anwohner in Münchner Nobel-Viertel: Unbekannte zünden Luxus-Autos an - Polizei hat Verdacht
Am frühen Abend am U-Bahnhof: Mann (45) zu Boden geschlagen und ausgeraubt - Täter auf der Flucht
Am frühen Abend am U-Bahnhof: Mann (45) zu Boden geschlagen und ausgeraubt - Täter auf der Flucht
Monika Gruber will rigorose Ankündigung in die Tat umsetzen - „Ausrede“ könnte viele Fans wieder besänftigen
Monika Gruber will rigorose Ankündigung in die Tat umsetzen - „Ausrede“ könnte viele Fans wieder besänftigen
In Unterwäsche auf Straße aufgewacht: Münchner (30) kann sich nur an einen Schubser erinnern
In Unterwäsche auf Straße aufgewacht: Münchner (30) kann sich nur an einen Schubser erinnern

Kommentare